Montag, 19. Dezember 2011

Der Name der Rose

Was hat die Verfilmung von Umberto Ecos Bestseller "Der Name der Rose" mit Nijinsky zu tun? Man kann anhand dieses 1986 gedrehten Films hervorragend eine Vorstellung dafür bekommen, wie nah oder fern uns die Gegenwart Nijinskys ist.
Wer erinnert sich nicht an das unvergessliche Gesicht des blinden Jorge, des Bibliothekars, der Bücher geheim hält und ein Werk von Aristoteles sogar vergiftet!? Der Schauspieler, der den fanatischen Mörder so eindrücklich verkörperte, war zur Drehzeit 81 Jahre alt. Sein Name: Fjodor (Fjodorowitsch) Schaljapin. Bei Kennern der Ballets Russes müsste jetzt etwas klingeln ...

Jener Schauspieler Schaljapin ist nämlich das jüngste Kind des namensgleichen weltberühmten Sängers Fjodor (Iwanowitsch) Schaljapin gewesen. Und den hatte Sergej Diaghilew in Mussorgskys Oper "Boris Godunov" (Link mit historischer Tonaufnahme)1908 nach Paris gebracht - zu jener Zeit war der Bassist 35 Jahre alt. Es gibt in Bronislawa Nijinskas Autobiografie ein paar zauberhafte Passagen über ihn - die Ballerina hatte sich nämlich unsterblich in den Opernsänger verliebt - und er war schon vorher gut mit der Familie von Vaslav Nijinsky bekannt.

Auf den Namen Fjodor Schaljapin stieß ich übrigens auch in Unterlagen der russisch-orthodoxen Kirche in Baden-Baden. Aufgeregt forschte ich nach, ob es sich nun um den Sohn oder den Vater handelte. Das Ergebnis - mit einer wunderbaren Anekdote - werde ich in meinem nächsten Buch über russische Spuren in der Sommerresidenz Europas bringen. Jene Anekdote bekam ich selbst erzählt, als sei sie erst gestern passiert. So nah kann Geschichte auf einmal wirken - nah, wie wenn man jemandem in einem Film begegnet.

Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos - Buch von Petra van Cronenburg

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Nijinsky Dezembertipp bei Bücherfrauen

Ich freue mich: "Faszination Nijinsky" ist Dezembertipp bei den Bücherfrauen e.V. Dort heißt es unter anderem:
"Eine wunderbare Bildauswahl macht die Faszination sichtbar, die von diesem Künstler ausgegangen sein muss."

Dienstag, 1. November 2011

Neue Rezension

Manchmal bekommt man Rezensionen, die einem zeigen, dass man mit den eigenen Ideen vom Schreiben trotz aller Qualen richtig liegt. Es ist einer der magischsten Momente meines Berufs, wenn ich davon erfahre, wie Emotionen auf Leser überspringen können. Nikola Hotel hat "Faszination Nijinsky" gelesen und in ihrem Blog rezensiert.

Freitag, 14. Oktober 2011

Herzklopfen beim Signieren

Ich habe zeitlebens ein Arbeitsprinzip, wegen dem ich schon mehrfach für verrückt erklärt worden bin: Ich "konstruiere Magie". Oder anders gesagt: Wenn sich beim Arbeiten Kreise wie von selbst schließen, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Viele Kreise mischen sich zu einem dichten Netz ohne Ecken. Und dann kann es passieren, dass irgend ein sinnlos erscheinender Umweg in der Vergangenheit sich plötzlich als die Kernqualifikation in der Zukunft entpuppt. Klingt zu kompliziert? Nun, gestern hat sich so ein Kreis geschlossen, ein konkretes Beispiel.

Im vergangenen Jahr habe ich für meine Verhältnisse viel Geld beiseite gelegt, um mich für die harte Recherchearbeit an meinem Buch "Faszination Nijinsky" zu belohnen. Viele Monate im Voraus gönnte ich mir einen preziosen Platz im Baden-Badener Festspielhaus. Der weltberühmte Dirigent Valery Gergiev würde mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters Ausschnitte aus Mussorgskys Oper "Boris Godunov" geben. Den Abend hatte ich nicht zufällig gewählt. "Boris Godunov" war hundert Jahre zuvor Diaghilews Debut in Paris gewesen, bevor er mit Ballettaufführungen begann. Der Chef der Pariser Oper verlachte ihn übrigens damals, so etwas habe man noch nie gemacht! Wir kennen solche Bedenkenträger gegenüber dem Neuen, dem Wagnis, auch heute nur allzu gut ...

Aber wie das so ist, wenn man Karten zu früh bestellt, konnte ich nicht ahnen, welche Katastrophen in der Zwischenzeit auf mich warteten. Kurz vor der Aufführung war klar, dass es meinen Verlag nicht mehr geben würde. Wie einige meiner Verlage vorher auch ... Ich stand da mit der Arbeit von einem Jahr, die wohl das Licht der Welt nie erblicken würde. Mit einem Text, den ich als meinen besten bisher empfand. Ich war deprimiert über dieses Ausgeliefertsein, so deprimiert, dass ich ernsthaft daran dachte, das Schreiben ganz aufzugeben. Und ich war so pleite wie schon lange nicht mehr - schließlich hatte ich ein Jahr lang kaum noch andere Aufträge annehmen können. Jeder vernünftige Mensch hätte die Karte storniert.

Ich hatte nicht mehr viel im Kühlschrank, aber ich bin ins Festspielhaus gegangen, in meinem schönsten Kleid. Jetzt erst recht, dachte ich mir. Wenigstens sollte meine Laufbahn als Autorin eine angemessene Beerdigung erfahren, so ein Zarentod auf der Bühne war doch wie geeignet dafür! Ich beschloss, nicht ans Morgen zu denken und das Konzert zu genießen.

Ich kann nicht genau sagen, was dann alles passierte. Ich kam genau in dem Moment aus der Tiefgarage, als die Musiker zum Bühneneingang strömten. Hörte ihr Russisch, vielleicht war das Licht ein seltsames an diesem Abend, plötzlich war ich weg. Im Jahr 1909, in meinem Buch hinter der Bühne, sah Diaghilew, der sein letztes Geld zusammengekratzt hatte, um etwas auf die Beine zu stellen, das man noch nie gemacht hatte. Das Konzert hinterließ tiefe Spuren. Schon in der Pause konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wie ich je auf die wahnsinnige Idee gekommen war, man könne der Kunst einfach kündigen. Als die Musiker des Mariinsky wieder in den Bus stiegen, schwor ich mir im Inneren: "Wartet, eines Tages reise ich zu euch, nach Petersburg. Und jetzt werde ich alle Hebel in Bewegung setzen, dass mir das auch gelingen mag."

Ich musste also mein Manuskript ins Leben bringen. Wider alle Katastrophen und Erwartungen ist mir das auch gelungen - ein Jahr später erschien das Buch.

Aber ich habe meine Rechnung nicht mit dem Leben gemacht. So viel ist passiert, so viel hat sich verändert. Die Reise nach Petersburg ist eigentlich nur noch eine Frage von Geld, sehr greifbar geworden. In Baden-Baden stehen die Herbstfestspiele an. Valery Gergiev wird mit den Musikern des Mariinsky die diesjährigen Tschaikowsky-Preisträger vorstellen.

Gestern habe ich mein Buch für ihn signiert. Jemand will es ihm beim abendlichen Zusammensein schenken. Ich war so aufgeregt, dass ich das Zittern unter Kontrolle halten musste. Nie hatte ich so viel Angst, mich zu verschreiben. Und wie signiert man so ein Buch? Eine Freundin musste mir soufflieren, wir haben Formulierungen verworfen, Sätze geschnitzt. Wie redet man ihn an und wie buchstabiert man "Maestro", auch wenn man doch ganz genau weiß, wie man es schreibt? - Ich habe mich zum Glück nicht verschrieben.

Es ist womöglich idiotisch, sich über solche Dinge zu freuen. Wenn man mir das vor einem Jahr gesagt hätte, was auf mich zukommen wird, hätte ich denjenigen für absolut durchgeknallt gehalten. Aber der Kreis, der sich hier schließt, zeigt mir ganz deutlich, dass man seine Kunst nie verraten sollte, indem man ihr mit der Kündigung droht. Sie tritt einem irgendwann ans Schienbein und fordert einen zurück.

Lesetipp:
Petra van Cronenburg: Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos, edition octopus

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Heute "Nijinskys Auge" im TV

Heute abend in ZDF neo um 23:30 Uhr Wiederholung der Doku "Nijinskys Auge". Es geht darin um die Hamburger Ausstellung gleichen Namens, bei der zum ersten Mal John Neumeiers Kollektion von Bildern zu sehen war, die Nijinsky gezeichnet hat. Lange Zeit wurde dieses Schaffen als reine Aktion im Wahn herabgesetzt. Die Hamburger Ausstellung hat Nijinskys Bildsprache mit der von zeitgenössischen Künstlern der Avantgarde verglichen.

Einem anderen Aspekt von Nijinskys bildnerischem Schaffen bin ich nachgegangen: Kann man Nijinskys Bilder als sogenannte Outsider-Kunst betrachten, oder wie manche sagen "Art Brut"? Hans Prinzhorn hat zu Lebzeiten Nijinskys eine berühmte Sammlung der "Bildnerei von Geisteskranken" zusammengetragen, u.a. aus der Klinik, in der Nijinsky behandelt wurde. Nijinskys Art zu malen, zeigt durchaus Parallelen dazu. Ich habe deshalb in meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" Dr. Michael Braunsteiner, den Kuratur von Admont, interviewt. Er hatte die weltberühmte Sammlung Prinzhorn für eine Ausstellung nach Österreich geholt und beschäftigt sich intensiv mit Outsider Art. Er konnte viel Spannendes erzählen über den Mythos von Genie und Wahnsinn, über Grenzgänge in der Kunst und echte künstlerische Begabung in der Krankheit. Und er erklärt, was uns an der Vorstellung vom wahnsinnigen Künstler so fasziniert und gleichzeitig Angst macht. Seine Deutung, wie ein Balletttänzer und Choreograf so scheinbar plötzlich zur Bildenden Kunst kommt, ist sehr überzeugend.

Sonntag, 25. September 2011

Nijinsky ist QWIEN-Lesetipp

Das QWIEN, das Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte in Wien, empfiehlt mit einer ausführlichen Rezension "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos": die Rezension.

Montag, 5. September 2011

Viel Lob

Nach zwei Monaten auf dem Markt erreicht mich nun auch vermehrt Echo von Leserinnen und Lesern zum Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos". Dass es bisher durchweg Lob ist, darf man stolz auch einmal laut sagen. Noch viel lieber aber würde ich den Spruch zitieren, den ich als Kind auf einem Schild bei unserem Friseur entzifferte:
"Sind Sie zufrieden, sagen Sie es anderen. Sind Sie unzufrieden, sagen Sie es mir!"
Die Leseprobe bei Book-2-Look, wo man unter dem Kamerasymbol auch den Buchtrailer anschauen kann, erfreut sich regen Zuspruchs: 2700 views hat der Betreiber gezählt und heute verkündet. Da kann ich nur hoffen, dass diese Neugierigen nicht nur gucken, sondern auch das Buch kaufen! (Schnell schnell, bei Amazon sind nur noch zwei Stück auf Lager...)

Weiterhin platzieren viele das Foto vom gekauften Buch mit sich oder mit Regal, im Garten oder im Lesesessel, bei Facebook und Twitter und in Blogs. Wer dazu hinter den Kulissen eine Adresse herausgibt, bekommt zur Belohnung das Buch "fernsigniert". Ich schicke einen beschichteten Aufkleber mit dem Hintergrundbild dieses Blogs (Nijinsky in Sheherazade) signiert per Post - das spart meinen LeserInnen jede Menge teures Auslandsporto für Bücher. Den Aufkleber kann man dann selbst im Buch anbringen.

Rezensionen von LeserInnen gibt es bei Amazon, bei "Buntbär" und - eher über mein Hauptblog - bei Peter Marnet. Zwei Tanzzeitschriften und ein anderes Medium wollen im Oktober zur Theatersaison folgen. An dieser Stelle möchte ich alle ermuntern, ihr Echo ruhig auch öffentlich z.B. bei Amazon oder in den Social Media zu geben. Das müssen beileibe keine 5-Sterne-Rezensionen sein - im Gegenteil, je breiter und größer das Spektrum an Stimmen, desto hilfreicher für diejenigen, die das Buch nicht kennen.

