Mittwoch, 23. Januar 2013

1913 - das Schicksalsjahr

Für die Ballets Russes ist 1913 das Schicksalsjahr: Sie feiern in Sachen PR ihren weltweiten, ganz großen Durchbruch - und sie verlieren vorerst ihren Weltstar und Choreografen Vaslav Nijinsky. Dabei kann keiner ohne den anderen existieren: Nijinsky braucht den Tourneebetrieb, um tanzen zu können, Diaghilew ist auf sein Aushängeschild angewiesen, denn den großen Nijinsky ersetzt so schnell niemand.

Es ist ein Jahr der intensiven, widersprüchlichen Emotionen, auch im Alltag der Menschen. Seit Januar gibt es zwischen den Staaten des Balkans und dem Osmanischen Reich immer wieder kriegerische Handlungen. Den ersten und zweiten Balkankrieg nehmen viele Menschen in Europa kaum ernst, wohl die wenigsten ahnen, das bald der große Weltenbrand daraus werden würde, der die vertraute Welt völlig in den Abgrund reißen wird. Aber schon ist sichtbar, was kommen wird: die westlichen Staaten und Russland versuchen, bei den Friedensverträgen zu vermitteln, eigentlich jeder ist betroffen.

Es ist ein Jahr der Superlative - in einer Welt, die sich ins brandneue Atommodell von Nils Bohr zerlegen lässt und von Elektrizität, Flugzeugen und Schiffen beschleunigt wird. In New York weiht man den größten Bahnhof der Welt ein, den Grand Central Terminal. Die Russen schaffen das erste Looping der Welt und fliegen das erste Großflugzeug - fast zeitgleich geht das größte Passagierschiff der Welt vom Stapel.

Sergej Diaghilew weiß die Zeichen der Zeit zu deuten. Er hat es mit seiner Truppe geschafft, russische Tanzkunst, russische Avantgardekunst und Wirkungen auf die Alltagswelt in Paris zu etablieren, aber Europa wird ihm zu eng. Sein riesiger Tourneebetrieb wäre gut beraten, im Zeitalter der gigantischen Verkehrsmittel den Sprung über den Ozean zu wagen! Aber noch hat er mit den Konflikten in Europa zu tun. Es ist nicht sicher, ob ihm Vaslav Nijinsky und Igor Strawinsky nicht einen Bärendienst geleistet haben.

Die Uraufführung von Strawinskys Le Sacre du Printemps, das die Deutschen "Das Frühlingsopfer" nennen werden, ist im Mai im Élysées-Theater komplett entgleist. Noch steht das zahlungskräftige Publikum auf die üppig-edle Mode der Belle Époque und will gefällige Spitzenleistungen fürs Geld. Als auf der Bühne die ersten Wilden in ethnischen Kostümen wie aus einer Steinzeit auftauchen, die Beine völlig verdreht; als sie zu stampfen und zu kreisen beginnen, bricht der Sturm im Publikum los. Buhrufe, Schreie, Pfeifkonzerte. Jemand ruft nach einem Arzt für die armen Tänzer mit den verdrehten Gliedmaßen.

 
Es kommt zur Gegenwehr. Sergej Diaghilew hat seine Claqueure im Publikum verteilt. Die Avantgarde-Künstler und Intellektuellen sind begeistert! Endlich ist Schluss mit dem parfümierten Mief des letzten Jahrhunderts, endlich bricht der Ton der neuen Zeit an! Igor Strawinsky hat in seiner Musik nicht nur folkloristische Klänge aufgenommen. Er zitiert die Rhythmen von Maschinen, das Tuten wie von Ozeandampfern, die ganze begeisterte Aufgeregtheit der neuen Zeit, die Gefahr läuft, sich wie die Jungfrau auf der Bühne totzutanzen. Die Begeisterung überträgt sich zwischen den Reihen, bricht sich frei: Gegner und Fans fangen an, sich im Saal zu prügeln!


