Montag, 9. Dezember 2013

Nijinsky auf der Bühne in Baden-Baden

Es ist noch ein wenig früh, aber die Texte kommen schon in die Jahresprogramme und Flyer, so dass es nie zu spät ist, sich das Datum vorzumerken. Ich habe die Ehre und das besondere Vergnügen, Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew in einer szenischen Lesung auf die Bühne zu bringen ... in genau der Stadt, wo sie 1913 incognito abstiegen.

Ihr Aufenthalt in Baden-Baden ist relativ unerforscht. Davor liegen die größten Theaterskandale der europäischen Kulturwelt, zuletzt der von Strawinskys Le Sacre. Danach fand die völlig überstürzte und bis heute im Motiv nicht geklärte Heirat Nijinskys mit seinem "Groupie" Romola statt - obwohl er noch kurz zuvor gemeinsam mit seinem Partner Sergej Diaghilew als Europas berühmtestes schwules Paar kein Verstecken nötig hatte. Was war in jenen Sommertagen geschehen?

Im Hotel Stéphanie-les-Bains, dem Vorgänger von Brenners Parkhotel,  stiegen die beiden Ballettgiganten 1913 ab

Jeux – russische Spiele in Baden-Baden
Ein Stück von Petra van Cronenburg
in einer szenischen Lesung mit Schauspielern des Baden-Badener Theaters. Eine Veranstaltung der Bibliotheksgesellschaft Baden-Baden in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater am Di., den 27.5.2014 im Literaturmuseum("Gartenhaus").

Ein rätselhaftes Vabanquespiel in Baden-Baden. Zwei Männer, die ihre Träume, Sehnsüchte und die Kunst auf eine Karte setzen.
Im Hotel Stéphanie steigen 1913 zwei Giganten der Theaterwelt ab: Vaslav Nijinsky, weltweit als „Gott des Tanzes“ verehrt, und Sergej Diaghilew, „Gottvater“ der legendären Ballets Russes. Ein ungleiches Paar privat wie auf der Bühne, bei dem es heftig kriselt: Nijinsky tanzt nicht mehr den schillernd schönen Sklaven. In der Weltpresse zerreißt man sich das Maul über seine ultramodernen Choreografien. Der Skandal um Strawinskys „Le Sacre“ hat fast zu diplomatischem Streit zwischen Frankreich und Russland geführt. Dem Impresario Diaghilew steht finanziell das Wasser bis zum Hals, die Mäzene werden unruhig – er sucht den Rausch in altem Pomp. Offiziell plant das Paar in der Kurstadt ein neues Bach-Ballett, will sich von den Skandalen der Pariser Saison erholen. Doch im Hintergrund spinnt jemand unsichtbare Fäden – eine Ménage à trois mit einem Unbekannten verlangt vollen Einsatz.

Montag, 11. November 2013

Jener schicksalshafte Totentanz

Seltsames Publikum strömt in den Ballsaal. Die meisten haben sich eben noch beim Sport vergnügt oder sich die Zeit an der Hotelbar vertrieben ... sie sind vergnügungssüchtig, ballern sich zu. Es hat lange keine Vergnügungen mehr gegeben. Die anderen tragen die Nase hoch und eine schwere Geldbörse unterm Smoking: Man hat es und man zeigt es. Schließlich ist man nicht irgendwo, sondern in Sankt Moritz. Schließlich kann man sich den Urlaub im Schneeparadies leisten und endlich alles, alles vergessen. Im November des vergangenen Jahres feierte man erst den Waffenstillstand. Es ist noch nicht lange her, da versank die blühende kosmopolitische Kultur eines Europas, das von Paris bis Petersburg reichte, in Barbarei, in nationalen Hass und schließlich in Schutt und Asche. Die anfängliche Begeisterung für Fortschritt, Bewegungen und Maschinen kippte schon vor Jahren um in tiefes Leid. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hat man seine Mitmenschen auf eine industrielle, maschinelle Weise abgeschlachtet. All die 200 Gäste, die sich im Ballsaal eines St. Moritzer Hotels versammeln, wollen endlich den Ersten Weltkrieg vergessen, wollen feiern und Seelenbalsam genießen, dürsten nach Unterhaltung.

Nijinsky als Sklave in "Le Roi Candaule", 1906, unbekannter Fotograf
Die Pianistin hat all die schönen und harmonischen Standards aus der Friedenszeit vor dem Krieg geprobt. Aber das Publikum tuschelt. Derjenige, den sie erwarten, soll einmal der berühmteste Star der Welt gewesen sein. Nun ja, gleichzeitig mit dem Amerikaner Charlie Chaplin, den er ausgerechnet mitten im Krieg in den USA kennengelernt hat. Chaplin wird seinen Altersgenossen nie mehr vergessen, wird in seinen eigenen Bildern von ihm geprägt. Aber die Menschen im Ballsaal haben vergessen, was der Weltstar hat aushalten müssen, weil er den falschen Pass zur falschen Zeit hatte, ins falsche Land obendrein geraten. Die meisten wissen gar nicht, was er hat durchmachen müssen. Da war jene geheimnisvolle plötzliche Heirat des bisher berühmtesten Schwulen Europas mit einer Frau ... eine Ehe, die schon gleich eigentlich keine mehr war und aus der es kein Ausbrechen mehr geben sollte. Dazu das viele Leid auf den Bahnhöfen während der Tourneen, als die Ballets Russes trotzdem und immer wieder das Reisen wagten. Dann haben sie ihm die Bewegungsfreiheit genommen. Kriegsgefangenschaft. Gemalt hat er, um sich bewegen zu können. Der berühmte Nijinsky ist nun frei. Er soll inzwischen aus Platzmangel auf dem Balkon seiner Villa proben.