Ganz besonders freue ich mich, dass "Faszination Nijinsky" nicht nur reine Leserinnen und Leser fasziniert. Geplant ist bereits eine Lesung mit Menu in der warmen Jahreszeit 2012 im Galand in Odelshofen bei Kehl. Die deutsch-russische Kulturgesellschaft Baden-Baden hat mich gebeten, das Buch bei den öffentlichen Treffen am 13. Dezember vorzustellen - ein Termin, der wie ich hoffe, wegen der weiteren Anreise nicht Schnee oder Eis zum Opfer fällt. Aber das ist die schönste Überraschung für mich: Über diese Adresse wird mein Buch mit einem russischen Beiblatt an ein paar feine Adressen in Russland versandt werden ... Weil die Auftrittstermine noch nicht ganz feststehen, bitte ich Interessierte, die tatsächlichen aktuellen Termine auf meiner Website zu verfolgen.

Mir selbst bleibt jetzt nur zu wünschen, dass "Nijinsky" nicht in den Neuerscheinungen zur Buchmesse untergeht, sondern mit einem Sprung zu seinen Leserinnen und Lesern findet!

--- Alles zum Buch ---
- Wo man mich im Internet findet -

Samstag, 13. August 2011

Der einzige Film mit Nijinsky

Nein, es gibt wirklich keinerlei Filmmaterial vom tanzenden Nijinsky, es gibt sogar nur sehr wenige echte Live-Fotografien - die meisten wurden im Studio oder auf der Bühne gestellt. Grund dafür war ein PR-Trick Sergej Diaghilews, der einen über moderne Künstlervermarktung nachdenken lassen könnte. Er war der Meinung, wenn ein Weltstar für weniger Geld in den Kinos und Vorführsälen zu sehen sei, würde weniger Publikum die teuren Eintrittskarten für die Vorstellungen kaufen. Und würde man gar Nijinskys Tanzbewegungen in Einzelbilder zerlegen können, wäre womöglich die Magie um den "Gott des Tanzes" erklärbar und damit entmystifiziert.

Für viel Aufsehen sorgten darum vor einiger Zeit angebliche "Filmaufnahmen" eines youtube-Accounts ("christiancomte"). Es handelt sich dabei jedoch um nichts anderes als um Animationen, die mit moderner Computertechnik aus Fotos hergestellt wurden.

Vaslav Nijinsky wurde live nach dem Stand der Forschung nur ein einziges Mal von einer Filmkamera erfasst und der Streifen - meines Wissens durch einen BBC-Bericht anlässlich seines Todes - konserviert. Die wenigen Sekunden, die ihn mit seiner Frau Romola zeigen, sind 1945 in Wien nach seiner abenteuerlichen Flucht vor der Ermordung durch die Nazis gedreht worden (die ganze Geschichte in meinem Buch). Nijinsky war zu dieser Zeit schwer durch abenteuerliche Therapien und die Entbehrungen im Krieg geschädigt und vorzeitig vergreist. Er ist in dem Filmausschnitt 56 Jahre alt und seit 26 Jahren immer wieder mehr oder weniger in psychiatrischer Behandlung. Bei der Befreiung durch russische Soldaten soll er kurzzeitig wieder aufgeblüht sein, es heißt, durch die heimatlichen Klänge habe er nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder gesprochen.

Berichte von Zeitgenossen über die Zeit danach sprechen eine andere Sprache: Vaslav Nijinsky soll nur noch reflexhaft reagiert haben und stumm geblieben sein - all die Pressefotos mit ihm an der Barre, der Schreibmaschine oder beim Kartenspielen und anderen Tätigkeiten seien gestellt gewesen, um Geld für die Stiftung aufzutreiben, mit der seine Therapie finanziert wurde. Romola versuchte bis zum Schluss, bei den Geldgebern die Hoffnung zu schüren, ihr Mann könne eines Tages wieder als Tänzer auftreten - nach Fotos wie denen unten im Film glaubte ihr das jedoch nicht einmal mehr die Presse. Anschauliche Beweise für den tatsächlichen Zustand Nijinskys gibt es neben subjektiven Augenzeugenberichten und Krankenakten keine - Nijinsky wurde eben auch nach seiner Tänzerkarriere nie näher oder gar im Interview im Film festgehalten. Fotos, die seinen jämmerlichen Zustand ahnen lassen und die während der arrangierten Presse-Shootings zufällig entstanden, wurden nicht veröffentlicht, sind aber heute in Datenbanken wie z.B. bei Getty Images zu finden.

Jener kleine sekundenlange Schnipsel Film hat sich ebenfalls bei youtube erhalten, er folgt auf eine Reihe abgefilmter Fotos aus dem Jahr 1945. Fünf Jahre später stirbt Vaslav Nijinsky an Nierenversagen - nach heutigen Erkenntnissen eine Folge der brutalen Insulinschocktherapie.

Ausführlicher wird die Geschichte in "Faszination Nijinsky" erzählt. In dem Buch gibt es auch die berühmte Live-Foto-Serie, bei der Nijinsky im Kostüm das erste und einzige Mal mitten im Sprung abgelichtet wurde.


Ob der Urheber des Videos alle Rechte abgeklärt hat, lässt sich leider nicht feststellen. Für etwaige Ansprüche wenden Sie sich bitte direkt an diesen.

Mittwoch, 10. August 2011

Duftreise ins Jahr 1912

Viele Buchautoren werden während einer Buchrecherche wunderlich. Manche ernähren sich plötzlich eine Woche lang von mittelalterlichen Schleimsüppchen. Andere reisen an den Ort eines Verbrechens. Zuweilen bricht jemand in eine Ruine ein und stiehlt einen Kieselstein, um ihn neben den Computer zu legen. Viele verbinden mit ihrem Buch ein bestimmtes Musikstück, das sie immer und immer wieder hören. Das habe ich alles schon hinter mir gelassen. Als Synästhesistin musste ich mir zusätzlich zum Klang nämlich noch den Geruch meines Buchs besorgen. Eigentlich war es ein Sehnsuchtsduft - er war nämlich nirgends zu haben.

Als ich mich damit beschäftigte, wie die Ballets Russes mit ihren exotischen Balletten die Modeschöpfer, die wichtigsten Juweliere, die Designer und sogar die Luxusparfumeure ihrer Zeit beeinflussten, habe ich natürlich versucht, jedes noch erreichbare Parfum jener Zeit auszuprobieren. Die meisten waren zu den Premieren eines Balletts lanciert worden. Die Damen warfen sich nicht nur in orientalisch anmutende Kleider, durchsichtige Haremshosen oder wallende pelzverbrämte Mäntel in russischen Mustern - sie wollten passend zum Bühnenthema duften! Viele der Parfums aus dem "Dunstkreis" der Ballets Russes blieben Weltklassiker - Mitsouko, Shalimar, Chanel Nr. 5. Aber das wichtigste Parfum aus dem Jahr 1912, L'Heure Bleue von Guerlain, entzog sich mir. Es kam auf den Markt, als Nijinsky den "Blauen Gott" zur Musik von Reynaldo Hahn tanzte (Foto im Buch / die PR-Mär von Monets Seerosen ist neueren Datums). Warum das Blau für die Russen (und für mich) so wichtig war und welche Parfums damals kreiert wurden, habe ich hier beschrieben.

Kürzlich ist es dann passiert. Man nennt das in der Fachsprache wahrscheinlich "emotionsgetriebener Spontankauf". Will sagen, die Kundin hat völlig ihren Verstand verloren und sich gesagt, dafür wolle sie zur Not sogar im Winter eine Woche frieren, wenn sie doch nur diesen Flacon in ihren Besitz bringen könnte! Ich betrat sehr zufällig eine mir bis dahin unbekannte Parfumerie, kam, sah und probierte. L'Heure Bleue - das Parfum, das in meinem Kopf fest mit dem Blau der Ballets Russes gekoppelt war. Eine Rarität. Ein privater Mythos. Und dann passierte etwas, was mir noch mit keinem Parfum passiert ist (und ich habe früher beruflich viele getestet): eine richtig üble Geruchsattacke. Ich zuckte regelrecht zusammen. Meine Freundin, die dabei war, ging sofort auf Sicherheitsabstand, damit ihr nicht schlecht würde. Die Attacke war körperlich zu spüren, wie ein scharfer Schlag. Aber was sich dann entwickelte, vernebelte mir die Vernunft in Sachen Budget und ließ mich verliebt zurück ...

Ich muss ein wenig ausholen, um das zu erklären. Moderne, rein chemische Düfte, sind absolut stabil und deshalb für den leichten Abverkauf so beliebt - sie riechen immer gleich, nämlich so, wie in der Werbung versprochen. Alte und wertvolle Düfte dagegen bestehen zu großen Teilen aus reinen Naturstoffen. Diese haben die Eigenschaft, lebendig zu sein, sich verändern zu können. Das gleiche Parfum duftet je nach Luftfeuchtigkeit, Außentemperatur, Tageszeit und vor allem Hauteigenschaften anders. Auf keiner Frau, keinem Mann riecht so ein Duft gleich. Er wechselt sogar je nach Stimmungen und reagiert übrigens sehr empfindlich auf andere Chemiedüfte auf der Haut. Auch wenn heute die Edelparfumeure aus Naturschutzgründen verbotene Substanzen (z.B. Zibet, Ambra etc.) künstlich nachbauen müssen - die Parfums von Guerlain sind solche "lebenden" Düfte - man sollte sie öfter testen und auch sehr lange warten, wie sie sich entwickeln. Neugierig habe ich das dann noch einmal in Ruhe gemacht und versucht herauszufinden, warum dieser Duft zuerst wie eine Ohrfeige kam.

Frisch auf die Haut gesprüht verbinden sich Anisöl und Bergamotte mit einem schwül-scharfen Duft zu einem ungewöhnlichen Geruchserlebnis. Es wirkt stark animalisch, obwohl da keinerlei Moschus ist, erinnert an bitteren russischen Tee, an etwas Durchdringendes aus einem Tropenwald. Eine starke Aldehydnote lässt manche Leute an Desinfektionsmittel oder Arznei denken, im Untergrund erinnert es sogar an Aas - und ich vermeinte Ylang-Ylang herauszuriechen, das ich als reinen Duft absolut nicht ertrage. Tatsächlich aber ist es reichlich Tuberose, ein Duft, über den die Schriftstellerin Colette schrieb: "Sie, die Tuberose, zwingt mich in die Knie mit ihrer blühenden Allgewalt." Das Agavengewächs, das mit Rosen nichts zu tun hat, erklärt übrigens auch den Preis der Preziose, die Weltjahresproduktion von Tuberosenöl liegt bei gerade mal fünfzehn Kilogramm.

L'Heure Bleue war in seinem Schöpfungsjahr 1912 ein absolut neuartiges Schockparfum. Die Damen der Belle Époque trugen züchtig reine, unschuldig wirkende Blumendüfte. Sie waren leichte Parfums gewohnt, die ihre Trägerin nicht zu sehr in den Vordergrund drängten und schon gar nicht körperlich betonten. Aber etwas hatte sich verändert. Vaslav Nijinsky hatte als Faun mit dem Skandal einer (gespielten?) Masturbation auf der Bühne ganz Paris aufgemischt. Er zelebrierte seinen Körper - die orientalischen Ballette die Lust obendrein. Die Avantgarde machte den scharfen Schnitt, ihre Anhänger wollten den Bruch mit allen Konventionen. Guerlain machte mit: L'Heure Bleue ist der erste Aldehydduft mit orientalischer Note nach den zarten Blumenparfums (über Aldehyde / Aldehydduft). Wie muss die Kopfnote die distinguierte Gesellschaft damals geschockt haben! So roch vielleicht ein verschwitzer Balletttänzer oder eine verruchte orientalische Despotin, wie sie die Tänzerin Ida Rubinstein gab. Anis und Bergamott, gefolgt von Tuberose - das ist Sex und Tod, Lust und Verfall, Männliches und Weibliches. Nichts, was man sich freiwillig hinter die Ohren tupft!

