Donnerstag, 24. April 2014

Nijinsky - Premiere in Baden-Baden

Als ich in den frühen 1980ern in Brenner's Parkhotel als Hilfszimmermädchen jobbte, hätte ich mir nicht im Traum ausgemalt, dass meine Erfahrungen so viele Jahre später in meinem Leben wieder eine Rolle spielen könnten. In einem Stück über Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew im Schicksalsjahr 1913, das am 27. Mai in Baden-Baden als szenische Lesung gegeben wird: Jeux - russische Spiele in Baden-Baden, von Petra van Cronenburg.

Jeux - russische Spiele in Baden-Baden am 27. Mai im "Gartenhaus"

Ich wurde von der Veranstalterin gebeten, vorher kurz eine Einführung in die Materie zu geben. Es könnte ja sein, dass die beiden Giganten der Ballets Russes beim heutigen Publikum nicht mehr bekannt seien. Und was sie wohl im Hotel Stéphanie-les-Bains suchten, dem heutigen Brenners Parkhotel?
Ich wollte jedoch bei einem Stück mit zwei Schauspielern nicht die Atmosphäre zerstören durch trockenes Vortragen. Also habe ich zu einem Trick gegriffen: Ein Zimmermädchen von damals erinnert sich in einer Radiosendung. Die kann viel deftigere Details erzählen als die seriöse Autorin. Und prompt war eine Szene entstanden, wo das arme Mädel tagelang nur Messingeländer polieren musste. Ich durfte das damals für die englische Prinzessin Anne tun und kann mich heute endlich an dieser Maloche intellektuell "rächen", indem ich die Prinzessin durch Sergej Diaghilew ersetze, den Sauberkeitsfanatiker!

Nein, den Abend sollen die beiden Männer bestreiten ... und streiten werden sie durchaus auch. Es kriselt an allen Ecken und Enden zwischen den Giganten der Ballettwelt!

Zwei ganz wunderbare Schauspieler habe ich dafür bekommen, die nicht nur vom Alter her und selbst vom Aussehen her auf die Rollen passen. Sebastian Mirow, der den Diaghilew lesen wird, brauche ich Baden-Badenern nicht mehr vorzustellen, der "Superstar" der Stadt ist zu sehen im Faust, im Großen Gatsby, in Dantons Tod, Floh im Ohr oder Maria Stuart.

Sergej Diaghilew wird gesprochen von Sebastian Mirow

Daniel Arthur Fischer spielt derzeit auch Goethes Werther - allein das rückt ihn in die Nähe des sensiblen Vaslav Nijinsky. Zu sehen ist er auch in Stefan Zweigs "Vierundzwanzig Stunden einer Frau" und im "Politischen Salon".

Vaslav Nijinsky wird gesprochen von Daniel Arthur Fischer

Der Vorverkauf läuft auf Hochtouren, Reservierung für den Abend empfiehlt sich. Diese Reservierung muss direkt bei der Stadtbibliothek erfolgen! (Ein Klick bei FB allein genügt nicht).

Die Fotos zeigen Flyer und Programmheft des Theaters Baden-Baden, die in der Stadt überall ausliegen, aber auch direkt bestellt werden können. Der feine Theaterfotograf ist übrigens Jochen Klenk.

Montag, 21. April 2014

Gänsehaut durch Sir Simon Rattle

Ich glaube, ich hörte kaum ein Stück des 20. Jahrhunderts so intensiv wie Strawinskys "Le Sacre". Begleitend zum Projekt "Faszination Nijinsky" habe ich es immer wieder gehört, habe mir jeden nur erreichbaren Film dazu angesehen und auch die Rekonstruktion der Choreografie. Die meist gehörte Version war dabei nichts Weltberühmtes: das ORF-Sinfonieorchester unter der Leitung von Milan Horvath 1992 (Stück bei Spotify anhören / Nachruf Horvath). Es gab aber auch Fassungen, bei denen mir die Zähne zogen und Strawinsky womöglich gestöhnt hätte. Kann man bei einem solch extremen Musikkonsum denn noch Genuss empfinden?

Ja, man kann. Je besser man in ein klassisches Stück "hineinschauen" kann, je mehr man versteht, wie es "funktioniert", desto größer wird das Staunen: "Le Sacre" ist für mich eine der größten Kompositionen des 20. Jahrhunderts - im Jahr 1913 seiner Zeit weit voraus, 2014 immer noch nicht gealtert.