Komisch soll er geworden sein, raunt es durchs Publikum. Ob er vielleicht verrückt ist? Typisch Künstler, sagen die einen. Einfach überarbeitet, ausgebrannt, vermuten die Mitfühlenderen. Aber seine Frau, die auch zugegen ist, macht kaum einen Hehl daraus, dass sie eigentlich gegen die Veranstaltung ist, dass sie ihren Mann in der Tat für verrückt hält. Einen Quacksalber in Sachen Psyche hat sie geholt, einen Sportarzt. "Leichte Hysterie" ist zunächst die Diagnose. Der Künstler, der zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf einer Bühne stehen darf und der viel vorhat mit seinem Solo, soll schlaflos und erregt sein, seine Familie mit Wutausbrüchen erschreckt haben, weil diese die Hektik nicht verstehen kann. Und ist es nicht absolut verrückt, dass einer wie ein Besessener an einer Choreografie arbeitet, während alle anderen dem Après-Ski fröhnen? Ist einer noch normal, der im Ort Farben kauft und Bahnen von Stoff, so viel Stoff! Was hat er nur vor?

Den schönen Prinzen soll er doch geben, seine berühmten göttlichen Sprünge zeigen zu freundlicher Musik. Gewiss, ein wenig kürzer muss er hier schon treten, das Ferienhotel ist schließlich nicht die Pariser Oper! Man trinkt noch einen und noch einen, man schwatzt und träumt von jenen prächtigen Kostümen vor dem Krieg, sicher hat er dafür all den Stoff gebraucht. Seine Frau Romola weist die Pianistin an, Chopin zu spielen, sie will ihren Mann elfenhaft tanzen sehen in seiner alten Rolle aus "Les Sylphides". Man macht sich bereit, in den guten alten Zeiten zu schwelgen.

Und plötzlich der offene Affront. Der Tänzer, absolut nicht im Kostüm, verlangt, was er von den großen Bühnen gewohnt ist: Absolute Stille und Ungestörtheit auch während der Vorbereitungen. Keine Musik und schon gar nicht diese! Seine Frau verlässt gekränkt den Saal, manche überlegen, an die Bar zurückzukehren.

"Dies ist meine Hochzeit mit Gott", sagt Nijinsky nur. Kein Chopin, kein elfenhafter Prinz. Das kann er nach den Kriegsjahren, die ihn und so viele andere fast zerstört haben, nicht mehr. Nicht so kurze Zeit nach dem Kriegsende, 1919. Er will die Agonie tanzen, jenen Tanz auf dem Vulkan, der im Verlust der Menschlichkeit gründete. Er will die eigene Agonie als Künstler auf jene improvisierte Bühne bringen, auf der er so gottverlassen und isoliert gelandet ist, eingesperrt von den Schneebergen, den Gernegroß-Gästen.

Was dann kommt, versteht niemand mehr. Es ist so unerhört. Dieser Mann setzt sich auf einen Stuhl, fixiert die Zuschauer ... und bewegt keinen Muskel! Aber ein Tänzer muss doch tanzen, sich drehen, springen ... Nijinsky sitzt und schweigt und starrt. Es ist, als wolle er die Energie eines jeden einzelnen erspüren. Sein altes Publikum existiert nicht mehr. Das hätte begriffen, dass er zeitlebens seine Choreografien aus der Stille entwickelte, aus der Horizontalen der Erde. Dieses Publikum jedoch will Spaß. Und da steht dieser Verrückte irgendwann auf, packt seine Stoffballen und wirft sie durch den Saal. Schwarzer und weißer Samt bilden auf dem Boden ein riesiges Kreuz. Dahinter steht der Tänzer und wird in seinen sparsamen Bewegungen selbst zum Kreuz, wandelt sich hinein in die Figur eines Gekreuzigten. Er muss vollkommen übergeschnappt sein, denn er tanzt nicht nur, er spricht!

"Jetzt werde ich euch den Krieg tanzen, mit seinem Leid, seiner Zerstörung, seinem Tod. Den Krieg, den ihr nicht verhindert habt, für den ihr also mitverantwortlich seid!" So soll er gesprochen haben. So hat noch nie jemand mit seinem Publikum gesprochen!

