Montag, 11. November 2013

Jener schicksalshafte Totentanz

Seltsames Publikum strömt in den Ballsaal. Die meisten haben sich eben noch beim Sport vergnügt oder sich die Zeit an der Hotelbar vertrieben ... sie sind vergnügungssüchtig, ballern sich zu. Es hat lange keine Vergnügungen mehr gegeben. Die anderen tragen die Nase hoch und eine schwere Geldbörse unterm Smoking: Man hat es und man zeigt es. Schließlich ist man nicht irgendwo, sondern in Sankt Moritz. Schließlich kann man sich den Urlaub im Schneeparadies leisten und endlich alles, alles vergessen. Im November des vergangenen Jahres feierte man erst den Waffenstillstand. Es ist noch nicht lange her, da versank die blühende kosmopolitische Kultur eines Europas, das von Paris bis Petersburg reichte, in Barbarei, in nationalen Hass und schließlich in Schutt und Asche. Die anfängliche Begeisterung für Fortschritt, Bewegungen und Maschinen kippte schon vor Jahren um in tiefes Leid. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hat man seine Mitmenschen auf eine industrielle, maschinelle Weise abgeschlachtet. All die 200 Gäste, die sich im Ballsaal eines St. Moritzer Hotels versammeln, wollen endlich den Ersten Weltkrieg vergessen, wollen feiern und Seelenbalsam genießen, dürsten nach Unterhaltung.

Nijinsky als Sklave in "Le Roi Candaule", 1906, unbekannter Fotograf
Die Pianistin hat all die schönen und harmonischen Standards aus der Friedenszeit vor dem Krieg geprobt. Aber das Publikum tuschelt. Derjenige, den sie erwarten, soll einmal der berühmteste Star der Welt gewesen sein. Nun ja, gleichzeitig mit dem Amerikaner Charlie Chaplin, den er ausgerechnet mitten im Krieg in den USA kennengelernt hat. Chaplin wird seinen Altersgenossen nie mehr vergessen, wird in seinen eigenen Bildern von ihm geprägt. Aber die Menschen im Ballsaal haben vergessen, was der Weltstar hat aushalten müssen, weil er den falschen Pass zur falschen Zeit hatte, ins falsche Land obendrein geraten. Die meisten wissen gar nicht, was er hat durchmachen müssen. Da war jene geheimnisvolle plötzliche Heirat des bisher berühmtesten Schwulen Europas mit einer Frau ... eine Ehe, die schon gleich eigentlich keine mehr war und aus der es kein Ausbrechen mehr geben sollte. Dazu das viele Leid auf den Bahnhöfen während der Tourneen, als die Ballets Russes trotzdem und immer wieder das Reisen wagten. Dann haben sie ihm die Bewegungsfreiheit genommen. Kriegsgefangenschaft. Gemalt hat er, um sich bewegen zu können. Der berühmte Nijinsky ist nun frei. Er soll inzwischen aus Platzmangel auf dem Balkon seiner Villa proben.

Komisch soll er geworden sein, raunt es durchs Publikum. Ob er vielleicht verrückt ist? Typisch Künstler, sagen die einen. Einfach überarbeitet, ausgebrannt, vermuten die Mitfühlenderen. Aber seine Frau, die auch zugegen ist, macht kaum einen Hehl daraus, dass sie eigentlich gegen die Veranstaltung ist, dass sie ihren Mann in der Tat für verrückt hält. Einen Quacksalber in Sachen Psyche hat sie geholt, einen Sportarzt. "Leichte Hysterie" ist zunächst die Diagnose. Der Künstler, der zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf einer Bühne stehen darf und der viel vorhat mit seinem Solo, soll schlaflos und erregt sein, seine Familie mit Wutausbrüchen erschreckt haben, weil diese die Hektik nicht verstehen kann. Und ist es nicht absolut verrückt, dass einer wie ein Besessener an einer Choreografie arbeitet, während alle anderen dem Après-Ski fröhnen? Ist einer noch normal, der im Ort Farben kauft und Bahnen von Stoff, so viel Stoff! Was hat er nur vor?

Den schönen Prinzen soll er doch geben, seine berühmten göttlichen Sprünge zeigen zu freundlicher Musik. Gewiss, ein wenig kürzer muss er hier schon treten, das Ferienhotel ist schließlich nicht die Pariser Oper! Man trinkt noch einen und noch einen, man schwatzt und träumt von jenen prächtigen Kostümen vor dem Krieg, sicher hat er dafür all den Stoff gebraucht. Seine Frau Romola weist die Pianistin an, Chopin zu spielen, sie will ihren Mann elfenhaft tanzen sehen in seiner alten Rolle aus "Les Sylphides". Man macht sich bereit, in den guten alten Zeiten zu schwelgen.

Und plötzlich der offene Affront. Der Tänzer, absolut nicht im Kostüm, verlangt, was er von den großen Bühnen gewohnt ist: Absolute Stille und Ungestörtheit auch während der Vorbereitungen. Keine Musik und schon gar nicht diese! Seine Frau verlässt gekränkt den Saal, manche überlegen, an die Bar zurückzukehren.

"Dies ist meine Hochzeit mit Gott", sagt Nijinsky nur. Kein Chopin, kein elfenhafter Prinz. Das kann er nach den Kriegsjahren, die ihn und so viele andere fast zerstört haben, nicht mehr. Nicht so kurze Zeit nach dem Kriegsende, 1919. Er will die Agonie tanzen, jenen Tanz auf dem Vulkan, der im Verlust der Menschlichkeit gründete. Er will die eigene Agonie als Künstler auf jene improvisierte Bühne bringen, auf der er so gottverlassen und isoliert gelandet ist, eingesperrt von den Schneebergen, den Gernegroß-Gästen.