Gestern gab es live bei den Osterfestspielen in Baden-Baden eine Fassung, die auch mir alten Dauerhörerin Gänsehaut vom Kopf bis zu den Zehenspitzen bescherte. Als Sir Simon Rattle die Berliner Symphoniker dirigierte, sah ich förmlich Vaslav Nijinsky hinter der Bühne laut durchzählen, damit die Tänzer gegen die Schreie des Publikums weitertanzen konnten. Ich sah das Ballett vor meinem geistigen Auge, ich sah aber auch, woher die wunderbaren Klangfarben kommen, die Strawinsky mit seiner damals extrem schrägen Orchesterzusammensetzung erreichte. Genuss vom Feinsten - könnte meine Lieblingsfassung werden (gibt es in einer Version von 2012 auch auf CD).

Dienstag, 11. Februar 2014

Nachruf auf Nijinsky 1950

Eigentlich wird in diesem Jahr der 125. Geburtstag von Vaslav Nijinsky gefeiert. Unter den Fundstücken, die ich dazu in diesem Blog regelmäßig präsentieren möchte, soll aber auch ein Nachruf nicht fehlen. Der englische Guardian brachte ihn am 10. April 1950 - Vaslav Nijinsky starb in England.

Interessant dabei ist nicht so sehr, dass auch zu jener Zeit seine Berühmtheit keineswegs vergessen war: "No male dancer in perhaps any age has had greater fame or a more tragic ending to his career." Vielmehr gab es offensichtlich damals bei den Journalisten Wissenslücken, wie sie zu mancher Mythenbildung geführt haben mögen.

Im Guardian heißt es über Nijinskys Zeit im Ersten Weltkrieg, der Tänzer sei in einem österreichischen Kriegsgefangenenlager interniert gewesen und nur dank Diaghilew gerettet worden: "However, when Nijinsky was interned in an Austrian prison camp after the outbreak of war in 1914 it was Diaghileff who gained his release." Dass Diaghilew trotz ihrer zerrütteten Beziehung im Hintergrund die Fäden spann, um Nijinsky in die USA ausreisen zu lassen, ist richtig. Das ist ihm auch mithilfe politischer und diplomatischer Beziehungen fast im letzten Augenblick gelungen. Für Nijinskys Zustand womöglich zu spät. Falsch ist jedoch der Aufenthaltsort. Die Wahrheit, die wir heute kennen, ist noch viel tragischer. Vaslav Nijinsky geriet mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht nur wegen seines Passes zwischen die Fronten. Reichlich unfähig zu praktischen Lebensentscheidungen folgte er seiner ungarischen Frau in deren Heimat, weil Romola glaubte, in Ungarn sei der Russe sicher. Sie irrte sich angesichts der Weltlage.

Verblendung, die von der Geschichte bestraft wurde. Und dabei hatte Nijinsky noch "Glück". Man internierte ihn, als Zugeständnis an seine Berühmtheit, im Haus der Schwiegereltern: Hausarrest! Und hier begann das große Drama, das in einem echten Gefangenenlager so nie hätte stattfinden können: Die Ehefrau, die er damals schon ablehnt, im Dauerstreit mit ihrer eigenen Mutter, die Ablehnung von Nijinskys Sehnsüchten und Wünschen, das ständige Eingesperrtsein im Turmzimmer, ohne Tanz, ohne Bühnenbekanntschaften, einsam in einem Land, dessen Sprache er weder versteht noch sprechen kann! Zunächst versucht der Tänzer, in der Vaterrolle für die kleine Kyra aufzugehen, aber das Fehlen der Kunst und der Bühnenleute lässt sich nicht unterdrücken. Er greift, um nicht verrückt zu werden an diesem Gefängnis, zum einzigen Bewegungswerkzeug, das ihm bleibt: Er beginnt zu malen.

Sonntag, 9. Februar 2014

Pariser Chic à la Ballets Russes

Spätestens seit dem Spielfilm "Coco Chanel & Igor Stravinsky" ist auch einem breiteren Publikum bekannt, dass die Bühnenkostüme der Ballets Russes nicht nur von berühmten ModerschöpferInnen und Kostümbildnern geschaffen wurden, sondern diese sich durchaus von der Bühne inspirieren ließen. Ich habe in meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" (Hardcover / Kindle-Ausgabe) über die Modemacher, Designer und Luxusparfumeure geschrieben, die sich damals inspirieren ließen.

