Dienstag, 28. Dezember 2010

Filme auf ARTE

Einen Filmtipp habe ich für Fans der Ballets Russes:

Paris und seine Künstler
ARTE, 4.1.2011 um 1:35 Uhr

Der Film von Perry Miller Adato zeigt mit einer Fülle von Originaldokumenten und Filmen das einzigartige Leben der Avantgarde in Paris zwischen 1900 und 1930. Im Grunde bringt er genau das, was ich gerade als Buch übersetzt habe, nur sehr viel sachlicher und wissender in den Kontext eingeordnet. Die Ballets Russes kommen dabei nicht zu kurz und werden meines Wissens erstmals in ihrer Bedeutung für die Kunst und Kultur im Paris der Avantgarde gewürdigt. Mehr noch: Fans dürfen sich auf Originalmaterial mit Cocteau, Strawinsky und Mary Rambert freuen - die Frau, die Nijinsky beim Einstudieren seiner Choreografie half, ist im Interview zu sehen. Außerdem dabei: Nicolas Nabokov, der später für die Ballets Russes komponiert hat, Lynn Garafola und Rudolf Nurejew in der Rolle des Fauns.
Wer wissen möchte, in was für einer Atmosphäre, in welchem Umfeld und künstlerischen, multikulturellen Reichtum die Ballets Russes entstanden und Triumphe feierten, sollte diesen Film unbedingt ansehen!

Leider nicht mehr wiederholt wird der englische Spielfilm:

Die roten Schuhe

Auf der Seite bei ARTE kann man hineinschauen und Wissenswertes lesen - etwa, dass hier bahnbrechend neu Ballett und Film miteinander verwoben wurden - preisgekrönt übrigens. Ganz so neu ist die Idee allerdings nicht - bereits frühe Stummfilmer widmeten sich immer wieder dem Ballett, nur eben mit weniger technischen Mitteln. Ein paar davon kommen in meinem Buch vor.

Dieser Film ist für Nijinsky-Fans aus einem anderen Grund interessant: Die Rolle des diabolischen Schuhmachers Grischa wird nämlich von Léonide Massine getanzt. Stellen wir uns die Zeit vor: Als der Film erscheint, lebt Nijinsky noch (er stirbt 1950). Massine hat ihn auch in seiner gesunden Zeit noch gekannt - er ist der Mann, der Nijinsky als Liebhaber und Choreograf bei Diaghilew abgelöst hat.

Unter diesem Aspekt sollte man sich den Film einmal genauer anschauen. Die Geschichte von der Tänzerin, für die im Leben der Tanz die erste Rolle spielen muss, die in ihren roten Schuhen dann aber auch nicht mehr aufhören kann, ist natürlich von Hans Christian Andersen abgeschaut. Trotzdem zeigen Drehbuch und Choreografie (z.B. der Tanz zwischen Maskenmännern) erstaunliche Parallelen zu Le Sacre du printemps und der damals von Nijinsky so grandios inszenierten Selbstopferung der Jungfrau.

Und Boris Lermontov, der Leiter der berühmten Ballett-Truppe - wie viel mag da an Anspielungen auf Diaghilew versteckt sein, wenn ihn die Primaballerina für einen anderen Mann zu verlassen droht? Es lohnt sich außerdem, bei Léonide Massines Tanz genauer hinzuschauen, den er selbst entwickelt haben soll (Sir Robert Helpman war der eigentliche Choreograf des Films): Petruschka lässt grüßen!

Eine Filmografie zu Filmen über Nijinsky oder die Ballets Russes wird sich übrigens in meinem Buch finden, das im Frühjahr erscheinen soll.

Samstag, 25. Dezember 2010

Nijinsky - ganz nah

Ich bin jemand, der Quellenstudium bevorzugt, wenn es nur irgendwie möglich ist. Leider sind Originalschriften nicht immer und überall zugänglich. Das hat sich in Bezug auf die Recherche um Nijinsky seit Anfang meiner Arbeit inzwischen etwas gebessert, wahrscheinlich dank der erhöhten Aufmerksamkeit zum Jubiläum der Ballets Russes. So ist es mir inzwischen sogar gelungen, eine russische Ausgabe seiner Tagebücher zu besorgen, die laut Angaben der Autoren anhand von Fotokopien (ohne Quellenangabe) des Originals hergestellt worden sein soll. Leider ist es etwa dreißig Jahre her, seit ich ein - damals typisch für den Westen im Kalten Krieg - unzureichendes, rudimentäres Russisch lernte. Das Polnische kommt mir bei Ähnlichkeiten zu Hilfe und ich übe mit russischen Filmen... Nun schreibt Nijinsky aber zum Glück in einer relativ einfachen, klaren Sprache.

Wie würde es sein, statt der mir vorliegenden, recht nahen Übersetzung seine Worte so zu lesen, wie er sie selbst gedacht hat? Würde sich etwas verändern? Und wie verlässlich war die Übersetzung?

Auffällig ist zunächst das Schriftbild, weil "ich" im Russischen aus dem markanten Buchstaben Я besteht. So wirkt der Text bereits ohne genaues Lesen stark ich-bezogen. Die ständige Wiederholung des Pronomens macht jedoch keinen linkischen oder gar egomanen Eindruck, eher wirkt es wie auch in der deutschen Übersetzung, als kämpfe da jemand mit einer Selbstdefinition, als lote einer aus, wo die Grenzen seines Ichs liegen mögen und wie dieses Ich zu bewahren sei. Der da in Ich-Form schreibt, ist nicht wortkarg oder seiner Sprache zu wenig mächtig: Er setzt seinen Satzbau, seine Worte nach Rhythmen und Klängen ein. Nijinsky tanzt seinen Text, er schreibt voller Musikalität.

In den Gedichten wird dies noch deutlicher, wenn man sie laut liest. Der Übersetzer gerät hier an Grenzen und mischt deutsche Übertragung mit russischen Wörtern, um zu zeigen, dass Nijinsky Wortspiele baut. Dadurch wirkt der übertragene Text leider nicht selten kindisch-naiv, ja manchmal fast debil - nicht umsonst wurde er oft als typisches Gelalle eines Verrückten klassifiziert.

Im Original wirken meiner Meinung nach die Versversuche Nijinskys sehr viel geistreicher und vor allem literarischer. Wie "irre" ist einer, dem es gelingt, Wortspiele nicht nur aus Bedeutungen und Silben, sondern auch aus Klanganalogien zu schöpfen und diese so anzuordnen, dass man sie fast singen kann? Wie irre ist einer, der ungewöhnliche Gegensatzpaare bildet, den Leser durch Wiederholungen einlullt, sozusagen in Sicherheit wiegt, um dann mit einer minimalen Wortvariation einen völlig neuen Sinn in die Aussage zu legen? Warum hat nie jemand diese Texte in ihrem Zeitkontext untersucht, etwa im Vergleich mit Apollinaires klanganspielungsreichen Gedichten, mit expressionistischer Lyrik oder surrealistischen Trancetexten?

Wenn ich eines dieser Gedichte laut auf Russisch lese, geht es unter die Haut. Das ist ein hochemotionaler Dialog eines Mannes mit seiner Frau: Er ringt um Worte, weil er weiß, dass sie ihn nicht versteht, nicht verstehen will. Er äfft sie nach, in Wiederholungen immer schriller erscheinend, setzt wie einen Holzhammer seine eigenen Bedürfnisse dagegen, immer wieder, immer wieder ungehört. Momentaufnahme einer Ehe, in der sich der Unverstandene mehr und mehr in sich selbst zurückzieht, bis er "tiefinnerlich" weint...

Er fühlt so tief, dieser Mensch. Dabei ist das "tiefinnerlich" nicht einmal in seinem eigenen Wortschatz gewachsen - sein Landsmann Wassily Kandinsky verwendet es mit Vorliebe - und der hatte auch mit den Ballets Russes einige Berührungspunkte. Wie hochspannend wäre es, Nijinskys Tagebücher einmal nicht zu pathologisieren, sondern als ein literarisches Zeugnis auf solche Verbindungen zu seiner Zeit und seiner Kultur wissenschaftlich zu untersuchen! Nijinsky selbst gibt so viele Hinweise darin, wenn man sie nur ernst nehmen würde.

Hochspannend ist dieses Wort, das er für die "Gefühle" so gern und oft verwendet, dass sogar ein Heft im Russischen danach benannt ist: Чувства (gesprochen Tschuwstwa). Das bedeutet eben nicht reine Emotionen oder Stimmungen, sondern sehr viel mehr! In der Einzahl bezeichnet "Tschuwstwo" zum einen den "Sinn" (Inhalt einer Sache / Sinn für etwas), zum anderen das "Gefühl", die "Empfindung"; durchaus in Richtung von "Empathie" (Einfühlung), die ich bei Nijinsky gern im Deutschen lesen würde, als Prozess einer subjektiven Beurteilung.

Die Wortwurzel stammt aus der alten Kirche, heißt in vielen slawischen Sprachen: hören, riechen, verstehen, fühlen. Wer die Sinne benutzt, empfindet, fühlt. Wer fühlt, versteht; findet einen Sinn. Wer fühlt und versteht, empfindet Mitgefühl - eine andere Wortzusammensetzung.

Die Zusammensetzungen und die Verbform des Wortes kommen Nijinskys Inhalten noch näher: Man kann andere und etwas fühlen, aber auch sich selbst - und sich fühlbar machen - für andere. Das führt zum Selbst-Bewusstsein, das identisch ist mit dem Wort für Würde. Ohne das Fühlen gerät der Mensch in die Katastrophe: Er wird bewusst(seins)los. Allein in dieser einen Vokabel liegt bereits ein Großteil von Nijinskys Philosophie. Seine Tagebücher sind ein einziger Schrei nach dem Fühlen, als wolle er "sich fühlbar machen", um sich zu fühlen. Vor der Liebe, die er propagiert, kommt die Empathie.

Wie sehr passt dazu eine andere Entdeckung kurz vor Abschluss des Buchs: Die Harvard University ist dabei, die Dokumente zu Nijinskys Krankheit ab 1919 einzuscannen. Es handelt sich um Briefe der behandelnden Ärzte und der Familie. Dass Nijinskys Frau eine zwiespältige Rolle in der Aufarbeitung der Tatsachen spielte, ist bekannt. Viel wurde herumgedeutet, warum sie Fakten verändert und Textpassagen zensiert hatte. Und solche Mutmaßungen sind für Autoren nicht einfach, weil Persönlichkeitsrechte bedacht werden müssen. Nijinsky ist zwar längst tot, aber es gibt Nachkommen.

Die Briefe jedoch lassen in einigen Angelegenheiten keinen Zweifel mehr. Für Forscher dürfte es allein schon interessant sein, sich die Handschriften anzusehen: Fast verschwindend, fliehend, winzig die von Romola; regelrecht erschreckend die von Tessa in ihren extremen Biegungen. Ausgerechnet Dr. Frenkel-Tissot (der geheimnisvolle "Dr. Fraenkel"), der aller Wahrscheinlichkeit nach ein tragisch endendes Verhältnis mit Romola hatte, wiederholt immer wieder, was diese angetrieben haben soll: "Liebe, Ruhm, Macht und Geld". Spricht hier der enttäuschte Liebhaber oder der Arzt und Menschenkenner? Sie beide haben Nijinsky, noch bevor er einen Psychiater gesehen hatte, regelmäßig ein starkes, süchtig machendes Schlafmittel ins Essen gemischt, das ist belegt (s. Ostwald: A Leap into Madness). Nijinsky war nicht umnachtet, so dass er selbst den Verdacht in seinen Tagebüchern äußern konnte.

Aber auch die anderen Ärzte waren damals nicht zimperlich, meist wussten sie es nicht besser. Für eine Zugreise empfiehlt man, Nijinsky mit einer Skopolaminspritze ruhig zu stellen. Und ein anderer Arzt schreibt an den berühmten Dr. Ludwig Binswanger im Dezember 1919: "Die ganze Behandlung war blödsinnig zwecklos." Engagiert gingen nicht alle mit Nijinsky um.

Leider wird mein Buch erscheinen, bevor das gesamte Material der Sammlung der Harvard Theatre Collection eingescannt sein wird. Aber auch das gehört zum Schreiben: Der Mut zur Lücke, das Erfassen eines größeren Ganzen unter dem Verzicht auf so manche spannende Kleinigkeit, die vielleicht nur das Rechercheursherz erfreut ... Die interessanten Kleinigkeiten kann ich ja in diesem Blog festhalten.

Freitag, 17. Dezember 2010

Bildertest

Die modernen Techniken zur Buchherstellung machen so manche Vorfreude möglich. Noch bevor überhaupt der gesamte Text vorhanden ist, habe ich mir heute einen "Grobentwurf" meines Nijinsky-Buchs mit Bebilderung anschauen können. "Grob" bedeutet, dass da nur Platzhalter stehen und manches Foto nach Bedarf durch ein anderes eingetauscht werden kann. Außerdem ist es eine Maximalversion mit elf ganzsseitigen Abbildungen. Für die werden jetzt die Rechte geprüft und nach Bedarf eingekauft.

Natürlich könnte ich mir den prachtvollsten Bildband vorstellen und wüsste sofort, wo ich bisher so gut wie nie veröffentlichte Bilder von Nijinsky herbekäme. Aber das Projekt soll ja bezahlbar bleiben. Heute, nach der Sichtung, habe ich den Eindruck, es könnte ein richtig schönes Buch werden: zwar textlastig, aber eben auch etwas fürs Auge. Allerdings muss noch heftig viel passieren, bis es so aussieht wie in meinem Kopf. Noch sind ja nicht einmal die Schrifttypen ausgewählt. Kurzum: Für Laien sieht so ein "Grobentwurf" aus wie Kraut und Rüben. Aber bekanntlich wird aus einem Wirrwarr von Schritten manchmal sogar ein Ballett...

