Donnerstag, 24. April 2014

Nijinsky - Premiere in Baden-Baden

Als ich in den frühen 1980ern in Brenner's Parkhotel als Hilfszimmermädchen jobbte, hätte ich mir nicht im Traum ausgemalt, dass meine Erfahrungen so viele Jahre später in meinem Leben wieder eine Rolle spielen könnten. In einem Stück über Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew im Schicksalsjahr 1913, das am 27. Mai in Baden-Baden als szenische Lesung gegeben wird: Jeux - russische Spiele in Baden-Baden, von Petra van Cronenburg.

Jeux - russische Spiele in Baden-Baden am 27. Mai im "Gartenhaus"

Ich wurde von der Veranstalterin gebeten, vorher kurz eine Einführung in die Materie zu geben. Es könnte ja sein, dass die beiden Giganten der Ballets Russes beim heutigen Publikum nicht mehr bekannt seien. Und was sie wohl im Hotel Stéphanie-les-Bains suchten, dem heutigen Brenners Parkhotel?
Ich wollte jedoch bei einem Stück mit zwei Schauspielern nicht die Atmosphäre zerstören durch trockenes Vortragen. Also habe ich zu einem Trick gegriffen: Ein Zimmermädchen von damals erinnert sich in einer Radiosendung. Die kann viel deftigere Details erzählen als die seriöse Autorin. Und prompt war eine Szene entstanden, wo das arme Mädel tagelang nur Messingeländer polieren musste. Ich durfte das damals für die englische Prinzessin Anne tun und kann mich heute endlich an dieser Maloche intellektuell "rächen", indem ich die Prinzessin durch Sergej Diaghilew ersetze, den Sauberkeitsfanatiker!

Nein, den Abend sollen die beiden Männer bestreiten ... und streiten werden sie durchaus auch. Es kriselt an allen Ecken und Enden zwischen den Giganten der Ballettwelt!

Zwei ganz wunderbare Schauspieler habe ich dafür bekommen, die nicht nur vom Alter her und selbst vom Aussehen her auf die Rollen passen. Sebastian Mirow, der den Diaghilew lesen wird, brauche ich Baden-Badenern nicht mehr vorzustellen, der "Superstar" der Stadt ist zu sehen im Faust, im Großen Gatsby, in Dantons Tod, Floh im Ohr oder Maria Stuart.

Sergej Diaghilew wird gesprochen von Sebastian Mirow

Daniel Arthur Fischer spielt derzeit auch Goethes Werther - allein das rückt ihn in die Nähe des sensiblen Vaslav Nijinsky. Zu sehen ist er auch in Stefan Zweigs "Vierundzwanzig Stunden einer Frau" und im "Politischen Salon".

Vaslav Nijinsky wird gesprochen von Daniel Arthur Fischer

Der Vorverkauf läuft auf Hochtouren, Reservierung für den Abend empfiehlt sich. Diese Reservierung muss direkt bei der Stadtbibliothek erfolgen! (Ein Klick bei FB allein genügt nicht).

Die Fotos zeigen Flyer und Programmheft des Theaters Baden-Baden, die in der Stadt überall ausliegen, aber auch direkt bestellt werden können. Der feine Theaterfotograf ist übrigens Jochen Klenk.

Montag, 21. April 2014

Gänsehaut durch Sir Simon Rattle

Ich glaube, ich hörte kaum ein Stück des 20. Jahrhunderts so intensiv wie Strawinskys "Le Sacre". Begleitend zum Projekt "Faszination Nijinsky" habe ich es immer wieder gehört, habe mir jeden nur erreichbaren Film dazu angesehen und auch die Rekonstruktion der Choreografie. Die meist gehörte Version war dabei nichts Weltberühmtes: das ORF-Sinfonieorchester unter der Leitung von Milan Horvath 1992 (Stück bei Spotify anhören / Nachruf Horvath). Es gab aber auch Fassungen, bei denen mir die Zähne zogen und Strawinsky womöglich gestöhnt hätte. Kann man bei einem solch extremen Musikkonsum denn noch Genuss empfinden?

Ja, man kann. Je besser man in ein klassisches Stück "hineinschauen" kann, je mehr man versteht, wie es "funktioniert", desto größer wird das Staunen: "Le Sacre" ist für mich eine der größten Kompositionen des 20. Jahrhunderts - im Jahr 1913 seiner Zeit weit voraus, 2014 immer noch nicht gealtert.

Gestern gab es live bei den Osterfestspielen in Baden-Baden eine Fassung, die auch mir alten Dauerhörerin Gänsehaut vom Kopf bis zu den Zehenspitzen bescherte. Als Sir Simon Rattle die Berliner Symphoniker dirigierte, sah ich förmlich Vaslav Nijinsky hinter der Bühne laut durchzählen, damit die Tänzer gegen die Schreie des Publikums weitertanzen konnten. Ich sah das Ballett vor meinem geistigen Auge, ich sah aber auch, woher die wunderbaren Klangfarben kommen, die Strawinsky mit seiner damals extrem schrägen Orchesterzusammensetzung erreichte. Genuss vom Feinsten - könnte meine Lieblingsfassung werden (gibt es in einer Version von 2012 auch auf CD).
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