Poirets Kleid (Zeichnung Iribe) von 1912 ist von Nijinskys Ballett "Nachmittag eines Fauns" inspiriert
Zwei haben sich damals intensiv darum gestritten, wer denn nun die Frauen vom lästigen und vor allem gesundheitsgefährdenden Korsett befreit habe, zwei Modeschöpfer, die in den fließenden und natürlichen Linien der Balletttänzer geradezu schwelgten: Coco Chanel, dank heute noch existierender Firma die Bekanntere - und Paul Poiret, vor dem Ersten Weltkrieg mit die Nummer 1 in Paris. Beide haben für die Ballets Russes auch Parfum kreiert, Paul Poirets Kreationen zu Vaslav Nijinskys Baletten unter dem Firmennamen Rosine werden heute von der Osmothèque in Versailles als historische Zeugnisse bewahrt.

Ich will hier nicht zu viel aus meinem Buch verraten. Allerdings habe ich einen Tipp, wo man sich daneben die bahnbrechende Mode von damals anschauen kann.

Nicht minder berühmt als Paul Poiret ist der Designer und Buchillustrator Paul Iribe, der u.a. Prachtbände über Vaslav Nijinsky gestaltet hat, die damals vor allem in der schwulen Gesellschaft hoch begehrt waren (und wegen der limitierten Luxusauflagen auch heute noch einiges wert sein können). Er hat außerdem Schmuck entworfen und die Modellkleider von Paul Poiret gezeichnet! Übrigens ist der Mann so legendär gewesen, dass die Firma Lanvin heute noch ihr Parfum "Arpège" mit Paul Iribes Originalentwurf verkauft!

Die Openlibrary bietet nun mit Unterstützung des Getty Research Institute ein Digitalisat seines Modebuchs "Les Robes de Paul Poiret" von 1908 an. Man kann das Digitalisat hier anschauen und in allen möglichen Formaten kostenfrei herunterladen.

Wer sich in den Modestil von Paul Poiret vertiefen will, findet einen guten Aufsatz im Metropolitan Museum of Art, wo auch Fotos der Ausstellung zu sehen sind, die die Originalentwürfe nach den Ballets Russes präsentierte. Absolut legendär ist dabei dieses Kostüm mit passendem Turban von 1911, das Nijinskys Kostüm im Ballett Sheherazade nachempfunden ist (Nijinsky in diesem Kostüm kann man auf der Hintergrundgrafik dieses Blogs sehen). Hieraus entwickelte Poiret seine berühmten "Lampenschirm-Silhouette", die so populär wurde, dass sich Vaslav Nijinsky in seinen Tagebüchern darüber aufregt, die Frauen im Publikum würden ihn nur noch nachäffen.

Dienstag, 4. Februar 2014

Gehen, spüren, hören, fliegen

Die schwierigste Szene wahrscheinlich des ganzen Stücks: Ein Monolog Nijinskys, bevor der angelegte Konflikt eskaliert. Dünnhäutig wird er dabei, äußerst dünnhäutig. Aber nicht nur er soll fühlen: Ich will, dass das Publikum ihn spüren kann.

Um so etwas schreiben zu können, muss ich mich selbst dünnhäutig machen, muss durchlässig werden. Das sind die Tage, die schöpferisch Tätige auch in anderen Künsten kennen: Man meidet Menschenansammlungen, schließt sich vor dem Geschrei der Wirklichkeit da draußen ab, bringt sich in eine Art Schwebezustand. Nichts darf einen in diesem Moment zurückholen in die Gegenwart der anderen, denn dann wäre der Zauber gebrochen.