Das Parfum trägt man besser eine Stunde vor dem Ausgehen auf. Was dann folgt, erzählt regelrecht Geschichten. Zum Anis tritt Sandelholz, Bilder von alten gewachsten Möbeln kommen mir in den Sinn, aber schon wird der Duft pudrig. Die Schärfe ist völlig verflogen, etwas Veilchen blitzt auf, gefolgt von einem unwahrscheinlich märchenhaften Geruch - dem Heliotrop - einem warmen Vanilleton, pfeffrig untermalt. Echter Rosenduft kommt hinzu, der jedoch nicht süßlich wird - die Tuberrose lässt ihn "grün" wirken, männlich, an Iris erinnernd. Jetzt denke ich an altes Papier, Leder, einen schweren, gut gereiften Cognac und junge Mädchen in wehenden weißen Kleidern in der Frühlingssonne. Zigarrenkisten aus Sandelholz, alte Briefe sind da. Der Heliotrop sendet nun seinen starken Dämmerungsduft aus, den er am Tag nicht hat. Nelken untermalen seine pfeffrige Schärfe mit einem leicht bitteren Unterton, der nahtlos in Orangenblüten übergeht. Die jungen Frauen lachen unter einem grünen Blätterdach, das überallhin seine Reflexe abbildet.

Das Parfum entwickelt sich zur Symphonie: Da ist Fruchtiges auf papieren-pudrigen Tönen, die Blumen wechseln zwischen ölig-fruchtigen Nuancen und den schwindenden Erinnerungen getrockneter Blüten. Immer wieder wuchert der grüne Anfangsduft hinein, bis die warme, weiche vanillige Tonkabohne einen Kontrapunkt setzt. Zu diesem Parfum hört man am besten Gustav Mahler und am allerbesten die fünfte Symphonie. Da bin ich wieder bei den Ballets Russes, bei den Urlauben am Lido von Venedig, in jenem Hotel, in dem Thomas Mann Urlaub machte und Visconti später dessen Novelle "Tod in Venedig" verfilmte. L'Heure Bleue, die blaue Stunde, reagiert stark auf Körpertemperaturen. In der Schwüle bleibt es länger blumig und ölig - von frischer Luft umweht kommen Vanille, Tonka und Sandelholz zum Tragen.

Es ist ein Duft, der es wagt, die Blumengerüche der Belle Époque zu welken, zu trocknen, orientalisch zu überhöhen. Er ist animalisch und sanft, kühl und warm, erschreckend und liebkosend, hell und dunkel, scharf und weich - nie eindeutig zu fassen, sich ständig verändernd; ein Parfum, das Kapriolen schlägt. L'Heure Bleue ist in all seiner Zweideutigkeit einer der androgynsten Düfte, den ich kenne. Nicht umsonst wurden diese ersten avantgardistischen Parfums zunächst eher von Männern getragen. Das Geruchserlebnis hält auch am zweiten Tag an. Da ist noch ein Hauch von Heliotrop und Tonkabohne zu spüren, ein undefinierbarer, vollkommen natürlicher Hautgeruch, der an sonnengetrocknetes, warmes Leinen erinnert und an Zigarrenkisten, in denen jemand edle Pralinen versteckt hatte. L'Heure Bleue ist kein bequemes, einfaches Parfum und schon gar kein Massenduft. Man muss sich ihm langsam und behutsam nähern, muss hinspüren, ja sogar damit kämpfen. Die Gefahr, ihm nach einer solchen Duftreise endgültig zu verfallen, ist jedoch immens.

Mehr zur wilden Mode der Zeit, in der Frauen sich den Turban bei Nijinsky abschauten und die Korsetts fallen ließen, in "Faszination Nijinsky".

Donnerstag, 28. Juli 2011

Sommerpause

(c) by Petra van Cronenburg

Sonntag, 24. Juli 2011

Der Buchtrailer

Manchmal gibt es wunderbare Überraschungen, mit denen man überhaupt nicht rechnet. So bekam ich diesen Link zum Buchtrailer von "Faszination Nijinsky" - zum fröhlichen Weiterverteilen:



update!

Nun darf ich's doch verraten... Der Trailer wurde natürlich nicht von "irgendeinem Fan" einfach so gebastelt, was man schon an der Verwendung des Covers darin sehen kann. Das war natürlich eine Auftragsarbeit.

Der Urheber des Trailers heißt Ulrich Baum, die Musik stammt aus der von ihm komponierten Tondichtung "Die Nordsee" - zu hören war die Uraufführung mit dem Oratorienchor Letmathe und den Warschauer Symphonikern. Ulrich Baum hat als Multitalent auch das Cover von "Faszination Nijinsky" entworfen und die historischen Fotos bearbeitet.
Und ja, man kann ihn für solche Arbeiten buchen, allerdings muss ihn ein Buch inspirieren, um den Auftrag anzunehmen.
Dass ausgerechnet die Warschauer Symphoniker zu "Faszination Nijinsky" aufspielen, freut mich natürlich besonders, hat doch Nijinsky als kleines Kind seine ersten Tanzschrittchen auf der Bühne des Warschauer Teatr Wielki gemacht.

Dienstag, 19. Juli 2011

Der erste Leser?!

Ob es technisch mit dem Link klappt, weiß ich nicht: Bei Facebook hat sich der erste Leser von "Faszination Nijinsky" mit Foto geoutet! Außerhalb von FB kann man es hier sehen.
Menschen, die sich irgendwie mit dem Buch ablichten, sollen aber auch belohnt werden: Sie bekommen von mir das Buch "fernsigniert". Das dauert nur noch etwas, weil mir die Idee eben spontan kam und die Aufkleber mit Nijinsky in Sheherazade erst heute von England abgeschickt wurden. Und eine Adresse bräuchte ich natürlich auch im Hintergrund.

Übrigens - damit mehr Menschen etwas von der Aktion haben (manche FB-Accounts sind ja nicht öffentlich zu sehen), kann man die Fotos auch an öffentlicheren Plätzen einstellen - in Blogs, bei twitpic.com, bei picasa, lockerz.com, flickr etc. Dann gibt's einen Link obendrein.

Et voilà: Leser Nr. 2 ist da!
Heimlich still und leise vermehren sich die Leser - hier Leserin Nr. 3 im Blütenzauber.

Übrigens bin ich verdächtigt worden, es würde sich um eine bezahlte Werbekampagne handeln. So reich bin ich noch nicht. Ich kann es mir als Autorin nicht einmal leisten, mit Freiexemplaren um mich zu werfen wie ein Großverlag. Alle Menschen, die sich hier abgelichtet haben, mussten das Buch aus eigenen Mitteln kaufen. Und sie fotografieren sich völlig freiwillig, ohne geistigen, seelischen oder körperlichen Zwang.

Sonntag, 17. Juli 2011

Charlie Complete

Fans von Charlie Chaplin sollten sich sputen: Seit zwei Tagen läuft im Berliner Kino Babylon ein riesiges Stummfilmfest zu Ehren des Weltstars mit dem berühmten Watschelschritt, der vor 80 Jahren Berlin besuchte. Noch bis zum 7. August wird bei "Charlie Complete" sein Gesamtwerk gezeigt - 80 Filme in 24 Tagen, untermalt von Liveorchester und Piano, begleitet von einer Ausstellung über Charlie Chaplin und Veranstaltungen mit Geraldine Chaplin. (Programm von "Charlie Complete" / Artikel im Tagesspiegel / Artikel beim RBB). Unter dem Titel "Verrückt für die Welt" schreibt der TS: "Heute, 80 Jahre später, ist Chaplin zwar noch immer ein Weltstar, aber auch eine erstarrte Ikone." Das hat er mit anderen Ikonen der Weltgeschichte - ein wenig auch mit Vaslav Nijinsky - gemeinsam.

Weil die ganz alten Kurzfilme von Charlie Chaplin kaum noch gezeigt werden, ist eine hochinteressante Geschichte im kollektiven Bewusstsein untergegangen: Charlie Chaplin und Vaslav Nijinsky haben sich gekannt und geschätzt, wenn auch Charlie Chaplin später in seinen Memoiren schrieb, Nijinsky habe keinerlei Talent zur Komödie gehabt, dazu sei er zu "mönchisch" gewesen. Es gab sehr starke menschliche und künstlerische Berührungspunkte zwischen den beiden. Auch Chaplins Mutter war Tänzerin gewesen und W. C. Fields titulierte ihn einmal als "verdammten Ballettänzer" mit seinen Bewegungen.

Das Treffen der gleichaltrigen Giganten fand 1916 statt - der eine war bereits Weltstar des Tanzes, der andere Weltstar des Films. Charlie Chaplin besuchte die Premiere der Ballets Russes, Vaslav Nijinsky besuchte Chaplins Dreharbeiten. Auf Fotos sieht man die beiden in den Lone Star Studios bei den Dreharbeiten von Easy Street.

Nijinsky zeigte in diesem Jahr erste Anzeichen einer Überbelastung. Drei Jahre zuvor hatte er sich abenteuerlich in eine Ehe gestürzt, die schon bald darauf nicht mehr zu funktionieren schien. Sein Lebenspartner Sergej Diaghilew hatte ihn aufgrund der Heirat per Telegramm entlassen. Hinter Nijinsky lag die üble Internierung im Haus der Schwiegereltern in Ungarn aufgrund des Ersten Weltkriegs, die Isolation von der Bühne, vom Tanz, von der Möglichkeit der Bewegung. Im Jahr 1916 schien alles wieder vielversprechend anzugehen: Nijinsky durfte nach langem Hin und Her noch einmal mit den Ballets Russes auftreten und der Kriegshölle in Europa durch eine Amerikatournee entgehen. Doch Charlie Chaplin, dessen Mutter an schweren Depressionen litt und die mehrfach in Irrenanstalten eingeliefert wurde, hatte einen einfühlsameren Blick: Nijinsky erschien ihm depressiv.

Geblieben sind von dem Treffen der beiden lebenden Mythen Erinnerungen, Einflüsse von Nijinsky in Chaplins Filmen und das Zitat des Chaplin-Ganges im kubistischen Ballett Parade der Ballets Russes.

In meinem Buch  "Faszination Nijinsky" erzähle ich, wie Charlie Chaplin Nijinskys Rolle als Faun gleich in zwei Filmen zitiert. Ein Film bleibt sogar der Geschichte des Fauns treu. Die andere Szene entwarf er in einer griechischen Tunika, ließ sie filmen - und sehr lange unveröffentlicht liegen. Sie bezieht sich auf die legendäre Skandalszene Nijinskys, als der am Ende von L'après-midi d'un faune Koitusbewegungen mit dem Schal einer Nymphe nachahmt. Irgendwann kehrt Charlie Chaplin die Lage in jener Szene um, in einem völlig anderen Ambiente, in einem Kostüm, das Welten von der altgriechischen Mythenwelt trennen. Er inszeniert seinen eigenen "Tanz" zur Musik Richard Wagners.

Vielleicht ging die schließlich abgedrehte Szene wegen dieser eigenartigen Diskrepanz zwischen ballettleichtem Tanz und gemeiner Brutalität als eine der größten antidiktatorischen Filmszenen in die Geschichte ein. In der weltberühmten Hitlerparodie "Der große Diktator" tanzt Hynkel seinen Koitus mit der Weltenkugel - und wer Nijinskys rekonstruierte Choreografie des Nachmittag eines Fauns kennt, sieht die Inspirationen.

Ebenfalls im Buch: Wie Hollywood sich von Vaslav Nijinsky inspirieren ließ und eine Pseudorussin namens Winifred Hudnut aus Nijinskys erotischer Wirkung eine Werbekampagne machte - wie Charlie Chaplins Filme zur europäischen Avantgarde nach Paris gelangten und seine Figur von Fernand Léger und Man Ray in einem der berühmtesten experimentellen Filme zitiert wurde - und wie Igor Strawinsky mit Nijinsky als Petruschka versuchte, Zeit und Raum aufzulösen ... Jahre, bevor das im Film möglich wurde.

Dienstag, 12. Juli 2011

"Faszination Nijinsky" im Katalog

Ich bin völlig überrumpelt, habe es eben erst durch einen Fan bei Facebook erfahren - "Faszination Nijinsky" ist bereits im Verlagskatalog aufgenommen!!! Gleich zweimal, wohl weil ich so ungeduldig war ... das muss ich morgen noch checken. Bis ins Buchhandelssortiment dauert es allerdings noch etwas - der Zwischenbuchhandel braucht erfahrungsgemäß etwa 2-3 Wochen für die Aufnahme eines Titels. Also einfach direkt beim Verlag bestellen - tut auch Verlag und Autorin besser.
Kleiner Tipp: Hardcover werden immer nur dienstags hergestellt (weil aufwändiger) - die Bestellungen dafür sollten bis freitags erfolgen.
Ich hab mal wieder keinen Cremant im Haus und muss mich dafür bei über 30 Grad in die nächste Stadt quälen...