Und was er dann tanzte, das muss nicht nur in jenen Elementen seiner Zeit weit voraus gewesen sein und unserem modernen Tanz geähnelt haben. Es muss trotz aller Provokation und des Schocks grandios gewesen sein. Es gibt keinerlei objektive Augenzeugenberichte, aber selbst seine Frau, die ihn da schon für komplett verrückt hielt, musste zugeben, dass er brillant war, mit monumentalen Gesten. Seine "Hochzeit mit Gott" katapultiert ihn wohl in jenes mystische Erleben des Einsseins, das schon im Mittelalter als "unio mystica" beschrieben wird. Seine Tagebücher, die er in jenem Jahr schreibt, sind voll von diesem Erleben. Und das überträgt sich auf das Publikum. Es herrscht diese absolute Stille, die er anfangs fast vergeblich verlangte. Sie hängen an ihm wie die Marionetten, er hat sie in seiner Hand, selbst die Vergnügungsüchtigsten. Jener geheimnisvolle Funke des Theaters ist übergesprungen! Sie belohnen ihn mit donnerndem Applaus.

Es ist sein letzter Tanz. Es ist sein letzter Tanz in Freiheit. Noch im gleichen Jahr wird ihn seine Schwiegerfamilie durch einen äußerst brutalen Polizeieinsatz in die Psychiatrie zwangeinweisen lassen. Vaslav Nijinsky hat sich als Choreograf selbst übertroffen und sich in einen Strudel hineingetanzt, aus dem es kein Entrinnen mehr für ihn gibt ... Und der ihm doch auch vielleicht jenen Ruhepunkt schuf, nach dem seine Seele in dieser verrückt gewordenen Welt so dürstete.

(c) Petra van Cronenburg

Anmerkung: Dieser Text stammt nicht aus meinem Buch, sondern ist frei erzählt, so, wie ich mir aufgrund der Recherchen jenen Abend vorstelle. Aber das Ereignis und die Zeit vorher und danach kommen natürlich auch im Buch vor: "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos". Als Hardcover überall im Buchhandel, als E-Book derzeit bei Amazon (kindle) und bald auch in anderen Shops (epub). Für mehr Infos Link anklicken.
Fans können sich vormerken, dass ich zum 125sten Geburtstag Vaslav Nijinskys eine Veranstaltung in Baden-Baden vorbereite, jenem Ort, wo er sich in seinem Schicksalsjahr incognito aufgehalten hat. Ich informiere rechtzeitig darüber.

Samstag, 2. November 2013

Tanznetz über "Faszination Nijinsky"

Die Zeitschrift Tanznetz hat ihre Seiten umstrukturiert. Deshalb hier noch einmal der aktualisierte Link der Kritik von "Faszination Nijinsky" mit Innenfotos der Druckfahnen des Buchs (leider farbverändert durch die Kamera).




Annette Bopp schreibt über "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" bei tanznetz.de:
"Das Besondere an diesem Buch ist, wie Petra van Cronenburg sowohl die künstlerische wie die menschliche Seite Nijinskys nahebringt, auf ganz unprätentiöse, einfühlsame Art, vor allem aber immer darauf bedacht, der vielschichtigen Persönlichkeit Nijinskys im Rahmen seiner Zeit gerecht zu werden. Da ist viel Neugier spürbar, aber auch großer Respekt, Zuneigung und Zurückhaltung, Bewunderung und Skepsis. Auf diese Weise holt sie auch diejenigen unter ihren Lesern ab, die mit Nijinsky bisher vielleicht nicht so viel anfangen konnten. Sie macht ihn und sein Leben, seine Kunst, verstehbar, nachvollziehbar." 
Hier die gesamte Rezension lesen. 

Alle Infos zum Buch inklusive ausführlicher Leseprobe

Donnerstag, 1. August 2013

Videos zu Le Sacre

100 Jahre Le sacre du Printemps - damals einer der größten nur denkbaren Theaterskandale aufgrund der Musik von Igor Strawinsky und der Choreografie von Vaslav Nijinsky - beiden ihrer Zeit weit voraus. Das Tanznetz hat hier viele Videos zu Aufführungen im Jubiläumsjahr gesammelt, nebst hilfreichen Links.

Montag, 29. Juli 2013

Das nie gelüftete Geheimnis

Es ist seltsam mit den Geheimnissen, die über die Jahrzehnte zur Mythenbildung beitragen. Manchmal sind sie nämlich in Wirklichkeit gar keine. Manchmal müsste man nur die richtigen Augenzeugen finden, die richtigen Texte zusammentragen ... und plötzlich jene unsichtbaren Linien erkennen, die Handlungen zusammenhalten. Und so muss ich mich nun selbst revidieren, muss vielen berühmteren Kollegen widersprechen: Was 1913 mit Nijinsky geschah, ist gar nicht wirklich ein Geheimnis!



Jene nie ganz gelüftete Auseinandersetzung zwischen Nijinsky und Diaghilew, jener angebliche Inkognito-Aufenthalt in Baden-Baden, die wundersame Wandlung des schwul lebenden Nijinsky zum Ehemann eines Groupies - das alles wird plötzlich nachvollziehbar, wenn man ein wenig auf die unbekannteren Protagonisten schaut, die Leute, die nicht berühmt genug sind, dass man sie in jedem Buch zitiert ... oder die einfach gegen die Giganten Nijinsky und Diaghilew den Platz nicht bekommen. Und wenn man vor allem die Buchhaltung des Unternehmens Ballets Russes studiert.