Sonntag, 12. Dezember 2010

Tipp für Fans

Einige Fans schauen hier immer wieder vergeblich nach, ob sich im Blog etwas getan hat. Ich bestücke ihn derzeit nicht täglich. Deshalb ein kleiner Tipp, um Zeit zu sparen: Wie jedes Blog lässt sich auch dieses abonnieren - rechts im Menu. Auf diese Art kann man im eigenen Browser bei den Feeds ganz bequem nachschauen, ob ein neuer Beitrag im Blog erschienen ist und diesen bei Bedarf aufrufen.

Montag, 6. Dezember 2010

Vorabpremiere

Ich habe das noch nie zuvor getan. Ich habe noch nie einen Text zum öffentlichen Lesen zur Verfügung gestellt, der nicht absolut perfekt war. Dieser Text ist zwar grob lektoriert, hat aber noch keine Endkorrekturen erlebt. Er sieht auch nur aus wie in einem Buch, ist aber nicht endgültig gesetzt. Kurzum - die Vorableseprobe ist eine Arbeitsversion.
Trotzdem möchte ich all meinen Leserinnen und Lesern ein kleines Nikolausgeschenk machen und einen Einblick in mein Nijinsky-Buch geben, das 2011 erscheinen wird. Wann genau und unter welchem Titel wird man natürlich in diesem Blog erfahren können!

Freitag, 3. Dezember 2010

Modewellen

Gab es in den 1960ern und 1970ern eine Art russischer Modewelle? Und woher kam sie? Diese Frage stellte ich mir gerade in einem Kommentar in meinem Blog "cronenburg". Dann tickte es in meinem Kopf, ich schaute in meinen Büchern nach und entdeckte Erstaunliches: Die Ballets Russes inspirierten nicht nur die Modemacher ihrer eigenen Epoche! Es gab ein mehrfaches Revival - und zwar immer dann, wenn außergewöhnliche Ausstellungen weltweit von sich reden machten. Den wenigsten Frauen, die ihre Kleidung von der Stange oder aus dem Katalog kaufen, wird der Zusammenhang zu Originalkostümen der Ballets Russes klar gewesen sein - und doch bezaubern die Schnitte und Textilien auch in den einfachsten Versionen.

Mary E. Davis hat es in ihrem Buch "Ballets Russes Style. Diaghilev's Dancers and Paris Fashion" (Reaktion Books) aufgeschrieben, wann solche bahnbrechenden Ausstellungen oder Veranstaltungen den Geschmack beeinflussten. 1967/68 kam es zu einem ersten Mode-Revival im Stil der Ballets Russes, als bei Sotheby's  die Kostümsammlung von Grigorjew versteigert wurde - die erste Großversteigerung dieser Art. Im Stil der Diaghilew-Ausstellung von Richard Buckle 1954 setzte Sotheby's ganz auf Erlebnis und Ambiente und begleitete den Verkauf mit Veranstaltungen, zu denen gekrönte Häupter und noch lebende Tänzer des Ensembles kamen. Damit war auch eine breite Presse garantiert. Im Jahr darauf kam es zu einer weiteren großen Kostümversteigerung aus den Nachlässen von Massine und de Basil.

Das Timing hätte nicht besser sein können. All die opulenten Stoffe, der orientalische Look, die altrussischen Muster - das alles traf auf die Hippiekultur mit ihrer Sehnsucht nach ethnischen und verspielten Kleidern, nach Rollenbrüchen und Unkonventionellem. Über Versteigerungen für Sammler wirkten die Ballets Russes also lange nach ihrer Auflösung bis in die Kleiderschränke von ganz normalen Leuten hinein.

Die nächste Welle kam aus der Haute Couture. Yves Saint Laurent machte 1976 Furore mit einer Hommage an die Ballets Russes - eine ganze Kollektion widmete er dem Thema und auch sein Parfum "Opium" (1978) soll davon inspiriert worden sein. Die große Kostümausstellung 1978 im Metropolitan Museum of Art (siehe Links) tat ihr übriges zum neuen Russenrausch in der Bekleidung - und ich behaupte frech, auch die beliebten James Bond Filme und das Kino schürten das Interesse an dem damals noch geheimnisvollen, exotischen Land hinter dem Eisernen Vorhang.

Interessant ist, dass Mary E. Davies ein neues Revival des "Ballets Russes Style" im Gefolge der weltweiten Hundertjahrfeiern und Ausstellungen ausmacht. Sie nennt Karl Lagerfelds Kollektion "Paris-Moscou" 2009 für Chanel - wobei die Gründerin der Firma, Coco Chanel, bekanntlich eine der großen Mäzeninnen der Ballets Russes war und auch Bühnenkostüme entwarf. Lagerfeld kam natürlich nicht nur das Hundertjährige entgegen, sondern auch die Tatsache, dass in Frankreich 2010 das russisch-französische Kulturjahr eingeläutet wurde - mit unzähligen kulturellen Veranstaltungen und Society-Events. Inzwischen ist das Kulturjahr fast vorbei, die Franzosen haben mit Begeisterung russische Musik, Literatur und Kunst genossen und nie gab es so viele russische Produkte im Land. Russland ist plötzlich hip.

Es dauert natürlich immer eine Weile, bis sich Ideen der Haute Couture bis zum Discounter fortsetzen. Manchmal bleiben sie auch nur Minderheitengeschmack für eine einzige Saison. Trotzdem kann ich zumindest für Frankreich behaupten, dass es noch nie so einfach war, sich ein wenig "Ballets Russes Feeling" zu verschaffen, für jeden Geldbeutel. Da sind all die falschen Plüschpelze und die Pelzkragen zum Umhängen, samtene Uniformjacken in Rot, Grün und Blau wie zu des Zaren Zeiten - und geraffte, fließende Oberteile über Leggings, als wären sie von Poiret für seine orientalischen Pluderhosen gemacht. Auch die trägt man in Frankreich wieder, in der etwas schlankeren afrikanischen Form, Sarouel genannt.

Schmuck darf wieder üppig und orientalisch blinken und plötzlich sieht man überall dieses Blau, für das Benois so berühmt wurde und das sich Cartier einst abgeschaut hat. Und zu allem Überfluss kann man sich heute noch in die gleichen Düfte hüllen, die einst Nijinsky und Diaghilew als völlig neue Avantgarde-Düfte in der Nase gehabt haben. Welche Parfums diese hundert Jahre überlebt haben, weil sie heute noch zeitlos sind, verrate ich in meinem Buch - mitsamt ihrer "russischen" Geschichte. Chanel hat es sich jedenfalls auch nicht nehmen lassen, zum Hundertjährigen der Ballets Russes einen alten, vergessenen Duft von 1924 neu aufzulegen: "Cuir de Russie" (Russisch Leder). Die Rezeptur stammt wie beim weltberühmten "Chanel No. 5" vom Parfumeur des Zaren, den Coco durch Diaghilew kennengelernt hatte. Kein Wunder, dass es bereits ein älteres russisches Parfum von Lt Piver gab. Eigenartig, dass beide meiner Nase bisher entgangen sind...

Surftipps:
Anmerkung: L.T. Piver hatte unwahrscheinlich alte Düfte aus der Belle Epoque im Programm, aber sowohl der Server der Firma scheint platt als auch der Verkäufer. Im Web findet man nur noch Vintage-Fläschchen. Ich werde mal hier in Frankreich nachforschen, ob die Firma überhaupt noch existiert.

    Donnerstag, 2. Dezember 2010

    Design weg

    Leider gab es im Blog eine Havarie - das wunderschöne Design ist zerschossen.
    Der Anbieter hatte seine Fotos dazu nicht richtig gehostet und leider funktioniert es über die Designerin selbst auch nur ab und zu, dann mal wieder nicht. Pech, wenn man externe Layouts verwendet.
    Im Moment habe ich bei Blogger ein Layout gewählt, das in meinem Augen erst einmal als "Notdesign" dient, bevor ich Zeit zu mehr Bastelarbeiten habe. Ich bitte, das Chaos zu entschuldigen.

    Bücher-Welten erleben

    Ich hasse Shopping. Ich feiere kein Weihnachten. Aber jedes Mal, wenn ich ein größeres Projekt zu Ende gebracht habe, mache ich mir für die Arbeit ein ganz besonderes Geschenk. Oft hat das dann zufällig mit einem meiner Bücher zu tun, weil ich zu der verrückten Sorte Autoren gehöre, die sich mit ihren Kopfwelten auch greifbar umgeben müssen.

    Nun ist es kein Geheimnis, dass ich nicht nur für die Ballets Russes schwärme, sondern auch deren Hinterlassenschaften in Mode, Parfumerie oder Design bewundere und liebe. An manchen Tagen rieche ich sogar nach einem Duft von 1919, der aus dem Dunstkreis der Ballets Russes stammt. Und über meine ganz besondere Vorliebe für ein bestimmtes Blau habe ich bereits mehrfach geschrieben: Als "Benois-Blau" wurde es sogar dem berühmten Künstler, Kostümmacher und Bühnenausstatter der Ballets Russes, Alexandre Benois, zugeschrieben. Nun ist dieses Blau natürlich nicht von Benois geschaffen worden, auch wenn die Russen ganz besonders viele Wörter für die Farbe Blau haben und diese offensichtlich anders unterscheiden können. Doch ist kaum eine andere Farbe so stark mit den Bühnenbildern und Kostümen der Ballets Russes verbunden wie dieses. Selbst Kandinsky schwelgt darin und beschrieb einmal, dass er es als tiefe Orgeltöne wahrnahm.

    Nun liebe ich auch Stoffe - wahrscheinlich weil die Schubladen und Knopfschachteln meiner Mutter, die Schneiderin war, zu den ersten Schatzkisten meines Lebens zählten. Und in der Zeit meiner Rosenrecherche sind mir die typischen russischen Kopftücher mit ihren opulenten Rosen wieder eingefallen. Solche Folkloremuster haben die Ballets Russes mit Vorliebe künstlerisch aufgenommen. Also müssten doch auch noch heutzutage ähnliche Stoffe zu haben sein?

    Das Internet ist zwar ein hervorragendes Rechercheinstrument, aber auch hochgefährlich. Ich stolperte nämlich über einen Traum von Tuch (mit 1,50 m eher eine Stola), der direkt aus einer Ballettdekoration hätte stammen können. Es wäre ideal für eine der Buden in Strawinskys "Petruschka"!

    Das Original (feiner Wollstoff) hat ein sehr viel tieferes, dunkleres, kobaltartiges Blau, als es die farbverfälschende Kamera zeigt. Und plötzlich war die Erinnerung an eines meiner frühesten Lieblingskleider wieder da, bei dem ich nur verwünschte, dass es ein "Sonntagskleid" war wie damals üblich. Ich durfte das Prachtstück nämlich nicht jeden Tag anziehen, einfach schrecklich! Meine Mutter hatte mir aus einem Wollstoff in eben diesem Blau ein "Russenkleid" geschneidert, mit Stehkragen und assymetrisch seitlichem Schlitz, wie eine Bauernbluse geschnitten. Kragen, Schlitz, Bündchen und die Ärmel waren von Hand mit Hexenstich bestickt, in Sonnengelb und Zinnoberrot. Ich wusste damals noch lange nicht, was Russen sind, aber weil meine Mutter "Russenkleid" dazu sagte, wurden das fortan für mich "Russenfarben". Es ist schon erstaunlich, wie tief einen Erinnerungen an Farben oder Gerüche prägen! Und kommt dann auch noch ein so sinnliches Thema wie die Ballets Russes hinzu, setzt der Verstand aus: der Schal wurde heute geliefert.

    Die Prachtstücke stammen aus der berühmten Manufaktur Pavlovo Possad bei Moskau, die 2012 zweihundert Jahre alt wird und jedes Jahr 200 Modelle herausbringt. Kaum zu glauben ist die Geschichte dieser weltweit begehrten Sammlerstücke. Was sich heute auch Amerikanerinnen oder Französinnen um die Schulter legen, war einst genau das, was in vielen Ländern der westlichen Welt verboten werden soll oder wurde: die religiös vorgeschriebene Kopfbedeckung von Frauen. Später wurde die Stola zum wärmenden Accessoire und Prestigeobjekt. Heutzutage möbelt man damit auch einmal ein langweiliges Abendkleid auf. Nach den orientalischen Mustern entwickelten sich in Russland sehr bunte florale Vorlagen - symbolisch sind sie mit dem Garten Eden und ewiger Glückseligkeit verbunden - und heute eines der Symbole für russische Volkskunst überhaupt.

    Übrigens sind die Preise für die Schals in Deutschland schlicht unverschämt, so dass ich guten Gewissens keinen Händler empfehlen kann. Aber es gibt ja das Internet, wo man auch im Ausland bestellen kann...
    Ich widme mich jetzt einem anderen Päckchen, das unterm Firmenzettel von Pavlovo-Possad hervorlugt: einem Buch über Nijinsky. Noch einem von insgesamt acht, die in diesen Tagen eintreffen werden. Und nein, das macht es natürlich nicht unmöglich, dass ich die Welt mit einem zusätzlichen beglücke, denn all diese Bücher sind längst nicht mehr auf dem Markt und in allen möglichen Sprachen erschienen - nur nie auf Deutsch.