Was geht mich Ballett an?

Don Alphonso fordert in der FAZ, der alte Zopf des Balletts solle endlich abgeschnitten werden, befördere er doch nur noch einen überkommenen Kanon von "Namedropping und Bildungshuberei", der alle anderen Menschen ausschließe. Ist Ballett denn wirklich nur noch eine Befriedigungstechnik für die Arroganz eines überkommenen Spezialistentums, Honig ums Maul der Besserwisser unter den Insidern?

Die FAZ muss mit ihrer Leserschaft schon arg auf den Hund gekommen sein, wenn sie damit kokettiert, ausgerechnet ihr Kernzielpublikum auf diese Weise vorzuführen. Es mag neckisch sein und Don Alphonso hat mit den Beobachtungen der 180prozentigen Ballettangeber ja recht - aber ist das wirklich das Ballett? War dieser Mensch denn je selbst in einer Ballettaufführung ohne Tutu und Spitzentanz, hat er je mehr gesehen als den 1001. Nussknacker zu Weihnachten mit viereicht, es sind die Medien, die sich ihrer Vermittlungsfunktion verweigern und eine ganze Kunstsparte zur Unsichtbarkeit für diejenigen verdammen, die nicht in den Theatersälen sitzen. Und sich neuerdings auch noch lustig machen über diejenigen, die Ballettkarten kaufen.

"Was geht mich Ballett an?" - "Ich kenne mich mit Ballett nicht aus, warum soll ich mich für Nijinsky interessieren?" - "Ist das nicht extrem abseitig, sich mit einem Balletttänzer zu beschäftigen?" - Diese und ähnliche Fragen höre ich, seit ich davon erzähle, dass ich über Vaslav Nijinsky ein Buch schreibe. Ich kann diese Fragen sehr gut verstehen! Denn als mich eine Verlegerin darauf ansprach, ob ich mir vorstellen könne, ein Buch über die Ballets Russes zu schreiben, platzte ich spontan heraus: "Ich habe aber doch keinen blassen Schimmer von Ballett!" Ich sah mich selbst als Zuschauerin, als Teil des Publikums - entweder genoss ich einen Ballettabend oder ging unberührt nach Hause. Ich hatte meine Vorlieben und konnte mir Tänzernamen genauso schlecht merken wie Musikernamen. Als Kind spielte ich auf der Straße Robin Hood, anstatt in den Ballettunterricht zu gehen - die Bezeichnungen für einzelne Bewegungen musste ich erst mühsam lernen, auch wenn ich wusste, wie sie aussehen. Seit meiner Schulzeit schwärme ich für die Avantgarde - die Ballets Russes und ihre Künstler waren also irgendwo in meinem Kopf abgespeichert - aber für ein Buch sind ganz andere Tiefenrecherchen nötig.

Im Französischen sagt man zu Menschen wie mir "amateur", was den schönen Beigeschmack hat, dass man sich mit etwas beschäftigt, weil man es liebt ("aimer") - nicht weil man Fachmensch ist. Im Italienischen heißt es "dilettante": nicht etwa "Stümper", wie man gemeinhin im deutschen Sprachraum denkt, sondern im Sinne von "Kunstliebhaber", "einer, der sich an der Kunst erfreut". Das erste Freuen überhaupt kommt zustande durch Offenheit, durch eine manchmal nur zufällige Begegnung. Kunst wirkt auf mich ein, aber ich muss ihr auch die Chance geben, ihre Wirkung zu entfalten. So ist das auch mit dem Ballett. Neugier und Freude reichen für die Zuschauer, die Leser. Alles andere kann man lernen, kann man sogar vergnüglich oder mit Spannung lernen. Aber zuerst muss ich mich einfach nur einlassen.

Trotzdem - und das mag paradox klingen - hat mich Vaslav Nijinsky von Anfang an in den Bann geschlagen, weil er so wenig am Ballett allein festgemacht werden kann. Natürlich war der Mann Tänzer und Choreograf und hat für nichts anderes gelebt als für das Ballett. Aber seine Bedeutung liegt weit jenseits des Balletts - sie ist sogar universal. Er war Tänzer und Choreograf - so wie Wassily Kandinsky Maler, Gustav Mahler Komponist und Albert Einstein Physiker war. Das Lebenswerk ist vom Beruf nicht zu trennen, weil er kein Job, sondern Berufung bedeutete. Und doch hat ein Einstein auch Menschen etwas zu sagen, die keine Ahnung von Physik haben. Wir können Kandinskys Gedanken über die Welt verstehen, ohne je ein Bild von ihm gesehen zu haben. Mahler zeigt ein eindrucksvolles Künstlerschicksal - ob man seine Musik mag oder nicht. Nijinsky ist nicht allein durch seinen Tanz zum Mythos geworden - sondern durch seine Persönlichkeit.

Der volle Umfang seiner Bedeutung ging mir eigentlich erst nach dem Schreiben auf. Wenn man ein Buch verfasst, muss man es fast allzu oft selbst lesen, zum Überarbeiten, für Korrekturen - irgendwann scheine ich die eigenen Texte fast auswendig zu kennen und dann langweilen sie mich eine Zeitlang maßlos. Diesmal war das völlig anders. Bei jedem neuen Durchgang entdeckte ich eine andere Facette Nijinskys, die mich von Neuem faszinierte. So sehr, dass ich manchmal meine Arbeit vergaß und das Thema durch anderes Material vertiefte, obwohl das Buch längst in der Herstellung war. Da sind so viele unscheinbar wirkende Kleinigkeiten...

Einmal heftete ich mich an die Spuren der Ballets Russes in Baden-Baden, erkundete die Stadt aus deren Zeit heraus, stieß auf ungeahnte Querverbindungen und faszinierende neue Geschichten. So entstand die Idee, hier im Blog all die Nebengeschichten zu erzählen, die in ein durchkomponiertes Buch nicht passen. Dann erinnerte mich die Jubiläumsausstellung der weltberühmten Sammlung Prinzhorn in Heidelberg (um diese Sammlung geht es auch im Buch) wieder daran, dass Nijinsky um ein Haar Teil dieser Sammlung hätte werden können. Er lebte viele Jahre immer wieder in der Klinik, aus der Prinzhorn seine Kunstwerke bezog - und auch er hat unzählige Bilder gemalt. Andere Parallelen, andere Geschichten treten zutage: Psychiatriegeschichte. Noch nicht lange vor Nijinskys Krankheitsausbruch hatte man die Krankheit Schizophrenie überhaupt erst entdeckt, noch ohne vergleichbare Diagnosemöglichkeiten wie heute. Wenn einer von Nijinskys Ärzten später eine Fehldiagnose einräumte - woran litt der Tänzer dann nach heutigen medizinischen Erkenntnissen? Wie sahen die Therapien zwischen 1919 und 1950 aus - was hatte er auszuhalten, wie half man ihm, wie schädigte man ihn? Und schließlich dieses übel dunkle Kapitel, das auch die meisten Prinzhorn-Künstler traf: Wie entging er der Ermordung durch die Nazis? Das war eine Abenteuergeschichte in sich...

So viele Fragen ... haben alle Künstler diesen schmalen Grat in sich, über den man in den Wahnsinn kippen kann? Oder vielleicht sogar wir alle? Wie geht man mit sich und der Kunst um, damit man sie überlebt? Wie sind Kunst als Berufung und Leben unter einen Hut zu bringen? Nijinsky selbst hat sich so viele Fragen gestellt, oft unverstanden sogar von der eigenen Frau. Die Gräuel der ersten Weltenkatastrophe, des industriell beschleunigen Menschenabschlachtens im Ersten Weltkrieg hat er tagtäglich erlebt, ohne an der Front sein zu müssen. Ein Tourneetheater lebt in Zügen, reist durch die Länder, sieht die Bahnhöfe. War es so irre, sich damals mit den Idealen Tolstois auseinanderzusetzen, mit Pazifismus und einfachem Leben, mit bewusster vegetarischer Ernährung und mit Spiritualität? Auch das war Nijinsky - auf der einen Seite hochmodern, auf der anderen Seite eben ein Teil einer ganzen Bewegung seiner Zeit.

Er hat uns so viel zu sagen. Noch heute. Vielleicht liegt das Geheimnis darin, dass er kein glatter, prächtiger Superstar war. "Der Gott des Tanzes" tanzte nicht umsonst zuletzt ein Kreuz - er litt jämmerlich an der Welt. Er war ein Sucher, ein Getriebener und zuletzt ein Gebrochener. Aber er hat den Menschen noch im letzten Seelenrückzug etwas sagen können - wenn auch nicht mehr mit Worten. Mich hat er berührt, weil er eben nicht nur Ballettgenie war, nicht nur Künstler. Er war in unwahrscheinlicher und letzter Konsequenz Mensch.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Jetzt geht alles ganz schnell

Heute Mittag bekam ich den korrigierten Aushänger und habe vorhin endgültig die Druckfreigabe für das Nijinsky-Buch erteilt. Anders als bei herkömmlichen Büchern geht jetzt alles sehr schnell. Der Verlag meldet das Buch jetzt im Buchhandels-Sortiment und nimmt es in den eigenen Katalog auf. Was heißt das für die Leserinnen und Leser?
Auf dieser Seite hier kann beobachtet werden, wann das Buch im Verlagskatalog auftaucht (ich versuche, nicht gerade stündlich nachzuschauen...). Und wenn es da drin ist, kann es auch schon online direkt beim Verlag (in D. versandkostenfrei) bestellt werden! Jedes Exemplar wird individuell für den Besteller gedruckt und gebunden (Print on Demand Verfahren).

Das Buchhandelssortiment braucht etwas länger zur Verarbeitung der Daten, was zwischen einer und drei Wochen dauern kann. Man erkennt den Zeitpunkt daran, dass das Buch dann bei Libri und Amazon etc. auftaucht. In diesem Moment lässt es sich außerdem beim Leib- und Magenbuchhändler bestellen.

Ich werde jetzt ganz schnell meine eigenen ersten Exemplare sichern und eine extra Service-Seite in die Website bauen. Dann wird auch gleich der Titel verraten - es bleibt also spannend!

Sonntag, 3. Juli 2011

Die Zeit überlisten?

Es gab einmal eine Zeit, da veränderte sich für die Menschen in Europa - das kulturell bis nach Russland reichte - ihr altvertrautes Lebensgefühl komplett. Alles schien bis an die Grenzen der Erträglichkeit schneller, hektischer und unübersichtlicher zu werden. "Die technisierte Welt mit ihren Maschinen, Autos und Flugzeugen war auf bisher unvorstellbare Geschwindigkeit beschleunigt worden. Alles schien zu flimmern und zu schwirren" - wie Nachbilder auf einer überreizten Netzhaut. Die Wirklichkeit, wie man sie als greifbare und begreifbare Realität bisher kannte, brach an allen Ecken und Enden auseinander.

Da war das magische E-Wort, das die Nacht zum Tage machte, Leinwände zum Flimmern brachte und menschliches Sprechen durch Kabel in die Ferne schickte. Es trieb Maschinen an und die wiederum trieben die Menschen an. Die Zeit schien davonzulaufen - aber wohin? Eben erst hatte ein gewisser Herr Einstein auch den festen Raum zu Fall gebracht. Seine Relativitätstheorie, die funkensprühende Elektrizität, die Lehre vom Atom - das alles musste doch auf eine Realität hinter der Realität hindeuten, auf eine Art virtuellen Raum? Die Menschen waren von der neuen Zeit angewidert und fasziniert, sie beschworen Apokalypsen oder die Geburt eines goldenen Zeitalters, sie zogen sich ins heimelige Alte zurück oder versuchten, im neuen Lebensgefühl aufzugehen. Gurus mischten sich ein. Philosophen bekamen neuen Stoff zum Denken. Schon in wenigen Jahren würden Künstler es wagen, das Verrückte zu denken: Ob es eines Tages wohl möglich wäre, eine Art drahtloses "Radio" zu schaffen, mit dem die Menschen untereinander kommunizieren könnten, Bilder anschauen, Sendungen hören?