Was dann kommt, versteht niemand mehr. Es ist so unerhört. Dieser Mann setzt sich auf einen Stuhl, fixiert die Zuschauer ... und bewegt keinen Muskel! Aber ein Tänzer muss doch tanzen, sich drehen, springen ... Nijinsky sitzt und schweigt und starrt. Es ist, als wolle er die Energie eines jeden einzelnen erspüren. Sein altes Publikum existiert nicht mehr. Das hätte begriffen, dass er zeitlebens seine Choreografien aus der Stille entwickelte, aus der Horizontalen der Erde. Dieses Publikum jedoch will Spaß. Und da steht dieser Verrückte irgendwann auf, packt seine Stoffballen und wirft sie durch den Saal. Schwarzer und weißer Samt bilden auf dem Boden ein riesiges Kreuz. Dahinter steht der Tänzer und wird in seinen sparsamen Bewegungen selbst zum Kreuz, wandelt sich hinein in die Figur eines Gekreuzigten. Er muss vollkommen übergeschnappt sein, denn er tanzt nicht nur, er spricht!

"Jetzt werde ich euch den Krieg tanzen, mit seinem Leid, seiner Zerstörung, seinem Tod. Den Krieg, den ihr nicht verhindert habt, für den ihr also mitverantwortlich seid!" So soll er gesprochen haben. So hat noch nie jemand mit seinem Publikum gesprochen!

Und was er dann tanzte, das muss nicht nur in jenen Elementen seiner Zeit weit voraus gewesen sein und unserem modernen Tanz geähnelt haben. Es muss trotz aller Provokation und des Schocks grandios gewesen sein. Es gibt keinerlei objektive Augenzeugenberichte, aber selbst seine Frau, die ihn da schon für komplett verrückt hielt, musste zugeben, dass er brillant war, mit monumentalen Gesten. Seine "Hochzeit mit Gott" katapultiert ihn wohl in jenes mystische Erleben des Einsseins, das schon im Mittelalter als "unio mystica" beschrieben wird. Seine Tagebücher, die er in jenem Jahr schreibt, sind voll von diesem Erleben. Und das überträgt sich auf das Publikum. Es herrscht diese absolute Stille, die er anfangs fast vergeblich verlangte. Sie hängen an ihm wie die Marionetten, er hat sie in seiner Hand, selbst die Vergnügungsüchtigsten. Jener geheimnisvolle Funke des Theaters ist übergesprungen! Sie belohnen ihn mit donnerndem Applaus.

Es ist sein letzter Tanz. Es ist sein letzter Tanz in Freiheit. Noch im gleichen Jahr wird ihn seine Schwiegerfamilie durch einen äußerst brutalen Polizeieinsatz in die Psychiatrie zwangeinweisen lassen. Vaslav Nijinsky hat sich als Choreograf selbst übertroffen und sich in einen Strudel hineingetanzt, aus dem es kein Entrinnen mehr für ihn gibt ... Und der ihm doch auch vielleicht jenen Ruhepunkt schuf, nach dem seine Seele in dieser verrückt gewordenen Welt so dürstete.

(c) Petra van Cronenburg

Anmerkung: Dieser Text stammt nicht aus meinem Buch, sondern ist frei erzählt, so, wie ich mir aufgrund der Recherchen jenen Abend vorstelle. Aber das Ereignis und die Zeit vorher und danach kommen natürlich auch im Buch vor: "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos". Als Hardcover überall im Buchhandel, als E-Book derzeit bei Amazon (kindle) und bald auch in anderen Shops (epub). Für mehr Infos Link anklicken.
Fans können sich vormerken, dass ich zum 125sten Geburtstag Vaslav Nijinskys eine Veranstaltung in Baden-Baden vorbereite, jenem Ort, wo er sich in seinem Schicksalsjahr incognito aufgehalten hat. Ich informiere rechtzeitig darüber.

Samstag, 2. November 2013

Tanznetz über "Faszination Nijinsky"

Die Zeitschrift Tanznetz hat ihre Seiten umstrukturiert. Deshalb hier noch einmal der aktualisierte Link der Kritik von "Faszination Nijinsky" mit Innenfotos der Druckfahnen des Buchs (leider farbverändert durch die Kamera).




Annette Bopp schreibt über "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" bei tanznetz.de:
"Das Besondere an diesem Buch ist, wie Petra van Cronenburg sowohl die künstlerische wie die menschliche Seite Nijinskys nahebringt, auf ganz unprätentiöse, einfühlsame Art, vor allem aber immer darauf bedacht, der vielschichtigen Persönlichkeit Nijinskys im Rahmen seiner Zeit gerecht zu werden. Da ist viel Neugier spürbar, aber auch großer Respekt, Zuneigung und Zurückhaltung, Bewunderung und Skepsis. Auf diese Weise holt sie auch diejenigen unter ihren Lesern ab, die mit Nijinsky bisher vielleicht nicht so viel anfangen konnten. Sie macht ihn und sein Leben, seine Kunst, verstehbar, nachvollziehbar." 
Hier die gesamte Rezension lesen. 

Alle Infos zum Buch inklusive ausführlicher Leseprobe
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