Manchmal reicht ein guter Kaffee, ein Fetzen Musik. Aber diesmal ist es anders. Es geht in die Schmerzen eines zutiefst Gepeinigten hinab. Nijinsky hat eine Liebe verloren, zwei seiner Stücke sind abgesetzt und was er vermutet, klingt nur vornehmlich wie Verfolgungswahn. Denn die Intrige, die er feinsinnig erspürt, ist echt. Dazu schwebt wie ein Damoklesschwert über ihm der Wunsch Diaghilews, er möge für ein Jahr aussetzen. Einfach nur aussetzen, Urlaub machen. Wie macht das einer, der ohne Bewegung nicht sein kann, dem die Bühne alles ist - das Leben, die große Liebe? Einer, der im Alltag nicht besteht, alles abgenommen bekommt vom Leibdiener und vom Geliebten? Ein Jahr ohne Tanz ... und das einem Vollbluttänzer, der von Kindesbeinen nichts anderes getan hat? Er will es nicht, aber er klammert sich an die große Aussicht: Ein Ballett nach Musik von Johann Sebastian Bach. Wieder Tänzer und Choreograph zugleich sein ...

Ich trage die Szene, die nun kommen soll, wohl schon ewig mit mir herum ... wie so viele ungeschriebene, aber erfühlte Szenen. Manche von ihnen brauchen Leben und Zeit und seltsame Zufälle um sich herum, um zu wachsen. Da ist der Choreograph, den ich kennenlernte, der als junger Ballettschüler einen ganz besonderen Lehrer hatte: Leon Wojcikowski, einen Tänzer, der noch persönlich mit Vaslav Nijinsky und den Ballets Russes auf der Bühne gestanden hatte! Näher kommt kaum etwas einem Augenzeugenbericht nach hundert Jahren. Und wie er mir vom Geheimnis des Fenstersprungs von Nijinsky erzählt ... etwas, das in keinem Buch steht. Das Niemandem, den ich kenne, auch nur irgendwie bewusst ist. Der Fenstersprung Nijinskys im Ballett "Der Rosengeist" war legendär - in meinem Buch beschreibe ich die schier unmenschliche Anstrengung dahinter. Aber warum sprang Nijinsky einmal rückwärts!?

Nijinsky, Vaslav 2104 / photog... Digital ID: nijinsky_2104v. New York Public Library

Nie werde ich den Gänsehauteffekt vergessen. Da war auf einmal dieses Gefühl aus Kindertagen. Wenn ich aufmerksam den Gehweg entlanggehüpft bin und nicht auf die Linien treten durfte. Immer nur ins Innere der Steinplatten. Auf eine Linie treten, das war wie Chaos in die Welt bringen, das musste ausradiert werden, rückgängig gemacht, mit einem Rückwärtssprung in die Mitte. Kinder haben solche magischen Spiele, die sie irgendwann vergessen. Nur manchmal ist da noch eine leise Ahnung, wie man sich den Kosmos in Ordnung hüpfte, wie es sich anfühlte, wenn er scheinbar in Unordnung geriet, wie man gegensteuerte, sich bewegte, hüpfte, tanzte. Nijinsky hat die Sache mit dem Fenster nicht zufällig getanzt. Sein geliebter Bruder war als Kind aus dem Fenster gefallen, Stockwerke tief. Tagelang lag er bewusstlos, dann das wundersame Erwachen. Aber etwas im Kopf des Bruders war ver-rückt, war aus der geordneten Bewegung geraten. Nijinsky sprang immer wieder für seinen Bruder ... zurück.

Es ist ein Bild für meine Szene. Und da ist noch eine Kindheitserinnerung von ihm, nicht mir, hochemotional. Ich muss in Nijinskys Sprache, seinen Tonfall, seinen Atem finden.

Ich gehe. Gehe über Wiesen, Felder, durch den Wald. Höre Gustav Mahlers Fünfte und gehe ins Gefühl hinein. So viel Traurigkeit, so viel Sehnen ... fast ist die Musik nicht auszuhalten. Es erdet mich mein Hund, der ganz andere Linien verfolgt als choreographische. Aber ich darf nicht stehenbleiben, wie ich dünnhäutiger werde. Raben begleiten mich und Vorfrühlingsvogelsang, der ins Pianissimo dringt. Wie ist das, wenn einem die Kunst genommen werden soll? Wenn man funktionieren soll wie all die anderen da draußen, im Alltag, da, wo es laut ist und das Leben quirlt. Was muss sich einer abschneiden, der das Leben aus sich heraustanzt, der gefühlt werden will von den anderen, der vor Liebe nur so überströmt, als andere ihn abschieben wollen?