Es war die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in dem sich schließlich Maschinen auch zu Tötungsmaschinen wandelten und die größte denkbare Katastrophe durchindustrialisiert wurde. Die künstlerische Avantgarde suchte nach Möglichkeiten, die Brüche von Zeit und Raum, das neue Lebensgefühl, abzubilden. Filmemacher experimentieren. Auf den Gemälden der Kubisten sah man Gegenstände gleichzeitig aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
"Die Welt tickte im Maschinentakt, Töne, Lärm, Werbebilder und elektrische Lichter stürmten auf die Sinne ein wie nie zuvor. Mühsam musste sich der Mensch in der selbst geschaffenen künstlichen Überfülle orientieren lernen, Freiräume finden. Wie viel am modernen Menschen war Puppe? Wie kann ein Apparat Lebendiges nachahmen?"
Das waren Fragen, die Igor Strawinsky umtrieben, als er 1911 das Ballett Petruschka auf die Bühne brachte. Das farbenfrohe Spektakel um die Puppe Petruschka, der sich in eine Ballerina verliebt und den Tod findet, spielt auf einem Jahrmarkt im Sankt Petersburg von 1830. Zu jener Zeit sind die Folklorekostüme und der idyllische Rummel auch in Russland nur noch eine märchenhafte Erinnerung an die Vergangenheit. Das Wesen, das Nijinsky zwischen Puppe und Mensch tanzt, tanzt die Freude und Verzweiflung an der Gegenwart. Würde die Menschheit in dieser Beschleunigung Mensch bleiben dürfen oder zur funktionierenden, gut geölten Maschinerie verkommen?

Strawinsky wollte damals noch einen Schritt weiter gehen. Er versuchte, künstlerisch das Konzept von der Zeit zu brechen, Gleichzeitigkeit und dieses seltsame Verwirbeln fühlbar zu machen. Leider war seine Idee der Zeit völlig voraus. Im letzten der vier "Bilder" stirbt Petruschka. Strawinsky hätte gern auf der Bühne gezeigt, wie sich Petruschka durch ein Guckloch selbst beim Sterben zusieht - und er hätte gern die ganze Bühne mit dem sterbenden und beobachtenden Petruschka zu einem Guckkasten gemacht, den das Publikum wiederum durch ein Guckloch betrachtet.

Technisch war diese Idee damals noch nicht umsetzbar. Erst viele Jahre später wurden Film und Bühnengeschehen kombiniert und der Parallelschnitt erfunden. In eben dieser Zeit experimentierte ein französischer Künstler, der auch für die Ballets Russes gearbeitet hatte, mit dem Absoluten Film. Die Ballets Russes hinterließen darin ihre Spuren. Ein Fragment aus der Zeit, als sich die beiden gleichaltrigen Giganten Vaslav Nijinsky und Charlie Chaplin getroffen hatten, wurde in den Streifen hinübergerettet. Es ist ein wilder, hypnotisierender Tanz jener Zeit, ein Tanz der Maschinen, ein Feuerwerk der Elektrizität - das Abbild eines Lebensgefühls in der Beschleunigung.

Der Künstler Fernand Léger drehte "Ballet méchanique" (das mechanische Ballett) 1924. Dudley Murphy besorgte die Synchronisation und an der Kamera stand niemand geringerer als der weltberühmte Man Ray. Das geheimnisvolle Androgyn im Film wird von seiner Geliebten gespielt, dem berüchtigten Künstlermodell der Avantgarde, Kiki de Montparnasse.

Alle Zitate aus meinem Buch über Vaslav Nijinsky, wo die Geschichte um Petruschka und die experimentellen Filme ausführlicher nachgelesen werden kann.

Ballet méchanique Teil 1


Ballet méchanique Teil 2

Samstag, 25. Juni 2011

Trauriger Abschied

Man macht sich viel zu wenig Gedanken darum, wie hart und anspruchsvoll der Beruf der BalletttänzerInnen ist. Sie hören jung auf. Ein ziemlicher Schlag ist es für mich, gerade vom Abschied Yann Revazovs zu hören - nicht nur von der Oper in Halle, sondern vom aktiven Tänzerleben. Yann Revazov ist 31 Jahre alt. Er hat im Ballett Rossa einen derart göttlichen Nijinsky getanzt, dass ich auf die Idee kam, den Choreografen Ralf Rossa für mein Buch zu interviewen. Im Video rechts in der Menuleiste ist er zu sehen. Morgen um 18 Uhr tanzt er das letzte Mal in Halle. Wenn Yann Revazov geht, bleibt eine Lücke...
Ein Artikel zu seinem Abschied via tanznetz.de

Freitag, 24. Juni 2011

Jubelschrei von Paris bis Petersburg!

Äußerlich bin ich vollkommen still, weil noch fassungslos vor Glück. Innerlich schreie ich vor Freude, dass man es von Paris bis Petersburg hören könnte! Ein Luftpost-Päckchen, das einen abenteuerlichen Umweg in Frankreich genommen hat (wahrscheinlich Billigflieger), ist nach einer Woche Reise endlich da: der Aushänger des Nijinsky-Buchs. Das ist sozusagen der Probedruck ohne Bindung. (Fotos sind durch Klicken vergrößerbar)


Meine Aufgabe ist es, nun die Fahnen noch einmal sehr aufmerksam zu sichten und evtl. zu korrigieren. Anders als im normalen Verfahren muss ich Korrekturen allerdings direkt im Satz anbringen und eine neue Datei übertragen. Bin ich zufrieden, erteile ich feierlich das imprimatur - die Druckfreigabe. Und dann rollt die Maschinerie an. Der Druckstock wird gefertigt (heutzutage eine Datei) und das Buch wird bei Libri gemeldet. Bis es das Sortiment dann aufnimmt und online wie im Buchhandel bestellbar macht, dauert es ein bis zwei Wochen. Etwas schneller kann man wahrscheinlich im Verlag direkt bestellen. Und sobald es dort im Shop auftaucht, werde ich das Geheimnis des Titels lüften!

Im Folgenden ein paar Eindrücke. Ich muss mich für Farbqualität und Aufnahmequalität entschuldigen, ich fotografierte mit einer 40-Euro-Deppenkamera bei minütlich wechselnden Lichtverhältnissen. Außerdem sind die Fotos sehr stark komprimiert fürs Blog. Dadurch ergeben sich unnatürliche Farben und Unschärfen, die Bilder im Buch erscheinen gerastert oder geriffelt. Ich schwöre, das Original sieht einfach perfekt aus von der Druckqualität, das Papier ist leicht gelblich. Völlig überrascht bin ich von der Qualität des Farbdrucks innen, aber auch die Schrift macht einen guten Eindruck. Im Gegensatz zu manchen Billigverfahren sind die Druckfarben absolut wischfest und sie vereinigen sich so gut mit dem Papier, dass der PoD-Druck besser aussieht als der Offsetdruck bei vielen Taschenbüchern!

Ein dickes Danke geht an Ulrich Baum, der nicht nur das Cover gestaltet hat, sondern die teilweise in sehr schlechter Qualität vorliegenden historischen Aufnahmen so gut bearbeitet hat, dass man kaum glauben mag, wie viele Dreckflecke, Knicke, Schnitte und verblasste Stellen die Originale hatten.
Was die Technik betrifft, muss ich den Verlag loben. "International Klein Blue" (man gönnt sich ja sonst nichts) ist im Druckgeschäft eine schlimme Farbe. Aus der Herstellung kamen, ohne dass ich das erfragt hätte, gleich drei Nuancenvorschläge - und wenn ich die nicht mag, kann ich noch eine Datei einschicken. Was dringend zu ändern wäre, ist das grausame Grün unter dem Verlagsnamen (nicht von uns) - aber dazu sind Aushänger ja da. Im Moment wirkt das Cover auf dem Foto hier noch etwas seltsam, weil die grafische Hauptsache abgedeckt ist - also nicht erschrecken.

Und für die Typographen und Layouter unter meinen Leserinnen und Lesern: Ich selbst sehe natürlich sofort, was man hätte besser machen können - für meine Wünsche fehlt mir jedoch noch das Profiprogramm (oder der Profi). Layout und Satz dieses Buchs habe ich schlicht mit Word gemacht - eine elende Pfriemelei, aber es ist erstaunlich, wozu man dieses Programm in seinen Innereien überlisten kann...
Gesetzt ist das Buch in der Dante, die Einzelseiten mit Zitat (s.o.) in Opera Lyrics Smooth, einer Schrift, die Originalprogrammheften aus der Zeit Nijinskys nachempfunden wurde.

Welches Blau hätten Sie denn gerne? Die Cover-Bögen
Ob dieser Text als Scharfmacher reicht?

Eine Farbtafel gibt es am Anfang des Buchs

Hoffentlich stimmen die Seitenzahlen ... die Endkorrektur wartet.
Es war einmal...

Ulrich Baum hat die historischen Fotos wirklich äußerst druckfein bearbeitet - Complimenti!

Eine Art "Daumenkino" gibt's im Buch auch - statt Film.

Der Teil mit den Interviews. Das verschwommene bis unregelmäßige Schriftbild ist der Kamera und der Komprimierung geschuldet, nicht dem Original!
So - ich brauche jetzt erst einmal sehr viel Zeit, um das alles zu begreifen und zu verinnerlichen, dass zweieinhalb Jahre harter Arbeit, unzähliger Katastrophen und großer Leidenschaft tatsächlich in ein Buch münden...

Montag, 20. Juni 2011

Ein Schnipselchen Cover vorweg

Es geht voran mit dem Nijinsky-Buch, auch wenn das für die potentiellen Leserinnen und Leser noch nicht sichtbar ist. Im Moment ist es nur eine Frage der internationalen Schneckenpost, bis ich die Druckfreigabe machen kann, denn unterwegs sind die Unterlagen bereits.
Damit das Warten ein klein wenig vergnüglicher wird, veröffentliche ich hier als klitzekleines Bonbon ein klitzekleines Stückchen Cover ... dessen Farben natürlich erst nach der Druckfreigabe ganz genau eingestellt werden.



Derweil bastle ich an meiner Website herum, damit das Bestellen nachher auch so kundenfreundlich wie möglich ist und alle Informationen mit wenigen Klicks verfügbar sind.

Dienstag, 14. Juni 2011

Valerij Gergiev

Tanz ist plötzlich wieder ein Thema im Fernsehen, jedenfalls bei ARTE und 3sat. Zum Tanz braucht es natürlich auch die richtige Musik...
Gestern saß ich voller Spannung vor einer ARTE-Doku über den weltberühmten Dirigenten Valerij Gergiev, der "nebenbei" auch noch jede Menge anderer Funktionen ausübt - er ist nämlich der Chef des Marijnski-Theaters in Sankt Petersburg. Freunde der Ballets Russes erinnern sich: In diesem legendären Theater erhielt Vaslav Nijinsky seine Ausbildung, hier schöpfte Sergej Diaghilew die künftigen Berühmtheiten seiner Truppe ab.

Im vergangenen Jahr habe ich Valerij Gergiev und das Orchester des Marijnski zum ersten Mal live erleben dürfen, ausgerechnet noch mit der einstigen Diaghilew-Premieren-Musik der Oper Boris Godunov - und ich war hin und weg. Die Dokumentation machte den Mann hinter dem Taktstock lebendig und menschlich, sie zeichnete ihn als hochsensiblen Künstler, perfektionistischen Dirigenten und musikbesessenen Worcoholic im besten Sinne - untermalt von wunderbaren Probeaufnahmen zu Strawinskys Le Sacre du Printemps. Natürlich kam die Geschichte und Kultur des Marijnsky dabei nicht zu kurz.
Die Doku ist hier online sieben Tage zu sehen, sie wird auch in ein paar Tagen zu unmöglich nachtschlafender Zeit wiederholt.