    Samstag, 27. November 2010

    Tagebücher und Biografie

    Es gibt eine gute Nachricht für alle, die sich Nijinskys Tagebücher oder die Biografie zulegen wollen, die seine Frau Romola schrieb. Obwohl beide Bücher längst vergriffen sind und trotz ihrer Bedeutung und Aktualität offensichtlich von Suhrkamp nicht mehr aufgelegt werden, sind derzeit wieder vermehrt antiquarische Exemplare im Umlauf. Und weil es im Moment plötzlich wieder so viele davon gibt, sind auch die Preise erfreulich niedrig. Das Stöbern in Onlineantiquariaten lohnt sich, sogar weltweit! (Manche ausländischen Buchhändler sind trotz Porto billiger).

    Nijinsky: Tagebücher. Übersetzt von Alfred Franck. Insel / Suhrkamp
    Die meiner Meinung nach beste deutsche Übersetzung des russischen Originaltexts. Eine ältere Übersetzung, die noch im Umlauf ist, ist leider eine Übersetzung der französischen Übersetzung. Vor allem enthält diese Ausgabe auch die anfangs durch Romola Nijinsky zensierten Teile des Textes.

    Romola Nijinsky: Nijinsky. Der Gott des Tanzes. Biografie. Insel / Suhrkamp
    Ursprünglich war auch hier von Romola Nijinsky eine zunächst "bereinigte" Fassung veröffentlicht worden - diese Ausgabe folgt dem späteren Gesamttext. Aber Vorsicht bei antiquarischen Exemplaren: Es sind Mängelexemplare unterwegs, bei denen etwa 30 Seiten des Buchblocks fehlen. Nicht alle Verkäufer weisen das leider aus.

    Sonntag, 21. November 2010

    Textarbeit

    Im Moment wird noch hart am Text für das Nijinsky-Projekt gearbeitet - denn zum eigentlichen Kerntext kommen ja noch einige Bonbons hinzu. Für all diejenigen, die mir dabei einmal über die Schulter schauen wollen, habe ich ein paar Fotos von meinen Textarbeiten hier online gestellt.

    Samstag, 20. November 2010

    Nijinskys "spinnerte Ideen"

    Nijinskys Frau, das liest man deutlich aus ihrer doch so vorsichtig und einst sogar zensiert verfassten Biografie heraus, fand einige Ideen ihres Mannes schlicht so spinnert, dass sie nicht mehr zum Aushalten gewesen seien. Der nämlich weigerte sich plötzlich, Fleisch zu essen, was man seinem "Wahn" zuschrieb - ohne zu beachten, dass er nicht der einzige bekehrte Vegetarier seiner Zeit war. Obendrein verehrte Nijinsky auch noch seinen Landsmann Tolstoi derart, dass er sich in den USA drei russischen Tolstoi-Anhängern anschloss. Dies ging Romola dann doch zu weit. Sie drohte ihrem Mann.

    Iris Radisch schreibt in einem Artikel in der ZEIT über die unbekannte Seite Lew Tolstois als "christlichem Agraranarchisten". Ein Artikel, den man lesen sollte, wenn man verstehen möchte, warum Nijinsky eines Tages das Leben in Glamour und Weltruhm so satt hatte und sich nur noch nach echter Mitmenschlichkeit sehnte. Tolstoi wird nach hundert Jahren endlich auch aus diesem Blickwinkel neu bewertet. Es wird Zeit, dass man auch einige "verrückte" Ideen Nijinskys endlich richtig in diesen Zeitkontext einordnet. Interessantes käme zu Tage: Wie Tolstoi handelte Nijinsky aus einer Zerrissenheit heraus und musste an den Widersprüchen der hehren Lebensplanung scheitern...

    Montag, 15. November 2010

    Russische Prachtstoffe

    Ein absolutes Muss für die Menschen, die auch heute noch für die Kostüme und Stoffe der Ballets Russes schwärmen, ist eine Ausstellung im elsässischen Muhlhouse im Museum für Stoffdrucke, die im Rahmen des französisch-russischen Kulturjahres stattfindet. "La Russie en calicot", "Russland in Kattun", ist der Understatement-Titel für eine Sonderschau mit Leihgaben aus Moskau, Iwanowo und der berühmten Manufaktur Trechgornaja in Prohorow, die die Entwicklung russischer Stoffe vom 17. bis 20. Jahrhundert nachzeichnet. Einer der Schwerpunkte ist dabei auch die historische Zusammenarbeit elsässischer und russischer Textilhersteller.

    Für Liebhaber der Ballets Russes gibt es zwei besondere Highlights:
    Leihgaben aus der Sammlung Caroline Roussel und aus dem Centre National du Costume de Scène et de la Scénographie in Moulins, welche die Kunst von Leon Bakst wieder auferstehen lassen.

    Den gesamten französischen Text gibt es bei 3land.info.
    La Russie en calicot
    Ausstellung bis 27. Marz 2011 im
    Musée de l’Impression sur Etoffes

    14, rue Jean Jacques Henner
    68100 MULHOUSE
    33+(0)3.89.46.83.00
    accueil@musee-impression.com
    www.musee-impression.com

    Freitag, 12. November 2010

    Ballets Russes in der NZZ

    "Er ist charmant und macht einen verrückt" titelt die NZZ und lädt zur Londoner Ausstellung über die Ballets Russes ein. Ein lesenswerter Artikel, der nicht nur zeigt, mit welchen künstlerischen Berühmtheiten dieses Ballettunternehmen verknüpft war, sondern auch versucht, in modernen Kategorien dessen Faszination zu begreifen.

    Donnerstag, 11. November 2010

    Translate

    Ab sofort lässt sich dieses Blog live übersetzen mit einem kleinen Klick auf der unteren Leiste. Es ist eine Maschinenübersetzung, die gar nicht so übel fürs Grundverständnis ist.
    Up from now you can translate this blog into several languages - look at the bottom line!

    This is the book's content in Russian:

    Около 100 лет назад русский балет Сергея Дягилева с Вацлав Нижинский был отмечается общее художественное явление. По восточной роскоши и смелые идеи авангардного влиянием русских ведущих композиторов, художников, писателей и дизайнеров в Европе.Друзья и знакомые, такие как Жан Кокто, Пабло Пикассо, Коко Шанель, Анри Матисса, граф Гарри Кесслер, Айседора Дункан и Чарли Чаплин принял участие в личную драму танца и хореографических гения.

    It's not quite perfect:

    About 100 years ago Sergey Diaghilev's Ballets Russes with Vaslav Nijinsky was a celebrated general artistic phenomenon. By Oriental opulence and daring avant-garde ideas influenced the Russians leading composers, artists, writers and designers in Europe.Friends and acquaintances such as Jean Cocteau, Pablo Picasso, Coco Chanel, Henri Matisse, Count Harry Kessler, Isadora Duncan and Charlie Chaplin took part in the personal drama of the dance and choreographic genius.

    Montag, 8. November 2010

    Tolstoi bei ARTE

    Wer Nijinsky besser verstehen will, kommt an Tolstoi nicht vorbei. Nijinsky hat in seiner Kindheit und Jugend Tolstois Bücher verschlungen, eine Gesamtausgabe von dessen Werken war das Abschlussgeschenk in der Kaiserlichen Ballettschule in Sankt Petersburg. Der Tänzer, den so viele späteren Autoren für unbelesen hielten, setzte sich mit Tolstoi intensiver auseinander, als es seiner damaligen Umgebung - vor allem seiner Frau - lieb war. Tolstoi starb 1910, auf dem Höhepunkt von Nijinskys frühem Ruhm - sein Tod erschütterte ganz Russland und die russischen Emigranten in der ganzen Welt. Frankreich trauerte mit Russland um den großen Schriftsteller.

    Wenige Jahre später, nach einer Art Burnout, sehnte sich Nijinsky danach, endlich wieder einmal nach Russland zu seiner Familie zurückzukehren. Er träumte sogar von einem einfachen Leben auf dem Land als Bauer, er identifizierte sich mit Tolstois Altersidealen. Auf der USA-Tournee schloss er sich drei womöglich eher fanatischen Tolstoi-Jüngern an. Ohne zu verstehen, was ihren Mann spirituell umtrieb, stellte ihn Romola vor die Alternative: Tolstoi oder ich. Als sie ihn verließ und wieder zurückkehrte, knickte Nijinsky ein. Aus heutiger Sicht würde man sagen: Der Tänzer, dem alles zu viel wurde, dem nie eine Pause vergönnt war, beruflich wie privat, wollte aussteigen. Aussteigen, wie Tolstoi es nach 50 Jahren Ehe gemacht hatte.

    Vor allem aber wirft das Verständnis von Tolstois Gottsuche und seinem Traum vom einfachen Leben in Menschenliebe vor dem Hintergrund der eigenen Zerrissenheit des Schriftstellers Licht auf Nijinskys Tagebücher. Vieles, was im Westen als wahnhafte Gedanken interpretiert wird, bezieht sich explizit auf die Gedanken und Ideale Tolstois. Auch Nijinsky wird zum Gottsucher, auch er träumt vom Leben in der Natur weit ab vom Glamour der Mäzene und Verehrer. Auch Nijinsky will ausbrechen...

    Heute abend in ARTE werden zwei besondere Filme über Tolstoi gesendet, die ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis von Nijinsky und seiner Zeit sein können:

    21:55 Uhr Tolstoi mit den Augen des Films von Artem Demenok
    40 min. über hundert Jahre altes Originalmaterial wird hir gezeigt - verwoben mit Zeitzeugenaussagen und Tolstois eigenen Gedanken und Schriften
    22:45 Uhr Tolstois Befreiung von Frédéric Mitterand
    Der Film beschäftigt sich mit Tolstois spirituellen Ideen und seinem Ausbruchsversuch aus seiner Familie und seinem bisherigen Leben, der tragisch im Tod endete.

    Montag, 1. November 2010

    Was, wenn alles ganz anders ist?

    Wie irre war Nijinsky? Wer war Nijinsky wirklich? Wie bei jedem Mythos einer Berühmtheit verfolgt und reizt diese Frage während der gesamten Recherche. Obwohl ich weiß, dass es unmöglich ist, Menschen genau zu erfassen, die man nicht mehr selbst fragen kann (und auch bei diesen gelingt Annäherung nur bedingt), will ich ihm doch so nahe wie möglich kommen. Es ist meine Aufgabe als Autorin, so klar wie möglich Interpretationen, Wunschvorstellungen oder sogar Ablehnungen von Dritten auszufiltern. Mehr als Meinung sind manche meiner Ergebnisse nicht - und ich muss sie gegen die Meinungen anderer stehen lassen, damit sich Leserinnen und Leser ein eigenes, ebenfalls subjektives Bild machen können.

    Es gibt keine Filme von Nijinsky, das macht eine Annäherung an eine körperliche Realität schwer. Aber es vermeidet auch die Irrtümer, die durch hundert Jahre jüngere Sehgewohnheiten und eine andere Ästhetik auftauchen könnten. Es vergrößert die Projektionsfläche. Trotzdem gibt es zwei Möglichkeiten, Nijinsky direkt in seinem eigenen Ausdruck zu erfahren: in seinen Bildern und in seinen Tagebüchern. Einen Einblick in seine Bilder gibt der Katalog der Hamburger Kunsthalle zur Ausstellung "Nijinskys Auge und die Abstraktion". Nur seine Tagebücher sind nicht gleich direkt zugänglich. Es sind Übersetzungen und damit auch Interpretationen.

    Da ich selbst Übersetzerin bin, war mir diese Problematik von Anfang an bewusst. Da überträgt jemand einen Text aus einer Kultur in eine andere, lesbar muss er in der Zielsprache sein, dem Duktus, Ton und Denken des Autors sollte er möglichst nahe kommen. Aber schon beim Nachdenken über den Autor interpretiert der Übersetzer, gibt sein eigenes Verständnis in den Text hinein. Ohne das russische Original zu kennen, schieden in meinen Augen bereits einige Übersetzungen von vornherein aus. Die Übersetzung von Alfred Frank im Suhrkamp-Insel Verlag "Nijinsky. Tagebücher" erschien mir noch als die authentischste, rein vom Sprachgefühl her. Sie ist identisch mit der Hardcover-Version des Berlin Verlags "Nijinsky. Ich bin ein Philosoph, der fühlt".

    Bei der Ausgabe von Schirmer / Mosel unter dem Titel "Der Clown Gottes. Ein Tagebuch" stellten sich mir jedoch sofort die Haare auf. Das konnte unmöglich der gleiche Mann sein, über den ich so viel recherchiert hatte, über den ich so viele Zeitzeugenquellen gelesen hatte. Es klang einfach irgendwie falsch. Als ich ins Impressum schaute, erkannte ich warum: Leonore Schlaich hatte damals aus der 1953 erschienenen, von Romola Nijinsky herausgegebenen französischen Ausgabe übersetzt. Heute wissen wir, wie Nijinskys Frau zunächst nicht nur geschönt, sondern auch zensiert hat. Hier spricht Romola Nijinsky lauter als Vaslav Nijinsky. Und noch schlimmer: Es ist die Übersetzung einer Übersetzung. Damit ist der Text nicht mehr wert als eine Nacherzählung zweier Übersetzer, die sich miteinander unterhalten, ohne das Original zu Wort kommen zu lassen.

    Es war nicht einfach, an die Quellen zu gelangen, zumal meine Russischkenntnisse rudimentär sind. Ich verstehe es eher über Ähnlichkeiten mit dem Polnischen, erinnere mich nur langsam wieder an in der Schulzeit Gelerntes. Nijinskys Originaltagebücher sind meines Wissens in privatem Sammlerbesitz - nur hin und wieder taucht das Foto einer handgeschriebenen Seite in einem Museum oder bei einer Fotoagentur auf. Und solch ein Foto spricht Bände, kann uns, weil der Text handgeschrieben ist, so viel mehr noch sagen als ein gedruckter Text. Schließlich habe ich diesen in Russland ausfindig gemacht - im Jahr 2000 wurde dort der russische Originaltext veröffentlicht, auch wenn ich leider keine Quelle ausfindig machen konnte.