Ich will nicht angeben, schon gar nicht vorab. Aber ich glaube, ich weiß jetzt, wie es gewesen sein könnte. Ich sage bewusst nicht "war". Die Wahrheit werden wir nie herausfinden. Denn es gibt von diesem tragischen Wendepunkt-Sommer weder Film- noch Tonaufnahmen, sondern nur Erinnerungen Dritter, die diese sehr lange nach den Ereignissen zu Papier gebracht haben. Wie unverlässlich die Erinnerung von Zeitzeugen sein kann, ist bekannt. Man muss Aussagen gegeneinander abwägen, mit der bekannten Geschichte vergleichen. Und doch - alles läuft sehr logisch und folgerichtig auf verschiedene Entwicklungen zu.

Ich habe das Glück, keine Wissenschaftlerin zu sein, sondern als Autorin durchaus auch Fiktion bemühen zu dürfen. So schreibe ich im Moment an jenem nie überlieferten Dialog zwischen Nijinsky und Diaghilew. Ursprünglich als reine Fiktion geplant, bin ich nun selbst überrascht, wie die Wirklichkeit mir die besten Konflikte liefert, die verrücktesten Fallstricke einer Liebe zwischen zwei Männern und zur Kunst. Nein, mein Buch "Faszination Nijinsky" muss ich nicht umschreiben deshalb. Und was ich derzeit zu Papier bringe, wird - hoffentlich - live zu erleben sein. Falls dieses völlig verrückte Mammutprojekt zustande kommen sollte, könnte man tatsächlich erwägen, danach ein Essay über die Lösung des großen Rätsels von 1913 zu schreiben. Eigentlich ist es der ganz große Stoff, nach dem sich viele Romanciers sehnen, denn es geht um Leidenschft und Geld.

Freitag, 26. Juli 2013

Sommerfilm: Augenzeugin Marie Rambert

Marie Rambert arbeitete ursprünglich an der damals weithin berühmten Tanzschule von Emile Jaques-Dalcroze in Hellerau bei Dresden, wo man intensiv mit Eurythmie umging. Diaghilew engagierte sie, um Nijinsky bei seiner schwierigsten Choreografie beizustehen: Für Le Sacre von Strawinsky mussten die Tänzer zunächst all die klassischen Tanzschritte vergessen lernen. Marie Rambert tanzte selbst eines der Mädchen in der Aufführung - sie ist also eine der Augenzeuginnen, die besonders intensiv und nah Vaslav Nijinsky erlebt haben. Hier erzählt sie von ihm in seinen unterschiedlichen Rollen:

In einem anderen Video erzählt sie über den Aufruhr bei der Aufführung von Le Sacre, die Szene, die auch in meinem Buch "Faszination Nijinsky" vorkommt: Video 2 anschauen.

Freitag, 31. Mai 2013

Orientalismus im Ballett

Einen sehr guten Artikel über den Orientalismus in den ersten Balletten der Ballets Russes habe ich gefunden, leider etwas ärmlich bebildert. Aber er zeigt sehr deutlich, wie wenig realer Orient im Märchenreich jener Zeit steckte, dafür aber umso mehr Folklore aus südlicheren und östlicheren Regionen des großen russischen Zarenreichs. Vor allem aber erfährt man, wie viele Vorstellungen, die wir uns heute noch vom Orient machen, von den Ballets Russes ins kollektive Gedächtnis gebrannt wurden. Laurel Victoria Gray schreibt: Russian Orientalism and the Ballet Russe.

Wer dagegen gern noch in Bildern schwelgen möchte, wird bei der Library of Congress in Washington fündig. Die hatte nämlich im Jubiläumsjahr der Gründung eine eigene Ausstellung mit Fotomaterial veranstaltet. (Zu den Einzelbildern). Übrigens ist es auch der LOC mit ihren Sammlungen zu verdanken, dass ich mein Buch über Vaslav Nijinsky so reich bebildern konnte - europäische Sammlungen waren leider entweder kaum zu erreichen oder unbezahlbar teuer.

Mittwoch, 29. Mai 2013

Le Sacre - der große Skandal

1913 ist das große Schicksalsjahr für die Ballets Russes - mit der Uraufführung des Ballets Le Sacre du Printemps (Musik: Igor Strawinsky / Choreografie Valav Nijinsky) verursachen sie den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Was damals passiert ist, erzähle ich in diesem etwas älteren Blogbeitrag mit Links zu den Originalkostümen von Nicolas Roerich - und natürlich auch in meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" von Petra van Cronenburg

Festabend 100 Jahre Sacre du printemps

Mehrere hundert Aufführungen gibt es weltweit zum 100jährigen Jubiläum der Aufführung von Le Sacre du Printemps. Wer nicht die Möglichkeit hat(te), an einer der Live-Veranstaltungen teilzunehmen, wird heute abend von ARTE verwöhnt. Das widmet den Abend ganz dem größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts, den die Herren Strawinsky und Nijinsky zu verantworten hatten.
Im Mittelpunkt steht die Fast-Liveübertragung eines ganz besonderen Bonbons: Das Mariinsky-Theater bringt im Pariser Théatre du Chatelet genau die rekonstruierte Choreografie Vaslav Nijinskys in den nachgemachten Kostümen, die damals samt Bühnenbild Nicolas Roerich geschaffen hatte. Das ist auch deshalb besonders, weil genau vor 100 Jahren in genau diesem Theater der Tumult losbrach.