Wer danach noch nicht genug hat: Valerij Gergiev stellt bei den diesjährigen Sommerfestspielen im Festspielhaus Baden-Baden die drei Preisträger des legendären Tschaikowsky-Wettbewerbs vor.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Countdown läuft

978-3-86991-362-9. Das ist keine Nummer aus der Verbrecherdatei, sondern die magische Zahl, unter der künftig das Nijinsky-Buch bestellt werden kann. Aber bitte nicht gleich losstürmen - noch habe ich die Druckfreigabe nicht erteilt (ich warte auf den Probeandruck), noch ist das Buch im Handel nicht gemeldet. Es kann sich jetzt aber nur um sehr wenige Wochen drehen. Selbstverständlich werde ich hier im Blog sofort Laut geben, wenn es soweit ist!
Wenn es hier mit Geschichten um Nijinsky gerade etwas ruhiger wird, liegt das einzig und allein daran, dass ich im Moment meine Website für die Premiere neu bearbeiten und vor dem Erscheinen noch einiges erledigen muss. Das wird aber wieder anders!

Freitag, 3. Juni 2011

Wann kommt Nijinsky in den Handel?

Neues vom Hersteller: Nächste Woche bekomme ich den Vertrag und Nachricht aus der Herstellung, ob meine Dateien fehlerfrei und ordentlich verwendbar sind. Sollte das nicht der Fall sein, müsste ich noch einmal ran - bitte alle Daumen drücken, dass ich alles richtig gemacht habe!

Sind die Daten in Ordnung, kommen auch gleich die Fahnen. Ich muss dann nur den Vertrag unterzeichnen und die Druckfreigabe machen. Wenn alles gut läuft, kann das also nächste Woche bereits über die Bühne gehen (je nach Postweg). Etwa zwei Wochen danach, maximal vier Wochen - so meinte man, sei das Buch dann im Handel erhältlich!

Wenn ich Glück habe, wird es noch ein Junikäfer. Was bin ich aufgeregt!

Dienstag, 24. Mai 2011

Was für ein Kompliment

Das Buch ist noch nicht einmal in der Druckerei, schon kommt das schönste Kompliment, das man jemandem machen kann, der über Ballett schreibt und fürchtet, kaum jemand würde sich für Ballett interessieren:
hier anschauen

Manuskript druckfertig

Es ist soweit - das Manuskript ist druckfertig, alles ist bearbeitet und poliert, die Werbetexte fürs Sortiment stehen - jetzt müssen die Datenmengen nur noch in die Druckerei übertragen werden.
Wann das Buch dann im Handel sein wird, werde ich selbstverständlich rechtzeitig bekanntgeben!

Sonntag, 22. Mai 2011

Der lange Atem der Literatur

Gustav Mahler hat das mediale Pech, hundert Jahre tot zu sein. Allerorts weiß plötzlich jeder scheinbar alles über ihn, der noch vor Monaten die Augen verdreht hat, wenn eine Mahler-Symphonie gegeben wurde. Selten genug in den letzten Jahren. Aber auch die werden nun allerorts genudelt und wiedergekäut, mit vielen Liedern dazu, am liebsten den Kindertotenliedern. Denn von denen hat vielleicht selbst Tante Erna schon einmal mit Entsetzen gehört. Viel Mahler serviert man uns also, schlechten und fantastischen, grausig interpretierten und meisterhaft gekonnten. Double-Night und Triple Night, Sondersendungen. Und bis zum musikalischen Erbrechen das berühmte Adagietto aus seiner fünften Symphonie. Das nämlich hat sich sogar Onkel Ernst in seiner Jugend reingezogen, denn mit dieser Musik gondelte ein gewisser Gustav Aschenbach als Pseudo-Mahler am Lido von Venedig ein und starb dann auch zu dessen Klängen. Ein Kinoereignis, dieser "Tod in Venedig", den Visconti 1971 herausbrachte.

Warum ich mich so aufrege? Ich liebe die Musik Gustav Mahlers schon fast ein ganzes Leben lang. Synästhetisch erlebt ist sie so intensiv und fordernd, dass ich sie nur in gewissen Stimmungen und in völliger Ruhe anhören kann. Es ist eine Musik, der man sich ausliefern muss. Im Moment fühle ich mich jedoch einfach nur übermahlert. Man kann mit dem einträglichen Jubiläumsgedöns Künstler bekannt machen, aber auch Menschen überfüttern, die fortan nichts mehr von diesem Künstler wissen wollen. Gestern dann in 3sat die absolute Steigerung: Viscontis Film wurde gegeben. Und da geschah das Wunder auf einmal wieder, das selbst in der Medienüberfrachtung um die allbeliebten Jubiläen noch möglich ist: Auch beim etwa 25ten Mal war ich wieder hin und weg - in einer anderen Welt ... Und damit kamen die Erinnerungen und die Erkenntnis, wie lange manche Geschichten schwelen können, bevor sie zum Buch werden.

"Tod in Venedig" von Thomas Mann war eins der ganz großen Highlights meiner Schulzeit - und ich hatte das Glück, einen Ausnahmelehrer zu haben - der natürlich auch mit uns in Viscontis Film ging, um zu erfahren, was literarische Werke und literarische Verfilmungen ausmachen könnte. Während meine Schulkameraden sich eine Rocky Horror Picture Show nach der anderen reinpfiffen, sah ich mir Visconti sozusagen in Dauerschleife an und versank in kinofreien Zeiten in Mahlers Musik. Ich besitze heute noch das mit Erkenntnissen und Überlegungen vollgekritzelte, zerlesene Buch von Thomas Mann, das ich irgendwann durch eine Neuausgabe ersetzen musste, weil es auseinanderfiel. Als das Kultusministerium unvermutet eine Reform der Reform beschloss und festlegte, unser Jahrgang müsse für das Abitur eine Art Seminararbeit abliefern, stand mein Entschluss fest: Ich wollte, musste über diese Novelle schreiben!

Wir arbeiteten wie die Verrückten - bis uns Studenten des fünften Semesters Germanistik bescheinigten, wir könnten durchaus mit ihnen mithalten. Kurz vor Torschluss bemerkte das Kultusministerium, dass es die Schulen offensichtlich überforderte und verzichtete auf die Schnapsidee. Meine fünfundzwanzig Seiten, die ich damals mit Herzblut und offensichtlich guter Note geschrieben habe, sind auf immer und ewig in den Amtsmühlen des Oberschulamtes verloren. Geblieben ist mir nur die Aussage meines Lehrers: "Studieren Sie von mir aus, was sie wollen. Machen Sie ruhig Blödsinn. Aber hören Sie nie und nimmer auf zu schreiben!" Geblieben sind damals Mahler und Mann und ein literarisches Thema. Ich machte nämlich erst mal lieber Blödsinn.

Muss ich erzählen, dass ich mir in der Nacht, nachdem ich erfahren hatte, dass es plötzlich statt nach Kanada nach Polen gehen sollte, Mahlers Fünfte gab und dabei Weltschmerzgedichte verfasste? Natürlich landete ich nicht am Lido, aber ich schrieb weiter, schrieb viele unterschiedliche Texte. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben das Warschauer Teatr Wielki betrat, ahnte ich noch nichts von der Zukunft. Ich wusste nicht, dass der von mir dort entdeckte Komponist Karol Szymanowski mit Sergej Diaghilew einen Liebhaber gemeinsam gehabt hatte. Ich erlebte im Teatr Wielki nur ein ungeheures Dejà vu, als sei ich in meinem ganzen Leben nie in einem anderen Opernhaus gewesen. Mit meiner Liebe zum Jugendstil ließ es sich erklären. Nicht erklären konnte ich mir einen gewissen Menschen, der in aller Munde war. Dazu reichte mein zunächst auf Alltagsfloskeln beschränktes Polnisch noch nicht.

Als ich nach Polen kam, war gerade Rudolf Nurejew gestorben. Er hatte die Menschen fürs Ballett begeistert wie kaum ein zweiter und mit seinen Skandalgeschichten die mediale Aufmerksamkeit aufs Ballett verstärkt. Jetzt, wo er gestorben war, verglich man den "zweiten Gott des Tanzes" mit einem ersten. Dessen weiche Namensklänge faszinierten mich ähnlich wie die Laute, die an Gustav Aschenbachs Ohr klingen, als er im Visconti-Film Tadzius Familie belauscht. Niżyński - erklang es überall. Noch war ich nicht fähig, die Schreibweise zu erhören, aber ich wusste: Das ist der weichste sch-Laut, den Sprachmusik hervorbringen kann. Im Teatr Wielki hatte er seine ersten Tanzschritte gelernt, als Kind hinter der Bühne gespielt - dieser Niżyński - so erzählte man mir. Im Kino zeigten sie einen alten Spielfilm über ihn, den ich verpasste, und Viscontis "Tod in Venedig". Gustav Mahlers Musik wurde zu einem Vehikel für eine Stimmung, die sich vom Lido bis zum Ballett spannte und mich all die Jahre begleitete.

 Als mich etwa fünfzehn Jahre später jemand fragte, ob ich mich mit den Ballets Russes und Nijinsky auskennen würde, musste ich trotzdem zuerst nachdenken. Die Ballets Russes waren mir ein Begriff, bei "Nijinsky" fehlte mir jedoch der Wiedererkennungsklang. Eingeholt hat mich das alles erst beim Anblick eines Gemäldes von Leon Bakst. In weißer Badekappe und kirschroter Badehose steht Nijinsky am Strand des Lido und hebt seinen Arm - eine Schönheit, die seinerzeit viele Männerherzen höher schlagen ließ. Als ich das Buch schrieb, sah ich all die Gemälde und Fotos in Bewegung. Der junge Gott drehte sich um, schritt ins Meer und streckte den Arm in die Ferne. Viscontis letzte Einstellung ... Visconti spielte weiter in meinem Kopf und statt Aschenbach lag Diaghilew sterbenskrank in einem Liegestuhl am Strand. Das war nun kein Film, denn er starb wirklich im Hotel Des Bains, das wir aus dem Film kennen.

In dem Moment drehten die Räder wie wild in meinem Kopf. War es möglich, dass sich Thomas Mann und Vaslav Nijinsky nie begegnet sind, obwohl sie fast zur gleichen Zeit im gleichen Hotel abgestiegen sind? Obwohl Nijinsky dort über einen ganzen Saal zum Trainieren verfügte? War es möglich, dass Thomas Mann, dessen Bekannte mit den Ballets Russes in Paris dinierten, sich nie für Nijinsky interessiert hatte? Es begann eine Recherche, die für mich spannend war wie ein Krimi. Sie hat sich in einem ganzen Kapitel niedergeschlagen...

Ich habe mir dann noch eine Doku über Gustav Mahler zum zweiten Mal angeschaut. Nur um in all dem reichhaltigen historischen Fotomaterial einen winzigen Kopf zu erhaschen, den ich beim ersten Mal beinahe für meinen Großvater gehalten hätte. Der Vorfahr, der da völlig überraschend in einer Menge auftauchte, ist in der Familie immer wie ein rotes Tuch gewesen. Geschrieben hat er. Von Kindesbeinen an musste ich mir anhören: "Du lernst mal einen anständigen Beruf. Du wirst mal nicht so einer!" Als ich die Doku ein zweites Mal anschaute, war ich so beschwipst von Mahlers Musik, dass ich glaubte, unser schwarzes Schaf habe mir zugeblinzelt. Ich bin so eine geworden. Und habe nach über dreißig Jahren endlich den Text geschrieben, den ich damals in meinem ersten Visconti-Rausch hätte wünschen, aber nie bewältigen können.

Mittwoch, 11. Mai 2011

Vom Hörbuch zum Buch - geht das?

Wer den Werdegang des Nijinsky-Projekts mitverfolgt hat, weiß, dass mein Text ursprünglich als Auftragsarbeit direkt für ein Hörbuch konzipiert wurde. Etliche Unfälle später wurde daraus ein Printprojekt. Nun könnte man meinen, das sei einfach übertragbar. Schließlich werden alle Tage Printbücher vorgelesen - und als Hörbuch aufgenommen. Warum nicht auch umgekehrt?

Hörtext = Printtext?

Da ich selbst Texte für unterschiedliche Medien konzipiere und schreibe, bin ich überhaupt keine Freundin der bequemen 1:1-Übertragung. Wer je eine Website weggeklickt hat, weil man dort einfach eine Broschüre oder gar einen Geschäftsbericht abbildete, weiß, was ich meine. Bei Büchern ist das meiner Meinung nach nicht anders. Ein gedrucktes Buch schlicht als E-Book zu übertragen, wird den Möglichkeiten einer elektronischen Fassung nicht gerecht - da will ich zumindest Inhaltsverzeichnis und Register durchklicken können. Mit den Hörbüchern ist das auch so eine Sache. Denn nicht jeder fürs Lesen geschriebene Text hört sich auch gut an! Manchen Hörbüchern kann man nur sehr schwer folgen. Manche schläfern schrecklich ein, obwohl das gedruckte Buch ein Aufreger ist. Es gibt Texte, die werden erst gar nicht vertont, weil ihre Sprache nicht klingt. Ein "echtes" Hörbuch wäre eigentlich eines, das gleich für dieses Medium geschrieben worden wäre.