    Zunächst bestätigt er mir, was ich vom Gefühl her vermutete: Franks Übersetzung kommt dem Original so nahe, dass man beide Texte nebeneinander lesen kann - was mir das Verständnis natürlich erheblich erleichtert. Und doch hat es auch einen Vorteil, dass ich nicht wirklich Russisch kann. Ich sehe mir den Text wie ein Kunstwerk an, wie ein Bild mit Chiffren. Angeblich war Nijinsky beim Verfassen bereits in "geistiger Umnachtung" befangen - was auch immer dieser altertümliche blumige Ausdruck bedeuten mag, den sogar Serge Lifar für die Tagebücher benutzte. Angeblich war Nijinsky beim Schreiben höchst verwirrt, zeitweise sogar in Panik. Andere Interpretatoren halten ihn schreiberisch für minderbemittelt, obwohl Arthur Miller die Hefte des Tänzers zu den wichtigsten Texten der Weltliteratur zählte. Müsste man all das nicht im Text sehen können?

    Auf den ersten Blick fällt eine unwahrscheinliche Häufung des Wörtchens "Ich" auf, das im Russischen mit einem einzigen Buchstaben geschrieben wird, der aussieht wie ein großes R in Spiegelschrift. Die Sätze wirken klar gereiht, das Verb findet auch ein Sprachanfänger. War Nijinsky vielleicht gar nicht so philosophisch, sondern nur ein Idiot, ein vielleicht brillanter Idiot? Weil die wenigsten Nijinskys Tagebücher als Literatur einordneten, kamen auch die wenigsten auf die Idee, seine Texte mit denen der damaligen Avantgarde zu vergleichen. Wenn ich seine russischen Texte laut vorlese, erinnern sie mich sofort an Leonid Zypkin oder Andrej Belyj: Auf den ersten Blick erscheinen sie unverdaulich und schräg, aber im Nu entwickeln sie einen vollkommen hypnotischen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Das ist gerade umso erstaunlicher, als das Wort "Ich" sich so häuft. Wäre der Text nicht nach irgendetwas komponiert, würde spätestens dieses Wörtchen nerven, die Leser aus der Textmelodie werfen.

    Aber genau das fällt auf, wenn man das Original liest: Es ist Sprachmusik. Diese Texte kann man fast tanzen. Hier schreibt jemand, der vielleicht nicht den Wortschatz eines Shakespeare hat, aber er besitzt ein unbedingtes Gefühl für Rhythmus und Melodie von Sprache. Hier tobt nicht jemand seinen Wahnsinn aus, hier sucht jemand sehnsüchtig nach anderen Kunstformen, weil ihm seine ureigene Kunst - der Tanz - verwehrt bleibt. Und ist es nicht so, dass einem das Ich abhanden zu geraten droht, wenn einem die Kunst genommen wird, die Leben bedeutet und den einzigen authentischen Ausdruck? Was ist das für ein Mensch, der verzweifelt sein Ich in der Sprachmusik tanzen muss, weil ihm für den Körper kein Raum mehr bleibt, weil ihm die Bühne genommen ist?

    So manches Urteil à la "hier spinnt er" von späteren Interpretatoren entpuppt sich beim Anschauen der Handschrift als Angst oder Unbehagen eben dieser Interpretatoren. Warum sieht die Schrift denn an dieser Stelle ruhig und klar und deutlich aus? Warum ringt er an anderer Stelle um einen treffenderen Ausdruck, streicht durch, formuliert neu? Und streicht er woanders aus Angst, aus Verwirrung? Warum flieht die Schrift plötzlich kleiner werdend bis an den untersten Rand? War es Papiermangel? Waren es innere Zustände? War es die Heimlichkeit vor der eigenen Frau? Wir können ihn nicht mehr fragen. Und genau deshalb müssen wir so vorsichtig mit schnellen Urteilen sein.

    Wir werden Nijinsky dann ein Stück näher kommen können, wenn sich endlich einmal jemand mit einer Faksimile-Ausgabe beschäftigen könnte und sich nicht zu fein dazu wäre, Nijinsky im Kontext der künstlerischen Avantgarde seiner Zeit zu betrachten, anstatt als losgelöst existierendes "Problem". Nijinsky hat viel Literatur gelesen, er hat mit den berühmten Schriftstellern und Künstlern seiner Zeit gelebt, gegessen und ihnen zumindest zugehört. Wie irre er wirklich war, woran er überhaupt litt - das werden wir erst dann einigermaßen objektiv erfahren, wenn sich jemand die Mühe machen würde, seinen Text zunächst nur als Text zu betrachten und zu untersuchen. Bis dahin ist Alfred Franks Übersetzung im deutschsprachigen Raum die einzig gute Annäherung. Warum weder Insel noch Berlin Verlag diesen wichtigen Text zum Hundertjährigen der Ballets Russes neu aufgelegt haben, ist mir ein unverständliches Rätsel.

    Wer einmal einen völlig anderen bahnbrechenden Text aus dieser Zeit lesen möchte, dem empfehle ich den Jahrhundertroman von Andrej Belyj: Petersburg, in der kongenialen Übersetzung von Gabriele Leupold bei Suhrkamp. Belyjs hypnotisches Werk erschien 1913 - sein Roman war damals Kult. Kein Vergleich zu Nijinskys Texten aus dem Jahr 1919 - aber ein Einblick in das, was die Avantgarde der Zeit sprachlich umtrieb. Vielleicht würde man Nijinskys assoziative Wortspiele heute auch anders deuten, weil man die literarischen Spiele seiner Zeit besser kennt?

    Linktipp:
    Sprache als Bewegung bei Belyj
    Russische Ausgabe der Tagebücher von Nijinsky

    PS: Falls mir ein Fehler unterlaufen ist, weil ich nicht genug Russisch verstehe, wäre ich dankbar für einen Kommentar!

    Sonntag, 31. Oktober 2010

    Nijinsky-Projekt startet

    Pünktlich zum 1.11.2010 geht das Nijinsky-Projekt in Arbeit und hoffentlich bald auch in Produktion. Weil der ursprünglich für ein Hörbuch produzierte Text nun doch in gedruckter Form erscheinen wird, bieten sich natürlich mehr Möglichkeiten dieses Mediums an - wie etwa Fotos. Aber auch textlich wird die Leserinnen und Leser einiges mehr erwarten.

    Drei hochinteressante Kenner der Materie haben ihre Mitarbeit zugesagt und werden das Phänomen Nijinsky mit mir von verschiedenen Seiten beleuchten. Im Moment überlege ich, dazu ein verbindendes Essay zu schreiben. Im Mittelpunkt wird also weiterhin der erzählende Text über Nijinsky stehen - danach gibt es vertiefendes Material in unterschiedlichen Textformen. Parallel zur Textarbeit, die Ende des Monats einschließlich des Lektorats abgeschlossen sein soll, wird bereits die Herstellung geplant - soweit das möglich ist, wenn der Text noch nicht genau steht.

    Leider wird das fürs Weihnachtsgeschäft, das eigentlich bereits anläuft, extrem knapp. Es wäre im Hauruckverfahren vielleicht gerade so zu schaffen. Ich habe mich jedoch für Qualität entschieden und deshalb auch einen Hersteller im Auge, bei dem Druckfreigabe nach Prüfung möglich ist. Das kostet wieder mehrfach längere Postwege, aber es wird sich im Endeffekt bezahlt machen. Ich denke also, wer ein besonderes Buch möchte, wartet auch - und verwendet dann einfach das Geld, das zu Weihnachten verschenkt wird, für einen Kauf in aller Ruhe nach dem Trubel.

    Bevor es richtig hart losgeht für mich, stimme ich mich erst einmal ein - mit russischen Genüssen und einer Stadt, in der auch Nijinsky sich schon erholt hat.

    Mittwoch, 27. Oktober 2010

    Mythos Nijinsky

    Was fasziniert heute noch so viele Menschen an Nijinsky? Warum begeistern sich Menschen des 21. Jahrhunderts für ihn, obwohl seit seiner Glanzzeit fast hundert Jahre vergangen sind? Die italienische Tanzhistorikerin Patrizia Veroli hat mit ihrer "Hommage an Nijinsky" in "ballettanz" einen faszinierenden Erklärungsversuch vorgelegt, der auch auf andere Starmythen Licht wirft.

    Wer sich mehr für eine von Nijinskys Tanzpartnerinnen interessiert, nämlich die weltberühmte Tamara Karsavina, kann sich über einen wertvollen und gründlich recherchierten Bildband freuen. Das englische "ballet magazine" stellt Andrew Foster's Buch vor: "Tamara Karsavina. Diaghilev's ballerina". Für Fans der Tänzerin dürfte interessant sein zu hören, dass vor nicht allzu langer Zeit ein Filmausschnitt entdeckt wurde, auf dem die Karsavina wahrscheinlich 1909 das Solo mit dem Fackeltanz nach der Choreografie von Fokine tanzt. In der wunderbaren Ausstellung des Victoria & Albert Museums ist er zu sehen (s. Links rechts im Menu).

    Das mag die fieberhafte Suche nach angeblich vorhandenen Orginalaufnahmen von Nijinsky wieder anheizen, dem Diaghilew ja verboten hatte, vor der Filmkamera aufzutreten. Warum der künstlich animierte, mit dem Computer hergestellte you-tube-Streifen trotz aller Beteuerungen seines Autors von Fans dennoch als echt angesehen wird, das erhellt Patrizia Veroli ebenfalls in ihrem oben genannten Artikel. Nijinsky ist und bleibt für manche Menschen auch eine Rauschdroge...

    Montag, 25. Oktober 2010

    Strawinsky: Rhythm is it!

    Arte einschalten: Ein alter Skandal wird zur neuen Überraschung. Kaum hundert Jahre sind vergangen, seit Nijinsky mit seiner (zweiten) Choreografie für Igor Strawinskys "Le sacre du printemps" nicht nur für Entsetzen unter seinen Tänzern gesorgt hat, sondern für einen der größten Theaterskandale der Geschichte überhaupt. Die berühmte Ida Rubinstein weigerte sich, die Hauptrolle zu tanzen, weil sie sich nicht verrenken wollte. Strawinskys Musik galt als Lärmbelästigung. Und die Handgreiflichkeiten im Publikum setzten sich derart kriegerisch in der fPariser Presse fort, dass manche Zeitgenossen die französisch-russischen Beziehungen gefährdet sahen. Auch wenn wir heute einen aufmerksamen Blick brauchen, um würdigen zu können, wie avantgardistisch und gewagt Nijinskys Choreografie, Strawinskys Musik und die Kostüme samt Bühnenbild von Nicholas Roerich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gewesen sein mussten - dieses Ballett ist zeitlos.

    Im Jahr 2003 sorgten Sir Simon Rattle und der Choreograf  Royston Maldoom mit dem gleichen Stück für großes Erstaunen. Sie wollten Le Sacre mit Laien aufführen und zwar nicht mit irgendwelchen. Maldoom hatte es bereits mit äthiopischen Straßenkindern und englischen jugendlichen Strafgefangenen inszeniert. Jetzt war das Projekt mit sogenannten Problemschülern geplant - und zwar aus fünfundzwanzig Nationen. Ein Paradebeispiel für die Macht der Kreativität, des Tanzes und der Musik. Ein wichtiges Dokument dafür, was Förderung bewirken kann und dass "Multikulti" noch lange nicht begraben werden muss.
    Filmisch begleitet haben das Projekt Thomas Grube und Enique Sanchez Lansch.

    Der preisgekrönte Dokumentarfilm aus dem Jahr 2004 wird am Do., den 28.10.2010 um 21:50 Uhr auf ARTE gezeigt. Er ist auch als DVD erhältlich.

    Samstag, 16. Oktober 2010

    Pina Bausch und "Tanzträume"

    Was hat die wunderbare Pina Bausch mit den Ballets Russes zu tun? Auf den ersten Blick nichts, außer dass ich in diesem Blog auch über den Tellerrand meines Themas schauen möchte. Auf den zweiten Blick jedoch haben die Ballets Russes wohl als erste etwas gewagt, was uns heute so selbstverständlich scheint: Sergej Diaghilew besetzte trotz seines Ensembles aus den besten Tänzern seiner Zeit auch schon mal Rollen mit Laien - tragende Rollen sogar.

    Eine, die nie eine fertige Tanzausbildung absolvierte und eigentlich "nur" eine charismatische Schauspielerin war, wurde an der Seite von Vaslav Nijinsky sogar so berühmt, dass sie das Frauenbild einer Epoche aufmischte und veränderte: Ida Rubinstein. 1908 debütierte sie mit etwas, das wir heute Striptanz nennen würden - sie entkleidete sich wirkungsvoll als Salomé beim Tanz der Sieben Schleier. Diaghilew hatte ein Gespür für die Wirkung von Erotik und engagierte sie für die Ballette Kleopatra und Sheherazade. Die hochintelligente, zehnsprachige und vielbegabte Frau wurde zeitlebens als Dilletantin beschimpft, aber sie machte Furore und beeinflusste schließlich sogar das Frauenbild Hollywoods.

    Heute dagegen scheint es fast selbstverständlich, auch einmal Laien auf die Bühne zu bringen. Einen ganz besonderen Zauber aber hat die Choreografin Pina Bausch geschaffen, als sie das Stück "Kontakthof" zuerst mit Senioren aufführte und zuletzt mit Jugendlichen ab 14. Ein Film über die letzte Fassung, die wenige Tage vor Pina Bauschs Tod fertiggestellt war, begleitet das Wachsen und Arbeiten der Jugendlichen über ein Jahr lang.