Es ist nicht einfach. Daheim, am Laptop sitzend, schalte ich leise, ganz leise Schostakowitsch ein. Das ist die Musik für so etwas: die fünfte Symphonie, auch bei ihm die fünfte .... als ginge es um eine verborgene Symmetrie. Man hört die Anklänge von Mahler bei Schostakowitsch obendrein. Zufallswahl. Zufall? Das Stichwort: Symmetrie. Bevor ich daran gehe, sie komplett zu zerstören.

Dann ist es da. Es schreibt mich. Ich nehme nichts mehr wahr, bin ganz da, ganz vorhanden in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Ich bin mit Nijinsky Kind und ich sitze verzweifelt mit ihm im Hotelzimmer. Spreche für ihn, fühle ...

Irgendwann noch ein Durchgang, ein wenig feilen. Wie immer, wenn etwas so aus mir herausgeflossen ist, muss nicht viel verändert werden. Eine ganze Symphonie lang hat dieser kleine Monolog gebraucht. So viele Tage stecken in dieser winzigen Szene. Der letzte Ton - ein Punkt. Mein erschreckter Blick auf die Uhr, die jemand vorgedreht haben muss ... und dann der Schüttelfrost.

Ich klappere mit den Zähnen, bin völlig ausgelaugt und erschöpft. Einen Espresso und einen Kraftriegel später bin ich fähig, meine eigenen Worte laut durchzulesen. Worte, die mir immer fremd vorkommen und die mit dem Musiker enden, den ich während des Prozesses eigenartigerweise nicht habe hören können:
"Ich gebe ihnen nicht mehr das Tier. Bach. Das ist der Knall Gottes. Das Rauschen hinter dem geöffneten Fenster. Bach ist die Mathematik der getanzten Formen. Fliegen, ohne je gesprungen zu sein."
Habe ich das geschrieben? Es muss wohl so sein. Morgen wird Diaghilew ins Zimmer platzen, Nijinskys Monolog genau an dieser Stelle unterbrechen. Morgen muss ich in Sergej Diaghilew schlüpfen ...

Bevor ich diesen Beitrag hier schreibe, schlage ich nach: 5. Symphonie von Schostakowitsch. Und lese dessen Worte:
"Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich hin: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir ..."
Seltsam. Genau das hätte mein Nijinsky in jener Szene auch sagen können.

Der Vorverkauf für die Premiere in Baden-Baden hat bereits begonnen: Hier Karten reservieren!

Dienstag, 21. Januar 2014

Walk like an Egyptian

Wer hat nicht sofort den Ohrwurm "Walk like an Egyptian" im Ohr und möchte gleich lostanzen zum Nummer-1-Hit der Bangles aus dem Jahr 1986! Lustig war das, mit diesen komischen Bewegungen wie auf altägyptischen Friesen - die Hände vorgeruckt ... wie im nicht minder legendären Video der Band. Es heißt, der Song sei von Leuten inspiriert worden, die herumeierten, um von einer Fähre zu kommen - den Texter habe das an alte ägyptische Fresken erinnert. Aber das ist wohl nur eine Mär, denn der Text selbst gibt einen viel spannenderen Hinweis, wenn es von diesen alten Figuren heißt: "They do the sand dance ..."

Der Sand Dance war nämlich nicht minder berühmt und verbreitete sich einst wie ein Virus. Dabei hatte alles so harmlos angefangen: Ein Komponist namens Alexandre Luigini schrieb die Musik für ein "Ballet égyptien", das genau hundert Jahre vor den Bangles als Teil der Oper Aida Aufsehen erregte. In einer Fassung als Orchester-Suite hatte das Stück auch noch im beginnenden 20. Jahrhundert großen Erfolg - die Leute waren verrückt nach exotischen Themen. In den 1920ern fand diese Musik als Hit aus den Konzerthäusern hinaus in die Variétés und Music Halls von Amerika und Europa. Das Trio Wilson, Keppel and Betty (gegr. 1917) brachte mit seinem "Sand Dance" das Publikum nicht nur zum Kochen ... sondern zum Mittanzen. Der Sand Dance war voll in Mode, die Leute schwelgten im Ägyptenfieber. Abgesehen von den Bewegungen, die alten Fresken nachempfunden waren, war das Ganze auch noch lustig und als "Cleopatra's Nightmare" machte der Tanz dann vor allem in den 1930ern Furore ... Weltweit berühmt war das Trio - nur im Deutschen Reich führte ihre Darbietung, die sie 1936 in Berlin noch gaben, zum Verbot durch Goebbels als "entartete Kunst". Die Tänzerin Betty erlebte eine späte Genugtuung - sie wechselte später in den Journalismus und wurde Korrespondentin bei den Nürnberger Prozessen.
Ob der Songwriter von The Bangles wirklich nichts von diesem Vorbild wusste?
Cleopatra's Nightmare bei youtube anschauen
Wilson, Keppel & Betty bei youtube anschauen
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Die wenigsten Menschen jedenfalls kennen den sogenannten Missing Link, das wirkliche Vorbild, das zwischen dem 19. Jahrhundert und den 1920er Jahren überhaupt erst die Ägyptomanie in der Tanzsszene salonfähig machte ... zu seiner Zeit jedoch reichlich skandalumwittert: Vaslav Nijinsky!