Hören gehorcht anderen Gesetzen

Das Texten fürs Hören gehorcht eigenen Gesetzen, die ein Printautor nicht unbedingt beachten muss. Hörtexte müssen Klang haben, aber auch mit der Rhythmik spielen. Spannung oder Aufmerksamkeit wird hier erzeugt, indem man einen sonst vielleicht gleichmäßigen Sprachfluss stärker verändert und variiert. Hörtexte bauen auf einer anderen Logikabfolge auf. Ich kann mit den Ohren nicht zurückblättern und nicht vorausschauen. Weil das Verstehen nur im Hier und Jetzt stattfindet, müssen gute Hörtexte streng linear erzählt werden.

Der Mensch baut sich bei gedruckten Texten leichter und schneller eigene innere Bilder auf und kann dadurch vor allem sehr theoretischen Texten besser folgen. Fürs Hören müssen vor allem Sachtexte viel verständlicher und "erzählter" konzipiert werden. Entweder nähert man sich einem lebendigen Vortrag, oder man konzentriert sich darauf, ständig starke Bilder zu schaffen, die vor jeder Theorie stehen. Als Autor muss man in diesem Fall durchs Ohr berühren und Emotionen auslösen. Dafür hat der Hörbuchautor jedoch auch ein ganz anderes Instrumentarium zur Verfügung als der Printautor: Bei der Aufnahme lässt sich Musik einspielen, die Stimmen der Schauspieler verändern den Text zusätzlich. Durch solch collagenartiges Schreiben lässt sich trotz aller Linearität in der Abfolge außerdem sehr viel schneller in einer Geschichte springen. Hörtexte sind zudem sehr viel kürzer als ihre Printentsprechungen (selbst 1:1 Buchaufnahmen werden kräftig gekürzt).

Das Nijinsky-Projekt wurde von mir als "narratives Sachbuch" direkt fürs Medium Hörbuch geschrieben. In den Text sollten die jeweiligen Ballettmusiken eingespielt werden, so dass sich ein völlig anderer "Atem" des Textes ergab, der sich zudem stark auf die jeweilige Stimmung der Musik bezog. Während ich schrieb, hatte ich die Partituren vor mir, denn ich musste entscheiden, welche Takte für welche Sätze passten und was in welche Längen gebracht werden musste. Text und Musik sollten von der CD-Menge her bezahlbar bleiben - dadurch kam der Text auf nur 80 Normseiten: viel zu wenig für ein Printbuch.

Mit dem Klingen hatte ich am wenigsten Probleme, ich sehe ohnehin zwischen Schreiben und Komponieren viele Parallelen und erlebe Sprache als Synästhesistin sehr stark als Farbklang. Trotzdem musste ich immer wieder laut lesen und intensiv feilen, damit das Ohr alles aufnehmen konnte. Meine Sätze wurden kürzer, ich verwendete mehr Reihungen, bekam einen völlig anderen Erzählton.

Dann musste plötzlich umdisponiert werden. Ließ sich der Hörtext einfach 1:1 drucken und damit zum Printtext machen? Warum eigentlich nicht, wenn Verlage doch auch Printtexte schlicht zu Hörtexten wandeln?

Was fehlt zum gedruckten Buch?

Es scheiterte schon an den Kleinigkeiten. Aus 80 Normseiten macht man kein Buch. Nahm man die Musikstücke heraus, ergaben sich manchmal starke Brüche. Zitate mussten anders kenntlich gemacht und Endnoten eingefügt werden. Was beim Hören knapp bleiben durfte, brauchte gedruckt mehr Erklärungen. Was beim Hören Dramatik brachte, wirkte für Print übertrieben. Ich habe also den gesamten Text noch einmal überarbeitet. Ein Glück hatte ich dabei: Mir liegt das "erzählte" Erzählen sehr viel mehr als ein ausgewalzter, verschachtelter, hochtheoretischer Text - selbst beim Sachbuch. Das Hörbuchschreiben hat mich so sehr geprägt, dass sich meine gesamte Autorenstimme verändert hat. Im Großen und Ganzen blieb der Text also erhalten.

Ein Glücksfall war außerdem, dass ich mit dem Projekt auf keinen Verlag mehr Rücksicht zu nehmen hatte. Es wäre sonst ein sehr konventionelles, meiner Meinung nach austauschbares Sachbuch herausgekommen. Ich durfte auf Risiko spielen. Also begriff ich mein Buch nicht mehr als reinen Text, sondern als einen Ort unterschiedlicher erzählerischer Räume, die irgendwie verbunden werden wollten.

Erzählerische Räume statt Text

Da gab es den "Haupttext" über das Leben und die Kunst Nijinskys, der sich durchaus hören lässt. Ihn auf "Buchlänge" zu bringen, wäre eine Sünde gewesen - er war in seiner Länge sehr dicht, aber perfekt. Schließlich hatte ich ihn auf genau diese Länge hin komponiert! Ein zweiter Teil musste her.
Was bot sich mehr an als eine Art Text, die man ebenfalls nicht in einem Buch vermuten würde, schon gar nicht in dieser Kombination - weil man auch diesen Text eher hört? Ich kam nämlich auf die Idee, Gespräche zu führen. Ich nahm mir die beiden am stärksten faszinierenden Themen in Bezug auf Nijinsky vor, die im Erzähltext völlig anders und als "Leben" vorkamen. Da war seine skandalträchtige und absolut bahnbrechende Choreografie - und seine spätere psychische Krankheit, in deren Anfangsphase der Tänzer plötzlich zum Maler wurde. Jetzt musste ich nur noch zwei Interviewpartner finden, die genau von diesen Themen selbst fasziniert waren.

Die beiden Gespräche sind im zweiten Teil des Buchs genauso abgedruckt, wie ich sie geführt habe. Man kann sie auch sprechen. Trotzdem sind wir es durchs Zeitunglesen gewohnt, ein Interview bereits als Printform wahrzunehmen. Kenner werden unterscheiden können, welches Interview schriftlich oder mündlich geführt wird, aber beide Textarten verschwimmen sehr stark.

Bildnerische Räume

Die Verbindung beider Teile - zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Leben und Vertiefung der Lebensthemen, Nijinsky und der Projektion Nijinsky - habe ich mit meinen bescheidenen Mitteln grafisch zu gestalten versucht. So tritt auch in die ganz großen Musikpausen ein winzig kleines Emblem aus der Zeit Nijinskys. Die Brücke aber schafft der Tänzer selbst, auf Fotos, die damals wie heute die Fans faszinierten. Ich habe darauf verzichtet, sie wie üblich bequem im Block zu schalten - sie bewegen sich durchs gesamte Buch. Ob es je sichtbar werden wird, weiß ich nicht - neben der inhaltlichen Assoziation habe ich tatsächlich versucht, mit den Fotos Bewegungen oder Klammern zu bilden.

Nijinsky wurde zeitlebens nie gefilmt, Diaghilew hat dies erfolgreich zu verhindern gewusst. Er war sich klar darüber, dass im Zeitalter des aufkommenden Films weniger Leute in seine Vorstellungen strömen würden, wenn sie stattdessen billiger ins Kino gehen konnten. Er wollte das Gesamtkunstwerk nicht zerstören, aber vor allem das Schlimmste verhindern. Wer nämlich einen Film von Nijinsky besaß, würde jede einzelne Bewegung in Zeitlupe analysieren können. Der "Gott des Tanzes" würde entmystifiziert. Also gibt es von Nijinsky nur Fotos, nur gestellte Posen.

Ich habe während meiner Recherchen jedes nur erreichbare Foto immer wieder betrachtet und mit der Lupe angeschaut. Irgendwann bewegte sich der Tänzer. Ich hätte schwören können, ihn in einem Film gesehen zu haben. Und dann bin ich auf eine Fotoreihe gestoßen. Sie bildet die Drehangel zwischen beiden Buchteilen, wirkt wie ein Daumenkino. Es ist keine echte Bewegungsabfolge, aber Nijinsky dreht sich, bewegt die Arme und springt ... um ganz am Ende des Buchs wieder ins Buch hineinzutanzen.

Eine solche Bebilderung ist mehr als "Illustration". Für mich bilden die Fotos einen eigenen Erzählraum, der im Idealfall mit beiden Texträumen einen Dialog aufnimmt. Dieses Spannungsfeld des Erzählens jenseits der Erzählung könnte ähnlich wie die Musik in einem Hörbuch im Leser etwas bewirken, mit ihm sprechen...
Das ist ein Ideal und ein Experiment. Ob es funktioniert, muss sich erst erweisen.

Utopien fürs Jetzt

Jedenfalls glaube ich nicht, dass es jedem Text gut tut, wenn man ihn einfach 1:1 in ein anderes Medium überträgt. Es ist einfach bequem und billiger. Ich hoffe, dass eines Tages die spezifischen Eigenheiten unterschiedlicher Medien viel stärker genutzt werden. Als Autorin habe ich Blut geleckt - ich würde gern sehr viel stärker "transmedial" erzählen, neue Erzählwelten schaffen. Leider sehe ich innerhalb der viel zu risikoscheuen Verlagswelt derzeit kaum Chancen. Ich habe zu viele Ideen im Kopf, als dass ich damit warten wollte...

Das Nijinsky-Projekt geht am Montag in die Druckerei.
Infos zum Buch
Leseprobe aus Teil 1 (vor Lektorat und Satz)
Warum Eigenproduktion?

Das umgekehrte Beispiel ist mein bei Hanser erschienenes Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" (Buchreihe wurde leider eingestellt, die 3. Auflage wird 2011 in anderer Form erscheinen). Hier wurde das Hörbuch mit winzigen Kürzungen eingelesen und ein paar der Rezepte wanderten einfach ins Beiheft. Das Hörbuch mit der von ARTE und SWR 2 bekannten Sprecherin Doris Wolters ist noch zu haben.

Montag, 2. Mai 2011

Schwein gehabt

Wenn ein Thema in der Luft liegt, ist die Gefahr groß, dass mehrere Menschen auf der Welt auf ähnliche Ideen kommen. Diese Angst vor dem Risiko bewegte in Sachen Nijinsky deutschsprachige Verlage massiv - viele verzichteten deshalb lieber ganz darauf, überhaupt ein Buch zum Thema zu verlegen. So kommt es auch, dass Romola Nijinskys Biografie ihres Mannes und die Tagebücher von Nijinsky im Ausland weiter zu haben sind und inzwischen auch in jeder Piratenbörse - der sonst so backlistfreudige Suhrkamp-Insel-Verlag jedoch auch zum 100jährigen Jubiläum der Ballets Russes seine beiden Taschenbücher nicht wieder aufgelegt hat. Von der Hardcoverversion der Tagebücher im Berlin Verlag ganz zu schweigen.

In den Niederlanden hat derweil Arthur Japin mit seinem Nijinsky-Roman großen Erfolg - und sein Verlag ist gar nicht dumm. Der hat nicht nur die Tagebücher in der niederländischen Übersetzung wieder zugänglich gemacht, sondern bietet sie auch im Geschenkpaket zum Roman an.