    Herausgekommen ist eine berührende Dokumentation von Anne Linsel über das Entstehen eines Stücks aus dem Tanztheater, über die Verwandlung von Laien in Darsteller - und über eine unvergessene Choreografin. Die Filmregisseurin Anne Linsel, die Pina Bauschs Arbeit über Jahre begleitete, sagte in einem lesenswerten Interview mit dem WDR über den besonderen Zauber des Projekts:
    "Das Wichtigste, was die Jugendlichen von Pina gelernt haben, ist meiner Meinung, dass man mit seinem ganzen Körper Gefühle ausdrücken kann ....Dadurch haben sie eine Sensibilität für Kunst entwickelt und verstehen gelernt, dass Kunst etwas mit dem Leben zu tun hat und nichts Abgehobenes ist."
    Der Film "Tanzträume" hatte in Deutschland im März Premiere und läuft gerade vor einem begeisterten Publikum in französischen Kinos an. Er ist auf DVD erhältlich.

    Samstag, 9. Oktober 2010

    Zum Archiv

    Ein besonderer Service für alle Nijinsky-Fans: Ich habe aus meinem Hauptblog die besten Beiträge über Nijinsky und die Ballets Russes noch einmal chronologisch hierher übertragen, damit man sie nicht mühsam suchen muss (erkennbar am "Archiv").
    Ab jetzt geht es dann aktuell weiter, allerdings mit weniger Beiträgen pro Tag...

    Bei den Archivbeiträgen beachte man das Datum. Frisch gesammelt klingt das jetzt plötzlich, als käme das Nijinsky-Buch gar nicht. Keine Angst! Was nicht produziert werden konnte, war eine Hörbuchfassung - daraufhin ging der Text wieder den altmodischen altvertrauten Weg - es wird ein gedrucktes Buch zum Anfassen und Blättern werden. Und weil zwischen zwei Buchdeckel auch sehr viel mehr Text passt als auf CDs, gibt es jede Menge Extras!

    Archiv: Absinthbonbons

    2.10.2010
    Ich habe die Anekdote schon einmal erzählt, aber nun passt sie einfach perfekt. Nachdem ich meine Rechte am Nijinsky wiederhatte, bekam ich von einem sehr feinen Verlag eine telefonische Fast-Zusage für eine größere Version des Themas, sogar der Erscheinungstermin im Herbst 2011 war bereits geplant. Freudig dachte ich mir nichts Böses, bis die Vertreterkonferenz stattfand. Danach erfuhr ich dann mehr oder weniger zufällig, dass die Vertreter sich gegen das Projekt ausgesprochen hatten. Die Begründung ließ mich kurz perplex zurück, anschließend bekam ich einen veritablen Lachanfall. Es hieß nämlich, das Victoria & Albert Museum bringe gerade einen Ausstellungskatalog zu den Ballets Russes heraus, sogar mit Musik auf CDs - und damit sei der deutsche Markt für dieses Thema ruiniert!

    Signed photograph of Vaslav Nijinsky in Le Spectre de la rose, photograph by Bert, 1912. V&A Theatre & Performance Collections, Valentine Gross Archive

    Nein, das ist kein Witz. Das Wort "ruiniert" fiel tatsächlich. Mir hat es fast meinen Glauben an den gesunden Menschenverstand von Buchleuten ruiniert. Klar gab es zum Hundertjährigen Jubiläum Ausstellungen auf der ganzen Welt, die Autorin hat selbst so ziemlich jeden erreichbaren Katalog erworben, um sich weiterzubilden und Spaß zu haben. Eine Konkurrenz zwischen Kuratoren und Autoren wäre mir auch im schlimmsten Alptraum nicht aufgefallen, denn das muss man mal laut sagen: Die meisten Ausstellungskataloge sind nur für Fachleute verstehbar. Ich bin mir jedoch sicher, dass irgendein deutscher Verlag diesen Katalog für ein Mehrfaches der Kosten eigenproduzierter Bücher übersetzen lassen wird. Nun denn - nie mehr im Leben werde ich das Victoria & Albert Museum vergessen, zumal ich selbst gierige Kundin für deren Preziose bin. Aber ich bin eben wie alle von den Ballets Russes gebissenen Fans. Mir reicht ein Katalog nicht oder ein Buch: Ich will sie am liebsten alle haben. So ist dann bekanntlich mein Trotzprojekt entstanden. Jetzt erst recht.

    Und ich mache jetzt genau das, wovor ein Verlag Angst hatte. Für mich gibt es keine Konkurrenz. Das Victoria & Albert Museum als Marktvernichter zu betrachten, kommt mir abstrus vor - für mich ist es ein Marktöffner, ein Verbündeter. Wenn ich dort im Shop sehe, dass sich Frauen von Nijinsky inspirierte Faunstrümpfe, Nymphenschals und sogar ein "Diaghilew-Parfum" kaufen können, dann muss an der Faszination Nijinsky auch im Jahr 2010 oder 2011 noch etwas dran sein. Diaghilews Schnurrbart gibt es auf Kinderpantoffeln, die Museumsbesucher lutschen fleißig im Stil der Zeit Absinthbonbons und die Herren können sich Diaghilews Zylinder oder Kosakenmützen kaufen. Man kann über solche Vermarktungen denken, was man mag - es gäbe diesen Handel nicht, wenn das Thema die Leute nicht anspräche.

    Wo Platz ist für Schnurrbartpantoffeln und Ohrringe à la Nijinsky, muss doch auch Platz für ein Buch sein, das es so noch nicht gibt, schon gar nicht in deutscher Sprache.

    Ich gehe einen Schritt weiter und mache hemmungslos Werbung für die vielversprechend aussehende Austellung:
    Diaghilev and the Golden Age of the Ballets Russes 1909-1929
    vom 25.9.200 bis 9.1.2011 im Victoria & Albert Museum London

    Im Shop des Museums gibt es den Prachtkatalog dazu und eine Sammlung sämtlicher Ballettmusiken auf drei CDs - und natürlich auch die Absinthbonbons.
    Ganz wunderbar gemacht ist das Blog zur Ausstellung, das die Kuratorin Jane Pritchard betreut.

    Es würde mich nicht wundern, wenn auch das ein oder andere Bild des Museums in mein Buch findet, ich habe bereits mit leuchtenden Augen bei der Agentur geschwelgt - und nicht nur das...

    Ich danke dem Victoria & Albert Museum für die großzügige Regelung, Bilder von deren Website für nichtkommerzielle Beiträge wie diesen kostenlos nutzen zu dürfen - und Frank Peters für die Erinnerung an eine wunderbare Ausstellung.

    Archiv: Ralf Rossas Ballett

    25.09.2010
    Manchmal ist es traurig, dass die Welt doch aus so vielen Kilometern besteht. So entgeht mir vorerst der Live-Genuss eines Nijinsky-Balletts, dem ich aus reinem Eigennutz eine Tournee in meine Nähe wünsche (oder hallo ARTE, wie wäre es mit einer Aufzeichnung?!?)
    Der Choreograf Ralf Rossa hat mit dem Rossa Ballett an den Bühnen Halle eine ganz besondere Reminiszenz an den "Gott des Tanzes" geschaffen: Nijinsky - Star des russischen Balletts. Heute ist Wiederaufnahme - unbedingt hingehen, wer mobiler ist als ich. Entdeckt hatte ich das Projekt durch eine Rezension im Tanznetz.

    Für die armen Daheimgebliebenen wie mich gibt es aber wundervolle Fotos, die ein bißchen von dem Charisma des Tänzers Yann Rezavov erahnen lassen, der schon vom Aussehen und Körperbau Nijinsky erstaunlich nahe kommt. Tipp: Oben rechts kann man sie in eine großflächige Diashow umwandeln.

    Archiv: Pitching for Petersburg

    10.09.2010
    Gestern war so ein Tag mit einem Gefühl, wie man es in diesen verrückten Sommersonnwendnächten im Osten oder Norden bekommt. Nicht als Tourist, sondern wenn man dort lebt und die innere Uhr durchdreht, die ein halbes Jahr Winter gewohnt ist. Es ist schwer zu beschreiben: Irgendwie gehen Zeit und Raum plötzlich verloren und man muss es einfach abfeiern, schlaflos und elektrisiert. Denn der nächste überaus dunkle Winter kommt bestimmt.

    Vor 101 Jahren führten die Ballets Russes in Paris in ihrer ersten Ballettsaison "Cléopâtre" auf, eines ihrer legendären "orientalischen" Ballette - zur Musik eines im Westen noch eher unbekannten russischen Komponisten: Anton Arenski. Der junge Nijinsky tanzt einen der Sklaven. Anschließend wird er - wie in einer der Eröffnungsszenen meines Manuskripts - mit Kollegen, Freunden, Mäzenen, Diaghilew, Cocteau und all den anderen wieder einmal ins Larue gegangen sein, einem damals berühmten Lokal.

    Hundertundein Jahre nach der Uraufführung des Balletts sitzt die Autorin bei der Uraufführung einer Fassung von Arenskis Streichquartett Nr. 2 a-moll op. 35a, die in der philharmonischen Bibliothek von Petersburg entdeckt wurde. Die Autorin sitzt da ziemlich elektrisiert, weil sie am gleichen Tag die druckfrische fertige Broschüre für den "Grenzgängerweg" in die Hand gedrückt bekam (endlich wieder die eigenen Arbeit anfassen können!) und weil das Elsassbuch mit dem Zander womöglich wunderbare Kapriolen schlagen wird. Und irgendwann viel später an jenem Abend sitzt sie dann auch noch woanders und fühlt sich so zuhause wie lange nicht mehr.

    Ein Abend in vier Sprachen und noch mehr Kulturen. Eine der Sprachen ist Russisch. Und da passiert es, wovor Autoren solchen Bammel haben: Spontan-Pitching. "Pitching" kommt eigentlich aus der Filmsprache und meint diesen wahnsinnigen Moment, in dem ein Drehbuchschreiber vor einem Produzenten in etwa einem Satz zusammenfassen muss, was er eigentlich schreibt, warum er das schreibt und warum die Story die gigantischste der Welt ist. Auch Autoren sind heutzutage davor nicht gefeit. Vor jedes sorgsam geschnitzte Exposé sollte man zwei, drei Sätze dieser Art stellen können - und man sollte sie vor allem im Schlaf hervorholen können, falls doch einmal ein Agent oder Verlag anrufen sollte. Wie schwer das ist, etwa zwei Jahre Arbeit in zwei Sätze zu fassen, so dass sich die Faszination überträgt, brauche ich denen, die es kennen, nicht zu sagen. Ich brauche schon allein für ein Exposé manchmal länger als für ein Buchkapitel.

    Nun war ich zwar in der entspannten Lage, nichts verkaufen und weder Verleger noch Agenten beeindrucken zu müssen. Aber was macht man, wenn man unversehens von drei Petersburgern gefragt wird: "Wie kamen Sie eigentlich ausgerechnet auf Nijinsky?" mit dem Unterton: "heute, hier?"

    Das sind die Momente aus Alpträumen vom Abitur. Da hat man sich furchtbar lang mit der Materie beschäftigt, zig Bücher gewälzt, glaubt alles zu wissen, fühlt sich der Sache gewachsen - und dann muss man aus diesem Wust im Kopf, der ohnehin viel zu undiszipliniert zappelt, plötzlich die Essenz finden, den Schlüssel...

    Komisch ... obwohl es nicht verlangt war, gelang mir mein bestes Pitching überhaupt. Was mir spontan zur "Faszination Nijinsky" einfiel, hat für mich selbst noch einmal auf den Punkt gebracht, warum das Thema ein Thema ist - weit über Ballett und Musik hinaus. Es ist nicht nur das Wesen von Kunst, das in diesem begnadeten Künstler deutlich wird. Da ist auch dieser voreuropäische Traum aus den Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg, von einer sich kulturell gegenseitig befruchtenden Gesellschaft, wie sie im Kleinen am Tisch bei Larue saß und im Großen die Avantgarde aufmischte. Dieser unvergessene Weltenbürger hat uns etwas zu sagen. Hochaktuell nicht nur für ein Jubiläumsjahr.

    Mit meinem "Spontanpitching", das natürlich im eigentlichen Sinne keins war, wäre ich bei jedem deutschen Verlag, bei jeder großen Agentur abgeschmiert. In den zögernden Antworten wären Ausdrücke vorgekommen wie "zu speziell", "zu hohes Risiko", "kein klar umrissenes Zielpublikum", "aber das ist doch nur Ballett", "da ist zuviel Russland drin, wen interessiert das", "Markt ist dicht", "Sie kommen ein Jahr zu spät, das Hundertjährige ist vorbei".

    Die Russen aus Petersburg haben es dagegen sofort verstanden. Da ist Nijinsky sehr lebendig. Und wie der Funke übersprang, das kann mir nun keiner mehr nehmen. Es lässt mich lachen über all die Bedenkenträger und Selbstverhinderer.

    Nijinsky lebt. Zwar gibt es das Larue nicht mehr, aber manchmal Momente an einem Tisch, wo man in vier Sprachen und noch mehr Kulturen jenseits des Sprechens versteht, was er in seinen Tagebüchern notiert hat: "Man muss mich nicht denken, man muss mich fühlen."

    Der Winter ist gerettet. Langweilen werde ich mich mit der Herausgabe dieses Buchs ganz bestimmt nicht!

    Archiv: Peter Panther sieht Nijinsky

    31.08.2009
    Meine LeserInnen mögen sich inzwischen mit Kurt Tucholskys Blick auf die Ballets Russes vergnügen - da er seit mehr als 70 Jahren tot ist, darf man ihn in voller Länge mit Quellenangabe zitieren. Er schrieb den Beitrag in der Schaubühne 1914, in dem Schicksalsjahr, in dem Nijinsky die Ballets Russes verlassen musste:
    Kurt Tucholsky / Peter Panter: Russisches Ballett
    Die Schaubühne
    , 19.03.1914, Nr. 12, S. 347, gefunden bei Zeno.