Außerdem schließt sich ein Kreis in der Geschichte - das Mariinsky hat sich mit den Protagonisten der Ballets Russes inzwischen versöhnt. Das war nicht immer so. Vaslav Nijinsky, der dort ausgebildet worden war, ist hochkant aus seiner Tänzeranstellung geflogen, weil er ein angeblich "unziemliches" Kostüm getragen hatte. Und der Impresario der Ballets Russes, Sergej Diaghilew, war in seiner Modernität untragbar geworden. Die Ächtung der beiden hat der Welt einen Segen kosmopolitischen Ausmaßes gebracht: Ohne die Russen wäre das französische Ballett nie revolutioniert worden und als Kunst womöglich sogar untergegangen. Und ohne die Pariser hätten die Russen keinen Auftrittsort gehabt, der ihnen die Freiheit zu kühnen Entwürfen gab.

Heute abend auf ARTE:
20.15-21:45 Uhr eine Dokumentation über das Jahr 1913
21:45-22:20 Uhr die Galavorstellung von Le Sacre in der Choreografie von Nijinsky
22:20-23:35 Uhr eine Dokumentation über die Geschichte des Balletts Le Sacre
23:35 der Spielfim Coco Chanel & Igor Strawinsky

Mehr über Nijinsky und die Ballets Russes im ersten deutschsprachigen Portrait "Faszination Nijinsky" von Petra van Cronenburg.

Dienstag, 12. März 2013

Happy Birthday, Nijinsky!

Im Jahr 1889 sieht die Landkarte anders aus als heute - der wohl berühmteste russische Tänzer aller Zeiten, Vaslav Nijinsky, kommt bei einer Tournee seiner polnischstämmigen Eltern in Kiew zur Welt. Die Mutter Eleonora Bereda und der Vater Tomasz Nieżyński sind beide Tänzer - das Söhnchen hüpft schon in Kleinkinderjahren im Warschauer Teatr Wielki bei den Proben auf der Bühne herum. Sehr eng ist das Verhältnis zu seinen Geschwistern Bronja und Stanislaw - Bronja, die später selbst eine weltberühmte Choreografin werden wird; Stanislaw, dessen tragisches Schicksal den Bruder zeitlebens nicht mehr loslassen wird, das er symbolisch auf der Bühne umsetzt. Ob Vaslav Nijinsky wirklich heute und wirklich 1889 Geburtstag hat, war lange Zeit jedenfalls nicht klar: Zu oft fälschte man seine Papiere, um der Karriere willen, um des Überlebens willen.

Vaslav Nijinsky 1910 als Prinz Albert in "Giselle". Neben tänzerischer Höchstleistung begeisterte er schon in jungen Jahren durch Aussehen und Charisma. Foto: Auguste Bert


Zuerst trickste wohl die Mutter, damit der Sohn nicht zum Militärdienst musste, denn gerade wurde er als Talent am Kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg entdeckt, dem heutigen Mariinsky Theater. Später - die Landkarte änderte sich massiv und das alte Europa mit Russland zerfiel in Trümmer - da war Vaslav Nijinsky ein Opfer seiner Internationalität: Ein polnischstämmiger Russe mit dem Pass eines Staatenlosen, verheiratet mit einer Ungarin und zum falschen Zeitpunkt auf dem Boden Österreich-Ungarns. Kriegsgefangener, zum Glück aufgrund seiner Berühmtheit nur im Haus seiner Schwiegereltern interniert, zum Unglück am Tanzen gehindert. Wieder mussten alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, dem Impresario Sergej Diaghilew gelang es nur mit Hilfe oberster amerikanischer Behörden, den russischen Tänzer für eine Amerikatournee frei zu bekommen. Und dann der letzte Schwindel, wahrscheinlich mit den Papieren eines Toten. Damit Nijinsky, der wieder durch seine Frau zur falschen Zeit am falschen Ort gelandet war, in letzter Minute dank seines polnischen Pflegers vor der Ermordung durch die Nazis gerettet werden konnte. Da galt er schon als "Geisteskranker" und stand auf der Todesliste.

Die extremen Brüche ziehen sich durch sein Leben. In Russland lebt er als junger Eleve in der homosexuellen Glitzerwelt eines reichen Society-Mäzens. Es ist normal, dass sich die jungen Tänzer an Mäzene und Förderer verkaufen, vom mickrigen Honorar können sie und ihre Familien nicht überleben. Aber schon damals geht ein Mann in Nijinskys Familie aus und ein, der das außergewöhnliche Talent des jungen Mannes erkennt und aktiv fördert. Er macht Nijinsky mit den Künsten vertraut, mit der Literatur, schleppt ihn mit in Museen und gibt wahrscheinlich sogar dem Liebhaber-Mäzen Geld, damit dieser sich zurückzieht.