Es ist 1912. Vaslav Nijinsky tanzt nach seiner eigenen - übrigens ersten - Choreographie "L'après-midi d'un faune" von Debussy. Die Tänzer tragen Kostüme, die an alte griechische Statuen erinnern, aber ihre seltsamen Bewegungen erinnern an altägyptische Fresken:
"Den Oberkörper unbeweglich zum Publikum gewandt, zeigen ihre Füße schon in Fluchtrichtung, die Köpfe jedoch starr rückwärts zum Faun. Und dann immer wieder das gleiche Spiel: Brust oder Rücken bleiben starr zum Publikum gerichtet, Füße und Köpfe verdrehen sich ins Profil. Keine Miene verzieht sich während der zwölfminütigen Aufführung. In abrupten, starren Winkelungen entwickeln die Gliedmaßen ein Eigenleben, als seien sie abgebrochen von einer Statue, als müssten sie auf einer zweidimensionalen Fläche agieren." (Petra van Cronenburg: Faszination Nijinsky)
Wie es dazu kam, darüber gibt es eine nette Anekdote: Wie immer scheuchte der Impresario Diaghilew seinen Startänzer Nijinsky und den Bühnen- und Kostümbildner Leon Bakst zu Studienzwecken ins Museum. Dumm nur, dass die beiden ausgerechnet im Louvre aneinander vorbei liefen! Bakst wartete im Erdgeschoss auf Nijinsky, sichtlich fasziniert von den Sammlungen aus dem antiken Griechenland. Nijinsky war wieder einmal zu schnell vorausgestürmt: in die ägyptischen Sammlungen einen Stock darüber. Ob er schon einmal einen frühen "Sand Dance" auf der Bühne gesehen hat, ist nicht überliefert. Aber er hat sich seine Bewegungen auf eben jenen altägyptischen Fresken abgeschaut. Seine Idee von der Choreografie war bahnbrechend: Alles sollte so aussehen, als sei es zweidimensional auf eine Wand gemalt!

Als die Ballets Russes dieses Ballett und schließlich auch "Cléopatre" auf die Bühne brachten, grassierte in Europa gerade das Altägyptenfieber. Spektakuläre archäologische Funde rückten die Antike wieder ins Blickfeld - einer der berühmtesten war der Fund der Nofretete 1912. Man schwelgte in den Farben der Fresken und ahmte den Stil der alten Ägypter in Mode und Design nach. Bis die zweite große Welle dieser Mode kam - mit der Öffnung des Grabs von Tut-ench-Amun 1922. Ob Wilson, Kettle & Betty nicht sogar die Vorbilder der Ballets Russes parodierten? Sie gründeten ihre Gruppe im Jahr nach deren legendärer USA-Tournee ...

L'Après-midi d'un faune aus einem Film von 1931. Ein besonderer Leckerbissen für Kenner - die Choreographie stammt vom ehemaligen Mitglied der Ballets Russes, Leon Woizikowski, der noch mit Vaslav Nijinsky auf der Bühne gestanden hat. Er versuchte damals zum ersten Mal, dessen Choreographie einigermaßen zu rekonstruieren. Die Version des Joffrey Ballet (Farbe), das eine wissenschaftlichere Rekonstruktion versuchte, kann man hier anschauen.



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