    Russisches Ballett

    Ach, Nijinsky, wo bist du? Jedenfalls nicht bei dieser gottverlassenen Truppe. Die schöne Dekoration im ›Geist der Rose‹ erinnert noch an dich, und die Kostüme des ›Karneval‹, den die Slawen damals so deutsch herausbrachten, daß man das Land, das Schumann mit Seele und Musik ersehnte, noch mehr liebte denn je. Damals sprangst du noch herum; du tanztest nicht, obgleich du das konntest. Du tatest irgend etwas andres – man begriff auf einmal, was dieses Springen und Hüpfen zu bedeuten hatte. Und letzten Endes gibt es ja nur ein Kriterium in allen Künsten: die Gänsehaut.

    Das ist lange her. Heute vermißt man dich umso schmerzlicher, als Fokin dich ersetzen möchte. Fokin, der immer aussieht wie der Märchenprinz der kleinen Matzke aus dem ›Schlaraffenland‹! Nein, damit ist es nichts. Das Theater (am Nollendorfplatz) allein war nicht schuld. Obgleich in der einen Loge die Harfe saß (nicht etwa die Pauke); obgleich der Kapellmeisterbart die Szenerie verdeckte, obgleich alles so kümmerlich aussah. Was ist aus euch geworden? Das war doch früher nicht. Nicht diese süßlichen Posen, diese Attitüden des Zirkusballetts: »Kommt, Mädchen, laßt uns eine Gruppe bilden!«; nicht diese gezwungenen Stellungen mit neckisch geneigten Köpfchen; nicht diese Finales, die aufgehen wie eine Regeldetri. Was ist euch die Musik? Ihr tanzt doch zuckrig und kümmert euch nicht darum, obs Chopin oder Weber oder Arensky ist. Wo habt ihr das früher getan: malerische Trachten, wie sie das schlechte Varieté liebt, zur Schau zu tragen? Wo hättet ihr früher so unbedenklich gekitscht? Gewiß, ihr könnt noch alle tanzen. Einmal sogar, in einem Narrentanz, sehr gut: wie da alle bei einem dumpfen Celloton in der Luft schwebten! Und doch . . .

    Wo bist du, Nijinsky! Komm, lege noch einmal deinen Schleier nieder, und siehe: er wurde zum Weib, weil du es wolltest. Fahre noch einmal wie ein buntes Rad unter die Tanzenden! Ach, Nijinsky, wo bist du?

    Archiv: Die Fachidiotin

    05.08.2009
    Wie man Zielgruppen verprellt oder erzieht

    Mein Blog gehorchte einmal der schwammigen Zielgruppenbeschreibung: "Menschen, die meine Texte gern lesen und sich für Bücher, Kunst und Kultur interessieren." Damit habe ich mir insgeheim erfüllt, was ein in meinen Augen gutes Sachbuch erreichen muss: eine breite Leserschicht, der man - verkleidet in ihr großes Interessensgebiet - seltene bis seltsame Themen unterschieben darf. Wäre ich ein geschickterer Werbemensch, würde ich dagegen ständig meine alten Buchthemen aufwärmen, um womöglich Käufer zu gewinnen. Aber ich bin ungeschickt, weil dieses Blog noch einen Zweck erfüllen soll: mir Spaß machen. Also denke ich gern laut und exzessiv über laufende Projekte nach ...
    Heute will ich anhand des laufenden Projekts von einer Eigenheit bei der Sachbuchrecherche erzählen.

    Wer neu hinzugekommen ist, dem sei gesagt, dass die Schlagwörter Russland und Petersburg mich noch eine Weile weiter umtreiben werden, weil die Ballets Russes nun einmal aus dem Marijnsky-Theater in Petersburg hervorgegangen sind und außerdem eine der faszinierendsten Entwicklungen einer Ost-West-Beziehung waren. Wer trotzdem fliehen möchte, dem sei gesagt, dass es noch mindestens genauso viel mit Paris zu tun haben wird, ja sogar mit Berlin und München, Wien, Los Angeles oder New York. Das Problem beim Bloggen ist nur das: Ich kenne in Paris inzwischen wahrscheinlich jede einzelne Kneipe, in der sich die Avantgarde besoff, ich weiß, wer wann wo mit der Pistole herumschoss, welcher Künstler in welcher Wohnung woran jämmerlich verreckte und vieles mehr. Und wenn ich es nicht weiß, muss ich mich nur ins Auto oder in den Zug setzen; mit dem TGV bin ich in knapp drei Stunden dort.

    Unbekanntes Terrain

    Die über 2000 Kilometer in ein visumpflichtiges Petersburg schaffe ich nicht mal so schnell zwischendurch. Und was würde mich dort von meiner "Geschichte" erwarten? Sicherlich bräuchte ich einen Spezialisten als Führer, denn da ist ein Bruch, den Paris nie erlebt hat: der Stalinismus hat mit vielem gründlichst aufgeräumt. Kommt dazu, dass ich von der Sprache nur Brocken verstehe und von der Geschichte her weder auf Vorbildung aus der Schule noch dem Studium zurückgreifen kann. Der Eiserne Vorhang in meiner Jugend war das im Wortsinn. Ich muss mich als "Rechercheuse" also gezielt und konzentriert auf die weißen Flecken meiner eigenen Landkarte stürzen, muss herausfinden, was ich nicht weiß. Die kleine Handvoll Spezialisten der Russischen Avantgarde, die es weltweit gibt, hilft jedoch nur bei Fachfragen - ihre Forschungen reichen zum Verständnis allein nicht aus.

    Wer sich mit Geschichte beschäftigt, hat nur scheinbar Fakten vor sich. Auch Geschichtsschreibung ist von Zeitströmungen und Ansichten einer Gesellschaft geprägt, ist kollektiven Verdrängungen, Vorurteilen, Ignoranz oder Propaganda unterworfen. Ich habe gelernt, jede Quelle, auch die tagesaktuellen Nachrichten, mit einem einfachen Satz zu hinterfragen: Cui bono, wem nützt es? Das macht es manchmal leichter, Gegenquellen zu finden, die man dann vergleichen kann. Leider ist diese kritische Analyse nicht immer so einfach wie mit Texten aus Diktaturen, aus Unterdrückungssystemen. Propaganda - und sei es nur die für ein harmloses Markenprodukt, ist nämlich grundsätzlich immer und überall möglich: Texte können manipulieren.

    Wie Personen ihren Charakter durch die Sprache ändern können

    Ich möchte einmal an einem konkreten Beispiel zeigen, in welche Fallen ein Sachbuchautor mit scheinbar harmlosen Aussagen fallen kann - und wie man dagegen ankämpft.
    Ich recherchiere mein Ost-West-Thema in mehreren Sprachen, nicht nur wegen der Breite der Aussagen, sondern weil viel Fachliteratur nie übersetzt wurde. Hauptsprache der Sekundärliteratur ist dabei Englisch / Amerikanisch, die Originalquellen sind fast ausschließlich französisch geschrieben (die Sprache der russischen Emigranten), in deutscher Sprache gibt es extrem wenig. Russische Bücher sind mir zum einen kaum zugänglich, zum anderen schaffe ich es allenfalls einmal, einen kleinen Absatz "zusammenzureimen" - ich bin hier auf Übersetzungen angewiesen, deren Übersetzer und Herausgeber ich mir genau anschauen muss.

    Das kann seltsame Blüten treiben. Ursprünglich lag mir eine deutschsprachige Übersetzung von Nijinskys Tagebüchern vor, die mir äußerst seltsam vorkam. Nach allem, was ich von Nijinsky schon wusste, erschien er mir hier fremd. Er war polnischstämmiger Russe (hat zuhause Polnisch gesprochen) - und genau das stieß mir bei der Übersetzung auf: So würde kein Pole seine Gedanken und Gefühle ausdrücken. Schlimmer noch: Es ging in diesem Text um das "tiefinnerliche Fühlen von Kunst", aber das klang, als würde ein Franzose im Smalltalk "Gefühle teilen".
    Eine kleine Recherche erwies, dass der deutsche Verlag die Tagebücher aus der französischen, von Nijinskys Frau (einer Ungarin) stark zensierten Übersetzung hatte übertragen lassen - nicht aus dem Original, das zur Drucklegung noch nicht vorlag!

    Dann bekam ich zum Glück die unzensierte und aus dem Russischen neu übersetzte Ausgabe aus dem Suhrkamp Verlag. Streckenweise scheinbar der gleiche Text, könnte man meinen. Aber nicht einmal die übereinstimmenden Abschnitte ähnelten sich besonders. Das schrieb ein völlig anderer Mensch, das waren völlig andere Aussagen, andere Nuancen. Und ich bin mir bewusst, dass ich mich Nijinsky damit nur angenähert habe - den echten, wirklichen müsste ich im Original lesen oder es daneben legen. Mir ist selten so extrem aufgefallen, wie nicht nur das Übersetzen, sondern auch das Übertragen in unterschiedliche Kulturkreise Aussagen derart deutlich verändern kann.

    Vorurteilen und Klischees auf der Spur

    Noch schlimmer ist das mit den bewusst oder unbewusst einseitigen Sichtweisen der Fachautoren. Ich könnte allein ein Buch darüber schreiben, wie in welchem Land mit der offensichlichen Bisexualität Nijinskys und all den schwulen Künstlern seiner Zeit umgegangen wird, um nur ja ein Aussprechen zu vermeiden und so zu tun, als hätte es das alles nie gegeben. Es gibt wissenschaftlich anerkannte, vielgepriesene Biografien von Künstlern, die selbst dann die sexuelle Orientierung peinlichst verschweigen, wenn sie tatsächlich eine immense Rolle in ihrer Kunst spielt - und das tut sie bei den Ballets Russes, weil sie auch das Rollenbild der Frau radikal verändert hat.

    All das sind sehr offensichtliche Beispiele, wo man beim Recherchieren nachhaken und forschen muss. Fieser sind die Kleinigkeiten, die einem selbst nicht auffallen. Die scheinbar unpolitisch und nebensächlich sind. Da ist z.B. Diaghilew, der vor allem bei angelsächsischen Autoren ziemlich exzentrisch, wenn nicht gar zwangsneurotisch erscheint - in einer Verfilmung wird das bis zur Lächerlichkeit auf die Spitze getrieben. Die scheinbaren (!) Fakten: Diaghilew soll extrem abergläubisch gewesen sein und allerhand Rituale geliebt haben, "echter Russe eben", setzen einige Autoren dann urteilend hinzu. Und Diaghilew soll eine derart panische Angst vor Schifffahrten über das Meer gehabt haben, dass er sie mied und darum auch nicht bei der USA-Tournee dabei war. Und weil angeblich alle Russen abergläubisch und irgendwie mystisch veranlagt seien, gerät seine Figur auch in Fachbüchern schnell zu einer Karikatur - einer Karikatur der Vorurteile von Fachautoren.

    Klischees im Sachbuch?

    Hier trage ich als Sachbuchautorin Verantwortung. Wie viele Vorurteile trage ich weiter? Wie viel Blödsinn, der vielleicht in Zeiten des Stalinismus oder des Kalten Krieges aufgebaut wurde, schreibe ich fest, indem ich mich auf solche "Fakten" beziehe? Natürlich bin auch ich in meiner Kultur gefangen und wahrscheinlich auch von Vorurteilen und Klischees geprägt - dieser Subjektivität kann keiner ganz entschlüpfen. Aber ich muss an jedem auch nur erdenklichen Klischee kratzen. Ich muss wie ein Bildhauer den groben Klotz, als der Diaghilew erscheint, freimeißeln. Indem ich möglichst viele Bücher über ihn lese, aus möglichst unterschiedlichen Kulturkreisen. Indem ich möglichst viele Aussagen von Zeitzeugen sammle, Originalquellen, Aussagen von ihm selbst, seinen Freunden und Feinden - und alles miteinander vergleiche.

    Das Märchen von der ominösen Schiffsreise

    Das reicht dann z.B. im Fall der Schiffsreisen. Ich bin auch nicht der Typ, der sich auf dem Dach eines Wolkenkratzers cool nach unten beugt - und trotzdem fahre ich Aufzug. Was soll also dieses Getue um seine Angst? Ist einer mit einer Angst schon verrückt? Und hoppla, der Lieblingsurlaubsort von Diaghilew war Venedig! Wie kam er eigentlich von Paris nach London, etwa in einer Mondrakete? Das Geheimnis war durch Augenzeugenberichte seiner Zeit schnell gelöst: Natürlich fuhr der Mann, wenn es nicht anders ging und immer mit Leibarzt, auf Schiffen. Dass er nicht mit nach New York ging, hatte ganz andere Gründe, viel gewichtigere. Aber der Mythos war einfach zu schön! Weil ausgerechnet auf dieser Reise sein Geliebter eine Frau heiratete. All die Autoren, die damit beweisen wollten, dass Nijinsky doch "richtig herum" war, hätten ihr Pulver nicht verschießen können, wenn sie hätten zugeben müssen, dass die beiden schon damals kein Paar mehr waren. Also lieber Mythos im Fachbuch. Vornehmlich in amerikanischen. Wer ist da nun "mystisch veranlagt"?