Der sehr viel ältere Sergej Diaghilew und Vaslav Nijinsky werden ein Paar. Unzertrennlich, weil keiner ohne den anderen leben kann, aber auch, weil es Sergej Diaghilews 1908 gegründete Ballets Russes nicht ohne seinen Startänzer gäbe - und der weltberühmte Balletttänzer und Choreograf ohne die Truppe ein Nichts wäre. Die beiden leben ihre Beziehung völlig offen, werden zum berühmtesten schwulen Paar Europas. Im Lieblingshotel der Szene, dem Grandhotel am Lido in Venedig, wo Nijinsky einen eigenen Trainingssaal hat, macht just zu jener Zeit ein deutscher Dichter Urlaub. Thomas Mann schreibt seine legendäre Novelle "Tod in Venedig". Keiner, weder der Dichter noch der Impresario ahnen, dass Sergej Diaghilew wie Aschenbach an genau diesem Ort sterben wird.

Nijinsky im Danse Siamoise des Balletts Les Orientales 1910. Foto: Eugène Druet, aufgenommen im Garten des Malers Jacques-Émile Blanche, der Nijinsky nach den Fotos malte. Die Fotoserie beinhaltet auch das einzige Foto von Nijinsky im Sprung, eines der ersten Bewegungsfotos dieser Art überhaupt.

1913 erscheint wieder einer der unbegreiflichen Brüche. Im Sommer sitzt das Leitungsgremium der Ballets Russes, darunter Sergej Diaghilew und Vaslav Nijinsky, noch incognito im Baden-Badener Hotel Stéphanie Les Bains (dem heutigen Brenners Parkhotel). Scheinbar einvernehmlich besuchen sie Barockschlösser, um Inspirationen für ein neues Bühnenbild zu suchen, sie wollen die neue Saison planen. Die Baden-Badener wissen wohl gar nicht, dass sie es mit Weltberühmtheiten zu tun haben. Im Hotel steht kein Flügel zur Verfügung, erst nach einigem Hin- und her wird ein Piano von irgendwo herbeigeschafft.

Ein Jahr zuvor hat Nijinsky mit seiner ersten Choreografie einen Skandal in Paris verursacht, der bis in höchste politische Kreisen Spuren hinterließ. Da ist er gerade einmal 23 Jahre alt. Debussys "Faun" hat er nicht nur in einer völlig abstrakten Choreografie auf die Bühne gebracht, sondern mit einer Masturbationsszene auf der Bühne beendet. Sein Altersgenosse Charlie Chaplin wird von dem Stück begeistert sein! Kurz vor dem Baden-Badener Aufenthalt dann der zweite, vielleicht noch größere Skandal: Igor Strawinskys "Le Sacre du printemps" wird von Musikern als Lärm und Getöse beschimpft, Nijinskys Choreografie ist ihrer Zeit so weit voraus, dass aus dem Pfeifkonzert eine Prügelei im Publikum wird. Avantgarde prügelt auf Belle Époque und umgekehrt - die Polizei muss eingreifen.

Alles könnte so wunderbar laufen in jenem Schicksalssommer vor hundert Jahren. Aber es gibt Spannungen beruflicher Art. Dann reist Nijinsky ohne seinen Lebenspartner auf eine Tournee nach Südamerika ab. Mit an Bord: ein Society-Girl aus Ungarn, eine verwöhnte junge Frau, die gewohnt ist, zu bekommen, was sie haben will. Seit zwei Jahren verfolgt sie wie ein Groupie Nijinsky auf Schritt und Tritt quer durch Europa, viel hat sie dafür bezahlt, mit an Bord gehen zu können. Ihr einziges Ziel: Auf dieser Schiffsreise, fern von Diaghilew, Nijinsky zu ihrem Mann zu machen und von diesem Genie einmal Kinder zu bekommen. Völlig überstürzt heiraten die beiden bald nach der Ankunft - eine der rätselhaftesten Hochzeiten der Geschichte.

Für Nijinsky ist die Heirat Romolas der Anfang vom Ende. Was nun folgt, ist eine Verkettung von unglücklichen Zufällen, unglücklicher Ehe und dem Festhalten an der Fassade. Krankheitsanzeichen mehren sich. Der Tänzer, der nie Urlaub machte, wirkt vollkommen erschöpft und treibt sich mit letzter Kraft zu Höchstleistungen. Die Ehefrau interessiert sich eher für Geld und Ruhm als für Kunst. 1919 bricht Nijinsky endgültig zusammen. Diagnose: Schizophrenie, die Krankheit wurde in jener Zeit überhaupt erst entdeckt. Heute, nach Lage der Krankenakten, kommen ganz andere Dinge zutage.

Romola hat ein Verhältnis mit Nijinskys Arzt und beide mischen ihm das süchtig machende Chlorhydrat ins Essen. Der von ihm angeblich getanzte "Wahnsinn" hat völlig reale Hintergründe, war Jahre zuvor von ihm und Diaghilew so angedacht gewesen. War Nijinsky manisch-depressiv? Würde er heute wegen eines Burnout-Syndroms behandelt werden? Damals gab es kein Zurück. Der Erste Weltkrieg, der Verlust des Tanzens, die familiären Probleme ... zuerst versucht sich der Bewegungssüchtige in die Malerei zu retten, schließlich ins Schreiben. Seine weltberühmten Tagebücher sind das letzte, was Vaslav Nijinsky vor seiner völligen Umnachtung 1919 hinterließ. Gelebt hat er bis 1950. Die Jahre des großen Tanzmythos bis dahin erscheinen wie eine große griechische Tragödie.