Hinter der Bühne steht Nijinsky auf einem Stuhl und schreit, so laut er kann. Er zählt die Takte, denn die Tänzer können die schwierige Musik im Lärm des Publikums kaum noch ausmachen. Er stachelt sie an, sie müssen durchhalten, koste es, was es wolle. Diaghilew rennt zum Beleuchter, immer wieder wird im Saal das Licht an- und ausgeschaltet, aber das Publikum rast gnadenlos weiter. Man muss die Polizei holen. Der Abend hat ernsthafte Folgen: Die Schlammschlacht gegen Strawinsky als Komponisten und Nijinsky als Choreografen geht im Feuilleton weiter, wird sogar zum Politikum. Diplomaten müssen sich einschalten - die Beziehungen zwischen Frankreich und Russland sollen nicht geschädigt werden. Die Uraufführung geht als größter Theaterskandal des 20. Jahrhunderts in die Geschichte ein. Dabei bleibt Sergej Diaghilew mit seinen Ballets Russes der Sieger. Hat er nicht insgeheim auch diesmal auf einen Skandal gehofft? Seine PR-Maschinerie brummt, er nutzt das Gerede, nutzt die verfeindeten Zeitungen und schafft den Sprung in die Weltpresse. Kein Land auf dieser Erde soll mehr unwissend sein, was die Ballets Russes betrifft! Der Mythos Nijinsky rast um die Welt, in Amerika wird das Interesse geweckt.


Aber ausgerechnet in diesem glorreichen Jahr passiert auch das absolut Unfassbare. Vaslav Nijinsky, der mit seinem Lebenspartner Sergej Diaghilew das wohl berühmteste schwule Paar in den europäischen Grandhotels darstellt, heiratet nach der Schiffsüberfahrt für eine Südamerikatournee Hals über Kopf eine Frau! Das ungarische Society Girl ist das, was man später ein Groupie nennen wird. Zwei Jahre hat sie dem Weltstar intensivst nachgestellt. Sie will ihn besitzen. Nijinskys Beweggründe und Verhalten versteht niemand mehr - weder die Kollegen noch die Freunde, auch nicht spätere Wissenschaftler. Was hat ihn zu diesem Schritt veranlasst? Und was hat ihn dazu veranlasst, dem auf der Tournee abwesenden Geliebten die Katastrophe nur kurz per Telegramm mitzuteilen? Diaghilew ist gefühlsmäßig am Ende. Er entlässt Nijinsky fristlos - ebenso per Telegramm, bevor er sich in Depression und ausschweifenden Partys betäubt. Was wird nun aus den Ballets Russes werden? Was wird aus Nijinsky an der Seite einer Frau werden, deren Sprache er scheinbar nicht einmal versteht?

Zwischen beiden einschneidenden Ereignissen trafen sich die Russen noch einmal vereint inkognito in einem Grandhotel einer Stadt, in die Diaghilew nicht nur einmal reist. Das Leitungskommitee der Ballets Russes steigt in Baden-Baden ab, um fern von der Presse und Öffentlichkeit die neue Saison zu planen. Es ist eine Leerstelle auch in der Forschung. Niemand weiß so richtig, was besprochen wird, wie das Verhältnis des Paares ist. Doch das Ballett, das man in Baden-Baden plant, das Umfeld für die Bühnenbauten und Kostüme sprechen Bände. Da passiert etwas Schicksalhaftes in jenen Hotelzimmern im Jahr 1913 ...

Die ganze tragische und doch faszinierende Geschichte Vaslav Nijinskys erzähle ich in: "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" (Seite mit "Live"-Leseprobe), einem Buch mit zahlreichen historischen Fotos. Es ist überall im Buchhandel gedruckt zu haben und als E-Book vorerst bei Amazon (epub geplant). Shops mit Direktlink finden sich hier.
Da die Fotos urheberrechtlich geschützt sind, gibt es sie nur als Servicelink zum Museum, sie öffnen in eigenem Tab.
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