    Das Märchen vom "mystischen Russen"

    Der zweite Punkt stieß mir gestern abend noch einmal auf, als ich eine Reportage von Gerd Ruge über eine Reise nach Moskau anschaute. Solche scheinbar unzusammenhängenden Beschäftigungen mit dem Grundthema gehören auch zur Recherche, um sich ein Bild zu machen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln. Da fiel sie wieder, die Aussage; nicht ganz so explizit, aber im Grundton gleich: Russen seien furchtbar abergläubisch und empfänglich für Rituale. In dem Moment war mir endgültig klar: Der ach so abergläubische Diaghilew mit seinen Ritualen war eine Erfindung eines entmystifizierten, kopfbetonten Westens. Tatsächlich kommt er in der Nijinsky-Biografie von Bronja Nijinska viel menschlicher und normaler herüber. Musste ich also wieder kratzen, am heute noch fröhlich blühenden Klischee!

    Wer je an einer Bühne gearbeitet hat, wird die seltsamen Rituale und abergläubischen Gesten kennen, auch im äußersten Westen, denn sie sind international. Man klopft dreimal auf Holz, sagt unverständliche Zaubersprüche wie "toitoitoi", geht nicht unter der Leiter des Bühnenarbeiters hindurch oder spuckt seinem Kollegen dreimal hinter die Schulter. Künstler sind verdammt abergläubisch. Ich halte es da wie die Kollegen: Wer etwa über einen noch nicht signierten Vertrag laut spricht, wird ihn nie signieren können. Und wenn ich mir jetzt vorstelle, ich hätte Anfang des 20. Jahrhunderts zig Millionen von reichen Sponsoren in ein Projekt gepumpt, das alle für völlig durchgeknallt halten, und das mich, meine Truppe, ganze Theaterhäuser, Banker und andere in den Ruin treiben würde, wenn es an diesem einen Abend fehlschlägt ... ich weiß nicht, was ich alles an Ritualen ausgeführt hätte!

    Ist auch dieses Klischee als solches durchschaut, wird der Weg zu einer Persönlichkeit freier. Statt der fast lächerlichen, ach so abergläubischen Figur kommt plötzlich ein Mann mit immens großem Mut und Durchsetzungsvermögen zum Vorschein. Der ach so mystisch herumfühlende Russe wird plötzlich zu einem Menschen, der zwar seine Leidenschaften und Visionen intensiv lebt, der aber auch unwahrscheinlich stark seinen scharfen Verstand benutzt, um solche Mammutprojekte in die Wirklichkeit umzusetzen, um den gesamten Apparat dazu aufzubauen und anzuleiten. Abgesehen von den diplomatischen und strategischen Fähigkeiten, die ein solcher Impresario braucht. Eine klitzekleine Kleinigkeit nur in der Recherche - und plötzlich steht da ein völlig anderer Mensch.

    Und die Moral von der Geschicht...

    Solche Recherchen machen demütig. Ich kann mich wahrscheinlich noch so anstrengen, auch mir werden aus meiner eigenen Zeitsicht heraus solche Verzerrungen unterlaufen, trotz aller Sorgfalt. Ich muss mir einer Sache immer bewusst bleiben: Ein Sachbuch erzählt nicht nur etwas über ein bestimmtes Thema. Es erzählt unterschwellig auch immer etwas über seinen Autor, über dessen Zeit und Kultur. Meine Aufgabe ist es, möglichst unsichtbar zurückzutreten, möglichst wenig von mir und meiner Zeit einfließen zu lassen. Lebendig werden sollen diejenigen, die wir nicht mehr fragen können, wie das damals wirklich war. Gar nicht so einfach...

    Archiv: Jackson und Nijinsky

    12.07.2009
    Zwei Tage vor meiner Lesung befinde ich mich im üblichen Vorauftrittsloch. Dauerregen lässt mich ums Open-Air bangen, dazu kommen die üblichen Ängste von Verkehrskatastrophen (nur ein winziger Grenzübergang offen) und eingebildeten Lampenfieberkrankheiten, die sich sachte ankündigen und am Dienstag zuschlagen werden. Sie sind wie alte Kumpel, man weiß genau, wann sie klingeln werden. Freunde, die mich ablenken könnten, sind dagegen alle irgendwie verreist, also werde ich zur Betäubung arbeiten.

    Ein wenig Atem- und Lesetraining, denn ausgerechnet jetzt spinnt der Kehlkopf und kratzt. Primelwurzeln, Königskerzenblüten, offene Zischlaute halten. Und dann einfach mit Nijinsky in seine Bühnenwelt abtauchen. Hat da jemand Bühne gesagt? Wie soll das ablenken? Hilft alles nichts, der Abgabetermin schreit bereits vernehmlich. Kürzlich hat mir eine gesagt, warum das mit dem Nijinsky ganz sicher so sei wie mit dem Michael Jackson. Da könne einer irre viel und irre gut, aber leben könne er nicht. Und dann schaue man dessen Leben an, diese durchgeknallten Höhen und Tiefen und Extreme und sei froh, dass man kein Künstler ist. Dass man nur ein kleines, unscheinbares Leben voller grauer Alltage habe.

    Leute wie Nijinsky und Michael Jackson, meinte sie, machten einem das fade Leben erträglicher. Und manchmal sogar das schlechte Gewissen, das bohre, warum man damals nicht ausgebrochen sei, warum man damals nicht gewagt habe. Und dann erzählt die Frau, die im Büro tagaus tagein Rechnungen abhakt, wie sie einmal Designerin habe werden wollen, aber das sei nicht vernünftig genug gewesen. Und sehen Sie, sagt sie, der Jackson und der Nijinsky, die sind beide durchgeknallt und es gibt doch so viele Künstler, die verrückt sind, die leben ja schon anders und ich, ich bin in meinem Büro und noch normal. Also war das gut so damals mit der Ausbildung.

    Sie sind doch auch noch normal geblieben, findet sie, arbeiten jeden Tag und dann haben Sie mal einen Auftritt und stellen sich hin und lesen vor, ohne Spinnereien, ohne Lampenfieber, geht doch! Sie gehen einfach da raus und machen das und können das, so wie ich meine Rechnungen schreibe, ja zum Teufel noch mal, man kann doch auch Künstler sein und normal bleiben, auch wenn wir lieber die Geschichten von den anderen lesen, den spinnerten. Wie ich ihr bedeute, dass ich da nicht einfach "rausgehe", sondern zumindest einen Moment die Augen schließe und zehn Mal sehr tief atme und manchmal einen Tag vorher krank bin, da meint sie, naja, ein bißchen Koketterie müsse wohl sein in meinem Beruf, ich träte doch auch ohne Angst in ihr Büro und sage einfach Guten Tag und rede und so ein Publikum, das könne doch nicht anders sein als ein Büroplausch.

    Passen Sie bloß auf, dass es Ihnen nicht wie dem Nijinsky geht, zu viel Kunst ist ungesund, das sehe man immer wieder; wenn einer schon anfange, anders zu leben als die anderen oder komische Sachen denke.

    Und dann komme ich heim, schalte den Fernseher ein, um abzuschalten, und werde aufgeklärt, dass es jetzt Antidepressiva gebe, die man gegen Lampenfieber und alltägliche Stimmungsschwankungen verschreibe. Auf einmal sehne ich mich regelrecht nach etwas mehr Lampenfieber, denn Lampenfieber ist gesund. Es hält einen aufmerksam und wach, gibt einem die Gabe, sich nachher selbst zu beobachten und zu analysieren, während man agiert. Ich denke, nur mit diesem zusätzlichen Adrenalinstoß ist es möglich, extrem aufmerksam, ohne nachzulassen, sein Bestes zu geben. Ich frage mich, was passieren würde, wenn man kleine, Lampenfieber auslösende Pillen in Bürokaffees mischen würde.

    Archiv: Der Kaiser tanzt

    16.06.2009
    Wir fahren in Gedanken südlich von Strasbourg zur Hochkönigsburg. Touristen werden das Gemäuer besser kennen als ich, das einst im Ruf stand, zu Disney-Kitsch-Größe tot restauriert worden zu sein - und von dem man heute weiß, dass der Architekt öfter in Originalpläne geschaut hat als vermutet. Man hat die Restauratoren nämlich nicht geliebt. Kaiser Wilhelm II. hatte sie geschickt, als das Elsass wieder einmal von den Deutschen besetzt war.

    Was aber hat das mit den Ballets Russes zu tun?
    Eine sehr ausführliche Burgbesichtigung habe ich in Gymnasiumszeiten erlebt. Unser Deutsch- und Geschichtslehrer, ein Franzose aus Hugenottenfamilie, bürstete dort wie üblich mit uns die offizielle Geschichte quer. Ich erinnere mich noch heute, wie er in einem Raum, dessen Lampe ein überdimensionales Urmel zierte, von Kaiser Wilhelms "geheimen Herrenabenden" erzählte. Ich weiß bis heute nicht, was daran war, aber wir gruselten und amüsierten uns gleichzeitig, zu erfahren, dass jene Abende meist in der folterkammerähnlichen Waffenkammer begonnen hätten und darin gipfelten, dass Wilhelm in eben jenem Urmelraum Ballettschrittchen zum Besten gegeben habe. Unserem Lehrer zufolge sogar im Tutu (da hatte er aber wahrscheinlich zwei verwechselt...).

    Jetzt, bei der Recherche zum Leben Vaslav Nijinskys, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Kaiser Wilhelm II. hat die Trümmer der Hochkönigsburg zwischen 1901 und 1908 für Repräsentations- und Prunkzwecke restaurieren und ausbauen lassen. 1909, vor genau hundert Jahren, entstanden die Ballets Russes. 1910 traten die Ballets Russes zum ersten Mal im Ausland auf, u.a. im Mai in Berlin im Theater des Westens (wohin sie 1912 zurückkehrten) - mit Erfolg. Wenn ich jetzt nur noch die Stelle wiederfinden würde, in der es heißt, Kaiser Wilhelm habe in Berlin wiederum ein paar ballettartige Schritte imitiert und seine hohen Beamten zum Ballettbesuch verdonnert ... Aber man muss ja nicht alles auswendig wissen, bevor das Buch geschrieben ist. Immerhin, falls er unter diesem Urmel wirklich so getan hat, als könne er tanzen, dann hat er eindeutig die Ballets Russes nachgeahmt!

    Archiv: Doppelskandal

    29.05.2009
    Er ist erst 23 Jahre alt und bereits Kult. Wenn er sich in der Öffentlichkeit zeigt, werden jüngere Frauen schwach und ältere wünschen ihn sich als Sohn. Aber auch Männer aller Altersstufen sind hin und weg. Denn er hat diese berühmten drei K: Körper, Können, Kunst. Am liebsten würde er nur für die letzten beiden Eigenschaften verehrt werden, aber selbst das ist ihm zu viel - ein persönlicher Bodyguard hält ihm allzu aufdringliche Fans vom Leib. Den gibt's auf Fotos, die langsam in Umlauf geraten.

    Und dann passiert es. Er darf zum ersten Mal sein eigenes Programm machen. Das bereits im Voraus verzückte Publikum freut sich auf einen Hochgenuss wie gewohnt. Der junge Mann, sieben Frauen - das verspricht, ein wundervoller Abend zu werden. Aber der junge Mann tut nicht, was man von ihm gewohnt ist. Stattdessen zelebriert er männliche Erotik, die einigen schon gleich aufstößt. Und dann, als die Frauen geflohen sind, von der einen nur ein Schal zurückbleibt, greift er ihn, bewegt sich mit ihm, legt ihn der Länge nach hin und sich obenauf. Keiner kann genau sehen, ob er es wirklich macht, aber alle sind überzeugt: Er hat es gewagt, auf offener Bühne vor aller Augen zu masturbieren! Der Kritiker vom Figaro ist so entsetzt, dass er ganz vergisst, wie man eine Rezension schreibt. Sein Artikel wird zur moralischen Hetze mit politischen Folgen.

    Dem Kultstar jedoch war diese Arbeit noch nicht modern genug. Er möchte weiter gehen. Sein Lebenspartner und "Agent" unterstützt ihn dabei voll, denn er hat die Hochbegabung erkannt. Und er versteht etwas von PR. Der neue Abend findet genau am gleichen Tag statt, möge sich das Publikum erinnern. Sich ins Gerede bringen, macht Reklame.

    Derweil hat der Skandalstar moderne Mitstreiter gefunden. Einen jungen Komponisten, der die Menschen mit seinen neuen Disharmonien von den Stühlen reißt. Und einen Künstler, der auch als Ethnologe Erfahrung hat, der Reisen unternimmt. Was das Trio auf die Bühne bringt, ist für das Publikum schlimmer als eine offene Masturbation, es bedeutet den völligen Bruch mit der vertrauten Welt, ein Extrem für alle Sinne. Wie ein Wirbelsturm fegt sie der junge Mann mit diesen Ideen aus allem bisher Vertrauten in einen Abend, der sich verquer anfühlt.

    Schon lange bevor sich eine Jungfrau zu Tode tanzt, bricht im Publikum der Tumult los. Buhrufe und Pfiffe steigern sich zur Kakophonie. Der junge Mann, der selbst nicht auftritt, steht gleich hinter der Bühne und zählt so laut er kann, denn inzwischen ist der Lärm so stark, dass man dort die Musik nicht mehr hören kann. Auch als sich im Publikum die ersten Befürworter und Gegner Boxkämpfe liefern, gibt der Impresario kein Zeichen zum Abbruch. Er ahnt, wenn sie das durchstehen, sind sie weltweit in aller Munde, werden die Schwarzmarktpreise für Eintrittskarten massiv steigen. Und der junge Mann wird das sein, was er längst verdient hat - ein Jahrhundertstar.

    Beides war heute, am 29. Mai.
    Der erste Skandal fand 1912 (!) in Paris statt. Vaslav Nijinsky tanzte seine erste eigene Choreografie zu Debussys Prélude "L'après-midi d'un faune". Ein Jahr später, also am 29.5.1913, choreografierte er wieder, tanzte aber nicht selbst. Der Künstler Nicolas Roerich entwarf Bühnenbild und Kostüme und ein junger, bisher eher unbekannter russischer Komponist wurde weltberühmt: Igor Strawinsky. Das Ballett: Le Sacre du Printemps.
    Mehr dazu natürlich in meinem Buch...