Lesetipp:
Petra van Cronenburg: Vaslav Nijinsky. Annäherung an einen Mythos (Seite mit großer Leseprobe)
Rezension des Buchs bei Tanznetz
Das Buch kann in der Buchhandlung Strass in Baden-Baden auch signiert vorbestellt werden.

Donnerstag, 14. Februar 2013

Der Mann mit dem langen Atem

Gestern hätte der berühmteste Bass-Sänger des 20. Jahrhunderts seinen 140sten Geburtstag gefeiert: Fjodor Schaljapin. Fans der Ballets Russes kennen ihn durch zwei Ereignisse.

Schaljapin am Klavier 1922, Foto: Arnold Genthe
Mit ihm fing alles an. Sergej Diaghilew wollte in Paris zunächst gar kein Ballett inszenieren, sondern Opern. Für die Premiere im Jahr 1908 hatte er, bereits damals äußerst geschäftstüchtig, den Weltstar Fjodor Schaljapin in der Hauptrolle engagiert. Zur Aufführung kam die Oper Boris Godunov - fortan die Paraderolle Schaljapins. Weniger bekannt ist dagegen eine recht einseitige Romanze: Eine junge Balletttänzerin hatte sich unsterblich in den viel älteren Schaljapin verliebt und schrieb später in ihren Memoiren ganz rührend darüber. Die verliebte junge Frau wurde später gefeierte Choreografin bei den Ballets Russes - es handelte sich um niemand anderen als Vaslav Nijinskys Schwester Bronja.
Fjodor Schaljapin wird auch in einem später erscheinenden Buchprojekt von mir eine Rolle spielen. Er besuchte nämlich wie so viele Berühmtheiten Baden-Baden. Und von diesem Aufenthalt hat mir jemand eine wunderbare Anekdote anvertraut, die bisher nie veröffentlicht wurde.

Weiterer Lesestoff zum Sänger:
Kurzbiografie mit Original-Filmaufnahme
Artikel von mir über die Oper Boris Godunov mit Plattentipp und Original-Tonaufnahme

Was hat "Der Name der Rose" mit Schaljapin zu tun?

 

Mittwoch, 23. Januar 2013

1913 - das Schicksalsjahr

Für die Ballets Russes ist 1913 das Schicksalsjahr: Sie feiern in Sachen PR ihren weltweiten, ganz großen Durchbruch - und sie verlieren vorerst ihren Weltstar und Choreografen Vaslav Nijinsky. Dabei kann keiner ohne den anderen existieren: Nijinsky braucht den Tourneebetrieb, um tanzen zu können, Diaghilew ist auf sein Aushängeschild angewiesen, denn den großen Nijinsky ersetzt so schnell niemand.

Es ist ein Jahr der intensiven, widersprüchlichen Emotionen, auch im Alltag der Menschen. Seit Januar gibt es zwischen den Staaten des Balkans und dem Osmanischen Reich immer wieder kriegerische Handlungen. Den ersten und zweiten Balkankrieg nehmen viele Menschen in Europa kaum ernst, wohl die wenigsten ahnen, das bald der große Weltenbrand daraus werden würde, der die vertraute Welt völlig in den Abgrund reißen wird. Aber schon ist sichtbar, was kommen wird: die westlichen Staaten und Russland versuchen, bei den Friedensverträgen zu vermitteln, eigentlich jeder ist betroffen.

Es ist ein Jahr der Superlative - in einer Welt, die sich ins brandneue Atommodell von Nils Bohr zerlegen lässt und von Elektrizität, Flugzeugen und Schiffen beschleunigt wird. In New York weiht man den größten Bahnhof der Welt ein, den Grand Central Terminal. Die Russen schaffen das erste Looping der Welt und fliegen das erste Großflugzeug - fast zeitgleich geht das größte Passagierschiff der Welt vom Stapel.

Sergej Diaghilew weiß die Zeichen der Zeit zu deuten. Er hat es mit seiner Truppe geschafft, russische Tanzkunst, russische Avantgardekunst und Wirkungen auf die Alltagswelt in Paris zu etablieren, aber Europa wird ihm zu eng. Sein riesiger Tourneebetrieb wäre gut beraten, im Zeitalter der gigantischen Verkehrsmittel den Sprung über den Ozean zu wagen! Aber noch hat er mit den Konflikten in Europa zu tun. Es ist nicht sicher, ob ihm Vaslav Nijinsky und Igor Strawinsky nicht einen Bärendienst geleistet haben.