Als ich das Cover sah, bin ich erst einmal tüchtig erschrocken. Ideen kreisen wohl öfter einmal virulent durch die Welt. Es ähnelt unwahrscheinlich stark dem allerersten Entwurf für mein Nijinsky-Cover. Zum Glück haben wir das in einer sehr frühen Phase verworfen! Natürlich bibbere ich, dass nicht noch mehr solche zufälligen und unfreiwilligen "Doppler" auftauchen:

Ein früher, verworfener Entwurf für mein Nijinsky-Buch

  
Die niederländische Ausgabe von Nijinskys Tagebüchern

Freitag, 22. April 2011

Baden-Baden: Stadt fürs Inkognito

Künstler brauchen ihre kleinen Fluchten. Das sind nicht einfach nur Orte, um vor den Fans zu flüchten, sondern Umgebungen, die es einem erlauben, aus dem laufenden Kunstbetrieb in eine völlig andere Welt auszusteigen, Neues zu sehen und zu erleben. Kreativität braucht die frische Energie, die das Abschalten gibt. Irgendwie ist für mich im Laufe der Jahre Baden-Baden zu so einem Ort geworden. Es ist zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter im wahrsten Sinne des Wortes in seiner historischen Bausubstanz einfach schön. Allein ein Spaziergang durch die grüne Ader der Innenstadt, die weltberühmte Lichtenthaler Allee, versorgt mit aufmunternden Impressionen wie die Fotos der Baden-Badener Fotografin Nathalie Dautel zeigen. Baden-Baden heute regt die künstlerischen Ideen an, weil es kaum Mittelmaß gibt, aber umso mehr Extreme; weil die Stadt einer vergangenen Zeit nachhängt und mit dem Überleben in der Zukunft kämpft; weil man dort Menschen aus aller Herren Länder beobachten kann, die man sonst so nicht sieht - vor allem Russen.

Lichtenthaler Allee (Foto PvC)

Das ist alles andere als neu. Als Baden-Baden im 19. Jahrhundert zur Sommerhauptstadt Europas wurde, zog es die Adligen und die Schmarotzer, die Millionäre und die Spieler, die Gebildeten und die Eingebildeten, die Künstler und die Kulturlosen zwischen Paris und Petersburg in Scharen an. In seinem zu Unrecht eher vergessenen Roman "Der Rauch" zeichnet Iwan Turgenjew ein herrlich ironisches Bild der Baden-Badener Kur-Schickeria, das alles andere als angestaubt wirkt. Noch heute stolpert man über die Spuren der großen russischen Literaten: Turgenjew lebte nicht nur in der eigenen Villa, er lebte auch ein Dreiecksverhältnis mit der gefeierten Sopranistin Pauline Viardot. Gogol war da, und in dem Haus, in dem der Spieler Dostojewskij nach dem letzten Hemd suchte, das sich versetzen ließ, befindet sich heute eine Luxusimmobilienagentur. Kaum wundert es einen, wenn man auch noch über all die nur kurzzeitig im Kurort weilenden Berühmtheiten stolpert - etwa beim Sanatorium Dengler, in dem sich 1935 Sergej Rachmaninoff von seinen aufreibenden Konzerttourneen erholte.

Hier lebte Dostojewskij ärmlich in Miete (Foto PvC)

Viele große Russen kamen damals wie heute lieber inkognito. Baden-Baden war die sommerliche Verbindungsstelle zwischen Paris und Sankt Petersburg in einer Zeit, als die Avantgarde der europäischen und russischen Welt Kunst und Kultur gehörig umwälzte. So wunderte ich mich kaum, als ich auf eine illustre Liste von Gästen stieß, die sich 1913, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, im noch globalen Städtchen an der Oos erholte: Die Gäste hießen Sergej Diaghilew, Vaslav Nijinsky, Alexandre Benois und Walter Nouvel. Manchen Angaben zufolge soll sogar Igor Strawinsky zugegen gewesen sein, aber das bliebe zu verifizieren.

Die still und leise Erholung Suchenden waren niemand anders als das damalige Führungsgremium der Ballets Russes. Der Russe Walter Fjedorowitsch Nouvel (Nuwel), Musikkritiker für Diaghilews berühmte Kunstzeitschrift Mir Isskustva und sein Freund, war zuständig für die Verwaltung der Ballettunternehmung. Später schrieb er zusammen mit Arnold Hankell eine Diaghilew-Biografie und fungierte für Strawinskys Autobiografie als dessen Ghostwriter. Alexandre Benois, der damals berühmte Künstler, Bühnen- und Kostümbildner saß ebenfalls in der Hauptversammlung des Leitungsgremiums.

Historische Postkarte Hotel Stéphanie-les-Bains Baden-Baden

Die Russen stiegen ab, wo es die Schönen, Reichen und Berühmten am meisten hinzog: Im Hotel "Stéphanie-les-Bains". Auch als die Belle Époque bereits im Sterben lag, gab sich die Stadt edel im Idiom des Zarenhofs und von Paris - die Verbindungen mit Frankreich waren nicht nur sprachlich gesehen eng. Prinzessin Stephanie von Baden, die Landesmutter zwischen 1811 und 1818, war immerhin die Adoptivtochter Napoleons. Der ursprüngliche Gebäudekomplex des Hotels "Stephanienbad" steht nicht mehr (historische Ansichten), aber das Haupthaus mit der Villa Augusta zieht noch heute eine illustre Gästeliste an - als Brenner's Park Hotel & Spa, direkt an der Lichtenthaler Allee gelegen. Als die Männer von den Ballets Russes dort abstiegen, war am hinteren Teil der Allee gerade der neue Jugendstilgarten fertiggestellt worden, der heute unter dem Namen "Gönneranlage" einer der schönsten Rosengärten Europas sein soll.

Es lohnt sich ein Blick in die Gästeliste des Hotels, bevor Nijinsky dort ankam. Nach dem Maharadscha von Kapurthala hält im Jahr 1907 König Chulalongkorn von Siam und Laos im Hotel Stéphanie-les-Bains Hof. Was aber haben diese exotischen Persönlichkeiten mit den Ballets Russes zu tun? Die dinierten schließlich in Monaco wie Paris auch mit dem Aga Khan - man musste sich jede Menge Sponsoren warmhalten. Und 1907 weilte Nijinsky nicht in Baden-Baden.

Trotzdem ist jener sagenumwobene König von Laos und Siam, vor der Zeit, in der Mata Hari aufkam und die orientalischen Ballette Diaghilews, ein wichtiges "missing link", um Nijinskys Art zu tanzen zu verstehen. In vielen Büchern, vor allem in der sonst meisterhaften Nijinsky-Biografie des Psychiaters Ostwald, wird nämlich Nijinskys Arbeit mit Handstellungen und bizarren Fingerhaltungen nachträglich aus der Diagnosetheorie "Schizophrenie" interpretiert. Ostwald versteigt sich sogar so weit, zu behaupten, Nijinsky habe seine Handstellungen hirngeschädigten Kindern abgeschaut, die er bei Besuchen seines Bruders in Kliniken gesehen haben sollte. Der wahre Hintergrund ist jedoch ganz weltlich, gesund und sehr global. Jener König reiste nämlich nicht nur nach Baden-Baden, sondern hielt auch in Petersburg Hof. Vor allem aber hatte er einen für damalige Verhältnisse revolutionären Exportschlager dabei: seine eigene Tanztruppe. Die russische und europäische Avantgarde war hin und weg von den anmutigen und so völlig anderen Bewegungen der Siamesen. Nijinsky hat sie in Petersburg tanzen sehen und ihnen im Ballett "Les Orientales" selbst tänzerisch ein Denkmal gesetzt.

Heute: Brenner's Park Hotel & Spa, links die Villa Augusta (Foto PvC)

Als er selbst nach Baden-Baden kommt, kriselt es tüchtig in der Liebesbeziehung zwischen ihm und Diaghilew. Nijinsky hat gerade den zweiten großen Theaterskandal verkraften müssen, die Premiere zu Strawinskys "Le Sacre" sorgte kurzzeitig sogar für diplomatische Verwicklungen zwischen Frankreich und Russland. Nijinsky ist ausgepowert, wird von Fans verfolgt und von Feinden geschmäht. Und was da in Baden-Baden als Kurzurlaub deklariert ist, soll eigentlich ein völlig neues Ballett vorbereiten.

Johann Sebastian Bach will man spielen, die Kostüme ganz im Rokoko halten. Nijinsky soll choreografieren. Von Baden-Baden aus unternehmen die Russen Besichtigungstouren im Badischen - die Barockschlösser haben es ihnen angetan. Auch Bruchsal und sogar Würzburg stehen auf ihrer Reiseliste. Von diesen Schlössern soll das Bühnenbild profitieren, das Benois entwerfen will. Der erinnert sich 1954 in einem französischen Radiointerview, dass der Inkognito-Kurzurlaub schlicht die Planung der nächsten Saison beinhaltete und "ein herbeigerufener Pianist" auf dem unzulänglichen Hotelflügel spielen musste.

Im August nach diesem Baden-Badener Intermezzo kommt der große Bruch. Nijinsky wird auf der Überfahrt zur Südamerikatournee von einer Frau eingefangen, die wir heute als Groupie bezeichnen würden: Zwei Jahre schon verfolgt sie den "Gott des Tanzes" auf Schritt und Tritt - sie will seine Ehefrau werden, dem Genie Kinder gebären und ihn von seiner Männerliebe "reformieren". Nach dieser Schiffahrt ist nichts mehr wie es einmal war ...

Diaghilew wird kurz vor seinem Tod im Jahr 1929 noch einmal mit seiner neuesten Talententdeckung in Baden-Baden Station machen: dem Dirigenten und Komponisten Igor Markevitch. Die beiden arbeiten an einem "deutschen" Ballett nach Musik von Paul Hindemith. Später - Nijinsky ist längst schon in seiner Wahnwelt gefangen - wird Igor Markevitch Nijinskys Tochter Kyra in erster Ehe heiraten.

Wann genau Igor Strawinsky in seiner Eigenschaft als Mitglied der Ballets Russes in Baden-Baden weilte, ist nicht ganz so einfach auszumachen. Als Musiker und Komponist jedenfalls war er der Stadt immer sehr verbunden - so verbunden, dass er einen seiner großen Exil-Grundsätze vergaß. Offiziell hatte Strawinsky 1933 sein letztes Konzert auf deutschem Boden gegeben. Im April 1936 machte er für Baden-Baden eine Ausnahme und spielte mit seinem Sohn Soulima dort das Concerto für zwei Solopianos. Erst 1951 sollte er wieder für ein Konzert nach Deutschland zurückkehren. Die Baden-Badener Philharmonie hält den Komponisten noch heute hoch und hat bei Haenssler-Klassik anlässlich des hundertjährigen Ballets-Russes-Jubiläums eine CD-Reihe mit Ballettmusiken herausgebracht.

Der Kreis schließt sich mit dem Festspielhaus, wo nicht nur John Neumeier mit seinem Hamburger Ballett regelmäßig gastiert, sondern auch das Sankt Petersburger Marijnsky-Theater, in dem Nijinsky einst seine Ausbildung absolvierte.

Auch das ist Baden-Baden: Mein Studium habe ich mir teilweise als "Hilfzimmermädchen" in Brenner's Park Hotel finanziert. Wenn ich den inzwischen renovierten Raum saugen musste, in dem man heute gepflegt Tee trinkt, saugte ich mich jedes mal in eine andere Welt. Ich schwebte in einem Film von Visconti: Tod in Venedig. Die Möbel, das Teppichmuster, die Architektur, sogar die Menschen darin - alles schien aus dieser fernen dekadenten Welt Thomas Manns herüber zu wabern. Damals ahnte ich nicht, wer alles über diesen Boden geschritten war, am wenigsten hatte ich von Nijinsky, dem Jahrhunderttänzer, gehört. Wenn man mir damals gesagt hätte, wie sich eines Tages der Ring schließen würde zwischen dem Hotel Stéphanie-les-Bains in Baden-Baden und dem Hotel Des Bains am Lido in Venedig, hätte ich denjenigen für verrückt erklärt. Diaghilew ist in letzterem verstorben - und er hat sich in seinen letzten Jahren geradezu als Aschenbach inszeniert. Könnten sich Sergej Diaghilew, Vaslav Nijinsky und Thomas Mann vielleicht sogar in einem dieser alten Grandhotels über den Weg gelaufen sein? Die Antwort verrate ich in meinem Buch - in dem übrigens Nijinsky auch in seiner Rolle in "Les orientales" zu sehen sein wird.

Unter dem Label "enhanced book" werde ich in unregelmäßigen Abständen auch nach Erscheinen meines Buchs die Geschichten erzählen, die naturgemäß aus einem Buch gestrichen oder gar nicht erst aufgenommen werden - weil sie vom Hundertsten ins Tausendste führen würden, nicht in die Komposition passen oder nur für ein sehr spezielles Spezialpublikum von Interesse wären. Das ist das Schöne an der Vernetzung unterschiedlicher Medien - das Blog wird zum "Extra". Selbstverständlich sind auch meine Blogtexte und eigenen Fotos urheberrechtlich geschützt!

Die Autorin steht für Auftritte in Baden-Baden zur Verfügung.
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