Sonntag, 19. August 2012

Ein Tod in Venedig

Heute vor dreiundachtzig Jahren starb im Alter von nur 57 Jahren eine der größten Persönlichkeiten des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie kaum ein anderer hat Sergej Diaghilew (31.3.1872-19.8.1929) die europäische und russische Kultur nicht nur tiefgründig beeinflusst und verändert, sondern auch zwei bahnbrechende Jahrzehnte lang vereint. Hier ein Ausschnitt aus meinem Buch "Faszination Nijinsky" über den Tod des Impresarios, der nie verwinden konnte, dass ihn seine große Liebe Vaslav Nijinsky verlassen hatte. Diaghilew war einst von einer Wahrsagerin geweissagt worden, er werde auf dem Wasser sterben - eine zwanghafte Angst hielt ihn seither von Schiffen möglichst fern. Schicksalshaft, denn in seiner Abwesenheit konnte Romola auf der Überfahrt nach Amerika Nijinsky den Kopf verdrehen ...

Leseprobe aus Petra van Cronenburg: "Faszination Nijinsky":
"Wie Thomas Manns Novellenfigur Aschenbach kann auch Diaghilew seine Liebe nicht leben, gewaltsam wie ein kleiner Tod wirkt auf ihn der plötzliche Bruch seiner Beziehung durch Nijinsky. Dass er verlassen wurde, erfährt er in Venedig durch ein Telegramm. Er tobt, wird depressiv, ist außer sich und schneidet ab, was ihn zu sehr schmerzt: Diaghilew entlässt Nijinsky fristlos aus den Ballets Russes, ebenfalls per Telegramm. Auf eine gewisse Art zeigt Nijinsky zu diesem Zeitpunkt eine verblüffende Naivität. Scheinbar ahnungslos fragt er Strawinsky, was denn eigentlich mit Diaghilew los sei. Der Komponist findet Nijinskys kindliche Ahnungslosigkeit unglaublich. Geht dem frisch Verheirateten wirklich jede Empathie für Diaghilew ab? Als Nijinsky endlich begreift, dass der Lebenspartner, den er verlassen hat, mit ihm nicht mehr arbeiten will, soll der Tänzer gegenüber Strawinsky geäußert haben: „Dann habe ich alles verloren.“

Diaghilew stürzt sich in Arbeit und Orgien, um zu vergessen. Später, als er seine Abkehr von Nijinsky längst bereut, versucht er gegen Romolas erbitterten Widerstand immer wieder Annäherungen, hilft der Familie, versucht, den einstigen Geliebten zu retten. Aus der Kriegsgefangenschaft in Ungarn, aus dem Wahnsinn. Aber da ist es schon zu spät. Romola hat ihren Privatgott wie ein Kind an der Hand. In der akuten Phase seines Krankwerdens scheint Nijinsky den Hass seiner Frau auf Diaghilew zu übernehmen, beschreibt den einstigen Geliebten wie einen künstlich verjüngten Aschenbach: „Diaghilew färbt sich die Haare, um nicht alt zu sein ... ich habe diese Pomade auf Diaghilews Kopfkissen bemerkt, deren Bezüge schwarz waren.“

Der junge Geliebte von einst ist zu diesem Zeitpunkt bereits zu verwirrt und isoliert, um noch zu erleben, wie sehr Diaghilew Thomas Manns Novelle Tod in Venedig nicht nur verehrt. Er inszeniert sich selbst bewusst als Aschenbach-Figur. Freunde bekommen das Buch von ihm geschenkt, zuletzt sein jugendlicher Liebhaber Boris Kochno. Diaghilew geschieht schließlich am Lido eine tragische Parallele, die er einmal nicht geplant haben kann: Am 19. August 1929 stirbt er wie Aschenbach im Hotel. Auf dem Wasser starb nur seine Partnerschaft mit Nijinsky, am Wasser dagegen starb er.

Und in gewisser Weise hat er seinen Tod selbst heraufbeschworen. Denn seit Jahren schon war Diaghilew schwer an Diabetes erkrankt. Das neu entwickelte Medikament Insulin weigerte er sich jedoch einzunehmen. Ihm hätte vielleicht das gleiche Medikament das Leben verlängern können, das Jahrzehnte später auf völlig unerwartete Weise Nijinsky das Leben kosten sollte. Diaghilew starb 1929, im Jahr nach einem letzten Treffen mit seinem ehemaligen Lebenspartner, den er nicht mehr retten konnte."

Donnerstag, 16. August 2012

Gänsehautgeschichten

Es gibt im Schriftstellerleben seltene Momente, wo sich ein Buch zu verselbstständigen scheint und einem ganz besondere Geschenke zuteil werden. Durch meine Auftritte und eine gewisse Mundpropaganda lerne ich inzwischen im ganz realen Leben jenseits des Schreibkämmerchens hochspannende Leute kennen, die irgendwie mit meiner Thematik zu tun haben oder sich dafür interessieren.