Die Uraufführung von Strawinskys Le Sacre du Printemps, das die Deutschen "Das Frühlingsopfer" nennen werden, ist im Mai im Élysées-Theater komplett entgleist. Noch steht das zahlungskräftige Publikum auf die üppig-edle Mode der Belle Époque und will gefällige Spitzenleistungen fürs Geld. Als auf der Bühne die ersten Wilden in ethnischen Kostümen wie aus einer Steinzeit auftauchen, die Beine völlig verdreht; als sie zu stampfen und zu kreisen beginnen, bricht der Sturm im Publikum los. Buhrufe, Schreie, Pfeifkonzerte. Jemand ruft nach einem Arzt für die armen Tänzer mit den verdrehten Gliedmaßen.

 
Es kommt zur Gegenwehr. Sergej Diaghilew hat seine Claqueure im Publikum verteilt. Die Avantgarde-Künstler und Intellektuellen sind begeistert! Endlich ist Schluss mit dem parfümierten Mief des letzten Jahrhunderts, endlich bricht der Ton der neuen Zeit an! Igor Strawinsky hat in seiner Musik nicht nur folkloristische Klänge aufgenommen. Er zitiert die Rhythmen von Maschinen, das Tuten wie von Ozeandampfern, die ganze begeisterte Aufgeregtheit der neuen Zeit, die Gefahr läuft, sich wie die Jungfrau auf der Bühne totzutanzen. Die Begeisterung überträgt sich zwischen den Reihen, bricht sich frei: Gegner und Fans fangen an, sich im Saal zu prügeln!


Hinter der Bühne steht Nijinsky auf einem Stuhl und schreit, so laut er kann. Er zählt die Takte, denn die Tänzer können die schwierige Musik im Lärm des Publikums kaum noch ausmachen. Er stachelt sie an, sie müssen durchhalten, koste es, was es wolle. Diaghilew rennt zum Beleuchter, immer wieder wird im Saal das Licht an- und ausgeschaltet, aber das Publikum rast gnadenlos weiter. Man muss die Polizei holen. Der Abend hat ernsthafte Folgen: Die Schlammschlacht gegen Strawinsky als Komponisten und Nijinsky als Choreografen geht im Feuilleton weiter, wird sogar zum Politikum. Diplomaten müssen sich einschalten - die Beziehungen zwischen Frankreich und Russland sollen nicht geschädigt werden. Die Uraufführung geht als größter Theaterskandal des 20. Jahrhunderts in die Geschichte ein. Dabei bleibt Sergej Diaghilew mit seinen Ballets Russes der Sieger. Hat er nicht insgeheim auch diesmal auf einen Skandal gehofft? Seine PR-Maschinerie brummt, er nutzt das Gerede, nutzt die verfeindeten Zeitungen und schafft den Sprung in die Weltpresse. Kein Land auf dieser Erde soll mehr unwissend sein, was die Ballets Russes betrifft! Der Mythos Nijinsky rast um die Welt, in Amerika wird das Interesse geweckt.


Aber ausgerechnet in diesem glorreichen Jahr passiert auch das absolut Unfassbare. Vaslav Nijinsky, der mit seinem Lebenspartner Sergej Diaghilew das wohl berühmteste schwule Paar in den europäischen Grandhotels darstellt, heiratet nach der Schiffsüberfahrt für eine Südamerikatournee Hals über Kopf eine Frau! Das ungarische Society Girl ist das, was man später ein Groupie nennen wird. Zwei Jahre hat sie dem Weltstar intensivst nachgestellt. Sie will ihn besitzen. Nijinskys Beweggründe und Verhalten versteht niemand mehr - weder die Kollegen noch die Freunde, auch nicht spätere Wissenschaftler. Was hat ihn zu diesem Schritt veranlasst? Und was hat ihn dazu veranlasst, dem auf der Tournee abwesenden Geliebten die Katastrophe nur kurz per Telegramm mitzuteilen? Diaghilew ist gefühlsmäßig am Ende. Er entlässt Nijinsky fristlos - ebenso per Telegramm, bevor er sich in Depression und ausschweifenden Partys betäubt. Was wird nun aus den Ballets Russes werden? Was wird aus Nijinsky an der Seite einer Frau werden, deren Sprache er scheinbar nicht einmal versteht?

Zwischen beiden einschneidenden Ereignissen trafen sich die Russen noch einmal vereint inkognito in einem Grandhotel einer Stadt, in die Diaghilew nicht nur einmal reist. Das Leitungskommitee der Ballets Russes steigt in Baden-Baden ab, um fern von der Presse und Öffentlichkeit die neue Saison zu planen. Es ist eine Leerstelle auch in der Forschung. Niemand weiß so richtig, was besprochen wird, wie das Verhältnis des Paares ist. Doch das Ballett, das man in Baden-Baden plant, das Umfeld für die Bühnenbauten und Kostüme sprechen Bände. Da passiert etwas Schicksalhaftes in jenen Hotelzimmern im Jahr 1913 ...

Die ganze tragische und doch faszinierende Geschichte Vaslav Nijinskys erzähle ich in: "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" (Seite mit "Live"-Leseprobe), einem Buch mit zahlreichen historischen Fotos. Es ist überall im Buchhandel gedruckt zu haben und als E-Book vorerst bei Amazon (epub geplant). Shops mit Direktlink finden sich hier.
Da die Fotos urheberrechtlich geschützt sind, gibt es sie nur als Servicelink zum Museum, sie öffnen in eigenem Tab.
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