    Archiv: folie à deux

    20.05.2009
    In Frankreich kann man an unterschiedlichen Sorten von "folie" leiden. Im schlimmsten Fall muss man damit in die Psychiatrische. Im freundlicheren Wortsinn bedeutet "folie", dass der gesunde Menschenverstand ab und zu einmal Urlaub einreicht. "Folie" ist aber auch eng an Leidenschaft und Begeisterung geknüpft. So kann man z.B. eine "folie à livres" haben - eine Krankheit, die einem kein Arzt der Welt freiwillig kuriert und keine Krankenkasse zahlt - denn wer ohne Unterlass dringend Bücher sammeln und lesen muss, ist selbst schuld. Und natürlich gibt es im angeblichen Land der Liebe auch die "folie à deux", so etwas wie eine Liebesbeziehung zwischen zweien, die vor Leidenschaft bersten und den Verstand in Dauerurlaub an die Cote d'Azur geschickt haben.

    Ich leide an einer Sonderform, die nicht im Wörterbuch steht. Ich habe die "folie à deux" mit dem jeweiligen Buch, an dem ich schreibe. Das führt zu unkontrollierten Handlungen im wahren Leben und Spinnereien um erfundene Geschichten. So brauchte ich letztens dringend ein adäquates Kleid für einen Auftritt im edlen Jugendstil-Rosengarten. Was Einkaufen betrifft, habe ich aber scheinbar nur männliche Gene - ich hasse es. Ach, dachte ich, das bestelle ich jetzt im Internet, ratzfatz.

    Ich muss ausholen. Ich schwärme schon immer für eine bestimmte Mode der 1910er, 1920er. Jetzt, mit dem Projekt über die Ballets Russes habe ich einen Modeschöpfer entdeckt, der zu jenem Freundeskreis gehörte und womöglich sogar Mäzen war. Er selbst ließ sich von den Kostümen der Ballets Russes inspirieren: Paul Poiret. Als ich bei den Recherchen auf Bilder seiner Modelle stieß, war ich hin und weg. Ich gäbe etwas darum, nähen zu können! Und wie schön man das modernisieren könnte! Aber unsereins bestellt halt 2009 schnöde aus dem französischen Katalog. Und dann das Erstaunen - Ein Schnitt wie bei Poiret. Komisches Unterbewusstsein...

    Folie wird das aber erst bei Aktionen wie heute. Ich brauche für das Kleid in Grautönen noch irgendeinen Windschutz für alle Fälle. Jäckchen, Stola, Tuch? Aber ich kaufe ja nicht gern ein, ich werde schon etwas im Schrank finden. Heute morgen dann ein anstrengender Termin in Strasbourg. Höllenverkehr wegen der Trambaustellen. Wie versüße ich mir einen derart verlorenen Tag? Meldet sich irgendein unterentwickeltes Einkaufsgen, das für sein Leben gern in einem uralten Jugenstil(aha!)-Kaufhaus in Stoffen wühlt. Das kann ich stundenlang...

    Irgendeine Stimme (typisch: immer auf andere schieben) sagte mir: Du gehst da jetzt hin, findest hier und jetzt den ultimativen Stoff für eine graue Stola. Und du denkst ganz fest, du wärst bei den Ballets Russes, sagen wir mal 1910. Du findest!

    Madame betritt den Laden, zieht eine Schnute, weil die diesjährige Mode in Frankreich offensichtlich trist sein soll, amüsiert sich in der extremen Lurex-Glitzer-Pailettenabteilung und sieht eine dicke hohe Säule neben den schmiedeeisernen Geländern stehen. Fehlte obenauf nur der riesige Farn, dann hätte die Säule mit ihrer Stoffverkleidung aus dem Grandhotel Des Bains am Lido von Venedig sein können. Das ist dieser Luxuskasten, in dem Nijinsky Urlaub gemacht und Visconti seinen "Tod in Venedig" gedreht hat.

    Was Dekorationen und Inszenierungen von Räumen betrifft, bin ich immer neugierig. Und wie ich so plötzlich mit Lesebrillenmodus an die Sache herangehe, entdecke ich, dass das gar keine mit Stoff verkleidete Säule ist! Sondern nur eine spezielle Rolle mit Spannvorrichtung, auf die man Pannésamt wickelt. Der war grau und der Wahnsinn (hier sind wir bei der deutschen Übersetzung von folie). Wellenprägung. Und ein nachgemachtes Ausbrennmuster mit Blumen ... so um 1910. Belle Epoque pur.

    Ich wickelte zur Probe, je nach Licht ist er silbrig-grau oder hat einen rosaperlmuttfarbenen oder sanft lilagrauen Schimmer. Ein Traum. Als ich an der Kasse schon den passenden Faden verlangte, kam mein gesunder Menschenverstand durch den Laden gerannt. Ich hätte vergessen, nach dem Preis zu fragen, ich Verrückte! So eine folie kann schließlich auch darin ausarten, dass man mehr Geld ausgibt, als man besitzt. Owei. Aber wenn irgendetwas, irgendein Stoff heute noch dieser Atmosphäre der Kostüme der Ballets Russes nahekommt, dann dieser! Was, wenn er schon geschnitten und nicht bezahlbar wäre?

    Sechs Euro zwanzig der Meter, sagte die Verkäuferin. Und wunderte sich, dass ich ihr einen besonders wundervollen Tag wünschte.

    Archiv: Nijinsky-Fieber

    19.05.2009
    Heute war es passiert - am 19.5.1909, vor genau hundert Jahren...

    Ein gerade zwanzigjähriger Russe tanzte in Paris im noch recht konventionellen Ballett "Le Pavillon d'Armide" zur Musik von Tscherepnin und gewann die Herzen der Zuschauer im Sturm. Es war die Geburtsstunde der Ballets Russes und der Anfang der atemberaubenden Karriere von Vaslav Nijinsky. Der als achtes Weltwunder bestaunte "Gott des Tanzes" berührte die Menschen nicht nur von der Bühne aus. Vaslav Nijinskys Leben war eine Existenz der Extreme. Höchster Ruhm, tiefstes Leid, Hochbegabung und dann im Alter von nur 30 Jahren die Zwangseinweisung in die Psychiatrie. Er verschwand für den Rest seines Lebens nach zweifelhaften Diagnosen in teilweise dubiosen Therapien - und auch bedingt durch die Zeitgeschichte in völliger Isolation von der Kunst und Gleichgesinnten. Was der Tänzer und Choreograf, der seiner Zeit weit voraus war, wirklich geleistet hat, tritt erst in den letzten Jahren zutage.

    Ich wollte heute ursprünglich erzählen, was mich an Vaslav Nijinsky so fasziniert, aber dann las ich morgens den mitreißenden Artikel seines größten Sammlers und Spezialisten, des Chefchoreografen des Hamburg Balletts, John Neumeier. Ich wollte nur dasitzen und zuhören, vielmehr hinlesen ... (und empfehle das jedem, der etwas von der Faszination spüren will, die Nijinsky noch heute ausübt).
    Ich brenne erst seit Spätherbst 2008 im Nijinsky-Fieber, schreibe erst seit Jahreswechsel unter Vertrag, das ist ein Wimpernschlag, nicht mehr.

    Und warum brenne ich so? Wie komme ich dazu, über Vaslav Nijinsky zu schreiben? Ich kann es nur so erklären: es fühlt sich an, als würden sich mit diesem Projekt Kreise schließen, deren Anfänge uralt sind. Das ist von Anfang an nie ein "normales" Buch gewesen. Und es ist für mich persönlich ein absoluter Traum, weil ich die Ebene des gedruckten Textes verlassen darf, weil hier Text neben Musik inszeniert wird - gesprochen von einem Schauspieler. Ich glaube, ich darf das laut sagen: Es ist auch für meine Verlegerin ein Traum. So viele Jahre hat sie Nijinsky im Kopf. Und einige Jahre ist sie bereits meine Verlegerin, blieb mir aber immer anonym. Sie hatte in Lizenz das Elsass-Buch zum Hörbuch gemacht.

    Wie das Leben manchmal so spielt, liefen wir uns plötzlich ein paar Mal über den Weg. Ob ich mir vorstellen könne, über die Ballets Russes und Vaslav Nijinsky zu schreiben?
    Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie ich reagiert habe. Natürlich kam mir zuerst in den Sinn, dass ich von Ballett keine Ahnung habe. Ich gehe in die Vorstellungen wie jeder andere Laie auch - so wie ich ins Theater und in Konzerte gehe. Aber ich würde nie als Fachfrau jeden einzelnen Schritt auseinandernehmen können. Wie sollte so eine wie ich über ein Thema aus dem Ballett schreiben können? Aber hatte ich nicht in meiner Ausbildung gelernt, mich in jedes nur erdenkliche Thema einarbeiten zu können? Hatte ich nicht auch über Rosen geschrieben, ohne Gärtnerin zu sein?

    Ob mich das interessiere? Mmmmh, ja, Russisches liegt mir sehr. Ich hatte als Kind kyrillische Buchstaben als Geheimschrift gelernt, ging später in einen Russischkurs und erlebe heute die Russen in Baden-Baden, warum eigentlich nicht? Ballets Russes, Moment, wann waren die noch gleich, was war da los? Als meine Verlegerin von den Künstlern, Komponisten und Schriftstellern schwärmte, die mit den Ballets Russes und Nijinsky verbandelt waren, hat es mich gepackt. Das war doch diese Zeit, in die ich schon immer mit der Zeitmaschine fliegen wollte! Meine Lieblingskünstler obendrein. Entweder hatte ich sie in Ausstellungen gesehen oder in Büchern. Und ihre Kunstdrucke hängen an meinen Wänden. Spannend. Ja, über diese Zeit der Avantgarde zu recherchieren, welch ein Vergnügen!

    Es gab damals eine feste Clique, die täglich mit Nijinsky und Diaghilew in Paris speiste. Und einer von denen ging mir nicht aus dem Kopf. Er erinnerte mich an etwas. Rostand ... Rostand ... kein Name, den man in deutschen Schulen lernt. Aber genau über den habe ich mir vor über sieben Jahren den Kopf zerbrochen. Ich arbeitete damals mit den BBC an einer DVD über Francis Poulenc und zitierte einen Claude Rostand. Ich erinnere mich noch, wie ich das Zitat ständig gegenprüfte. War das nicht doch Maurice Rostand? Der verkehrte irgendwie mit Cocteau und mit Poulenc, war da nicht so eine hochspannende Clique? Der Regisseur von den BBC seufzte, ja, eine spannende Zeit. Das war damals mit den Russen. Da war Poulenc noch jung, hat auch mit den Ballets Russes gearbeitet.

    Ich war fast ein wenig traurig, dass wir uns mit dem älteren Komponisten beschäftigten. Ach, einmal im Leben wieder so ein Projekt, multimedial und aus dem Vollen der Künste geschöpft! Einmal im Leben vielleicht sogar ein Projekt über meine Lieblingszeit, über all diese Leute, die ich seit meiner Schulzeit bewundere und die ich in Frankreich sehr lebendig entdecken durfte. Wassilij Kandinsky, Sonia Delaunay-Terk, Pablo Picasso, Henri Matisse ... und all die anderen, Klimt, Modigliani, Rodin, Bakst, Redon, Kokoschka, Chagall - sie alle haben Vaslav Nijinsky entweder gemalt oder persönlich gekannt. Ganz zu schweigen von Leuten wie Marcel Proust, Hugo von Hoffmannsthal, Igor Strawinsky, Isadora Duncan, Maurice Ravel und all den anderen von den Ballets Russes "gebissenen" Künstlern! Das Abenteuer konnte beginnen.

    Ich habe mich also Vaslav Nijinsky über Umwege genähert. Und dann seine Tagebücher gelesen, die er angeblich im Wahn verfasst hat. Es ist eins der Bücher, die mich seit langem tief berührt haben. Hier sprach kein durchgedrehter Tänzer aus der Umnachtung, hier machte sich ein hochsensibler Künstler luzide Gedanken über die Kunst und litt daran, dass man ihm diese große Liebe seines Lebens genommen hatte. In dem Moment gab es kein Zurück mehr für mich. Ich wollte diesen Mann näher kennen lernen.

    Nein, das war keine normale Recherche mehr. Nijinsky hat auch mein Leben verändert. Ich habe gelernt, wo ich mich selbst schreibend hinsehne. Ich habe dann die verrückteste Entscheidung meines Lebens getroffen (in den Augen anderer) und einen bereits fast 200 Seiten umfassenden Unterhaltungsroman zurückgezogen. Ich will nicht zur "Schreibmaschine" werden. Dass ich trotz widrigster äußerer Umstände dann noch "nebenbei" ein altes Traumprojekt bearbeitete, habe ich meinem Agenten, meiner Verlegerin - und Nijinsky zu verdanken. Jetzt oder nie - das Leben kann so kurz sein und die Zeiten für Kunst sind nie günstig. Wagen.

    Ich habe natürlich noch einen Traum. Ich wünsche mir, diese Begeisterung übertragen zu können. Und ich wünsche mir, als lernende Dilettantin diesem wunderbaren Projekt gewachsen zu sein. Und jetzt trinke ich erst einmal einen Sekt auf Vaslav Nijinsky und die Ballets Russes! Ein großartiger Tag heute.

    Anmerkung: Das Hörbuch konnte leider aus finanziellen Gründen nicht verwirklicht werden. Im Moment arbeite ich den Text wieder um für das Medium, in dem ich normalerweise schreibe: gedruckte Bücher.
    Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...