So ist das auch diese Woche geschehen. Eine Frau, die vollkommen begeistert von meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" ist (gedruckte Fassung / E-Book), stellte mich jemandem vor, dem sie zuvor von meinem Buch erzählt hatte. Es war ein deutsch-amerikanischer Choreograf und Tänzer, der zufällig gerade in der Stadt weilte. Dass es eine gemeinsame Begeisterung in Sachen Nijinsky gab, war schon allein herrlich. Aber dann öffnete sich plötzlich eine Art Zeitloch, eine Zeitmaschine ...

Es gibt, wie gesagt, weder zeitgenössisches Filmmaterial von Nijinsky (außer einer Aufnahme nach 1945) noch kann man heute Augenzeugen befragen, denn die meisten Zeitgenossen sind schon tot oder in sehr hohem Alter. Nijinsky war so alt wie meine eigene Urgroßmutter - und die ist schon lange tot, obwohl sie knapp über 100 Jahre alt wurde.

Und plötzlich erzählt mir jener Choreograf von einem seiner Lehrer in der Anfangszeit. Ich mochte es zuerst gar nicht glauben: Jener Lehrer, ein polnischer Tänzer namens Leon Woicikowski, hatte nämlich für die Ballets Russes getanzt. Nicht etwa für eine der späteren Nachfolge-Compagnien, sondern für die originalen Ballets Russes von Sergej Diaghilew. Er stieß 1916 zur Truppe, hat Vaslav Nijinsky also persönlich noch drei Jahre lang erleben können. Seine Frau Helena Antonova, ebenfalls Tänzerin, war mit Nijinskys Schwester Bronislawa befreundet, die 1919 geborene Tochter Sonia - ein Patenkind von Pablo Picasso, wurde ebenfalls Balletttänzerin. Zum Glück hat Leon Woicikowski lange genug gelebt und seinen Schülern ganz private Eindrücke vom großen Genie Nijinsky erzählt! Eindrücke, die nie veröffentlicht wurden.

Da ist beispielsweise die Geschichte, die ich in meinem Buch besonders beschreibe: Nijinskys berühmter Fenstersprung am Ende des Ballets "Der Rosengeist". Ich denke, wer die Szene in meinem Buch liest, wird sich vorstellen können, welch eine Leistung Nijinsky hier vollbrachte und wie er bis an die eigenen Grenzen ging. Denn jener Fenstersprung hatte für ihn eine ganz besondere, sehr persönliche, sehr dramatische Bedeutung.

Ich hatte Gänsehaut, als mir jener Choreograph sozusagen aus zweiter Hand erzählte, dass Nijinsky diesen unwahrscheinlichen Sprung in den letzten Jahren rückwärts gesprungen ist. Wie er mir erzählte, dass die Truppe das damals schon recht seltsam fand und nicht so recht einzuordnen wusste. Was für eine Leistung! "Wahnsinn!", wäre auch heutzutage der spontane Ausruf des Erstaunens. Aber war es wirklich der reine Wahnsinn? Nijinsky hat sich bei allem, was er tat, bei jeder kleinen Schrittveränderung, sehr viel gedacht. Vor allem in den letzten Jahren war seine Choreografie von tiefer Spiritualität durchzogen. Nijinsky hat nicht einfach nur getanzt, er wollte im Tanz das Leben sichtbar machen, die Welt begreifen.

Und dann springt er sein Wahrzeichen, dieses Symbol seiner Inszenierungen, diesen Spiegel eines privaten Dramas, den Spiegel seiner Beziehung zum Publikum, einfach rückwärts. Obwohl das gegen alle körperlichen und technischen Regeln sprechen mag. Fünf Meter weit soll er so aus jenem symbolbeladenen Fenster gesprungen sein, rückwärts.

In diesem Moment hat sich für mich ein Fenster geöffnet. Nie fühlte ich mich jener erzählten Wirklichkeit so nah. Nie habe ich derart ungefiltert von Dingen gehört, die während des Ersten Weltkriegs geschehen sind. Warum hat er das getan? Was mag er sich dabei gedacht haben? Er muss auch diesen Sprung hart trainiert haben, das macht ein Tänzer nicht einfach so. Kann bei so viel Kalkül wirklich der reine Wahnsinn den Tanz führen? Oder hat ihn einfach kaum einer mehr verstehen können, verstehen wollen?

Es ist nur eine kleine Anekdote von mehreren, die mir da geschenkt worden ist. Wenn ich Glück habe, werde ich am Wochenende noch mehr hören. Aber allein dieses kleine Wunder ist kaum zu beschreiben in seiner Intensität, wie es mich berührt. Es ist, als habe sich mein Buch selbstständig gemacht und erzähle mir nun seinerseits Dinge. Es ist, als stünde ein Fenster in eine andere Welt offen ...

Ein Foto von Leon Woicikowski:
Leon W London Program 1929, Final Season - Russian Ballet History
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